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Lodzer Ghetto: Wartesaal des Todes

Kein anderes Ghetto im deutsch besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges bestand so lange. Mit der Liquidierung des Lodzer Ghettos endete die Hoffnung, in einem "jüdischen Wohnbezirk" den Krieg überleben zu können.

Mit Ausnahme Warschaus haben in keiner anderen Stadt Europas vor dem Zweiten Weltkrieg so viele Juden gelebt wie in Lodz. Die 223 000 Juden stellten ein Drittel der Einwohner der Textilmetropole. Jüdische Unternehmer trugen zum Aufstieg der Stadt zum "polnischen Manchester" im 19. Jahrhundert bei, unter den jüdischen Künstlern der Stadt erlangte Artur Rubinstein Weltruhm. Noch heute besitzt Lodz den weltweit größten jüdischen Friedhof, auf dem die verfallenden Mausoleen der "Textilbarone" Zeugnis vom Selbstbewusstsein der Unternehmer ablegen.

Doch das alte jüdische Lodz gibt es nicht mehr, die jüdische Gemeinde, die in den 30er Jahren zahlreiche Synagogen, Rabbinerakademien, Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen umfasste, besteht aus knapp 400 Mitgliedern und wird vom Rabbiner der jüdischen Gemeinde Warschaus mitbetreut. Mit der Auflösung des Ghettos vor 60 Jahren am 29. August 1944 beendeten die deutschen Besatzer gewaltsam eine polnisch-jüdische Erfolgsgeschichte.

Ende einer Hoffnung

Kein anderes Ghetto im deutsch besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges bestand so lange. Mit der Liquidierung des Lodzer Ghettos endete zugleich die Hoffnung, in einem "jüdischen Wohnbezirk" Krieg und Besatzung überleben zu können.

Als die deutschen Truppen im September 1939 Polen besetzten, wurde Lodz als Teil des so genannten Warthegaus annektiert und in Litzmannstadt umbenannt. Für die jüdische Bevölkerung von Lodz war der Beginn der Besatzung von Terror, Plünderungen und Gewalttaten geprägt, an denen sich auch Volksdeutsche beteiligten. Juden wurden systematisch vom ökonomischen Leben ausgeschlossen - alle Bankkonten wurden gesperrt, Unternehmer mussten ihre Betriebe Kommissaren übergeben.

Mitte November 1939 begannen die ersten Deportationen. In einem Geheimbefehl wurde im Dezember 1939 die Errichtung des Ghettos angeordnet - als "Übergangsmaßnahme". Vom 30. April 1940 an mussten 164 000 Juden aus Lodz in ein abgesperrtes vier Quadratkilometer großes Gebiet ziehen, zusammengepfercht in veralteten Holzhäusern ohne Wasserleitungen. Obwohl nur insgesamt knapp 50 000 Räume zur Verfügung standen, wurden in den Jahren 1941 und 1942 insgesamt 20 000 Juden aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Luxemburg und 18 500 Juden aus westpolnischen Provinzstädten nach Lodz deportiert.

Tod durch Epidemien, Hunger und Kälte

In den beengten Verhältnissen des Ghettos war die Todesrate hoch. Etwa ein Viertel der Bewohner starb an Epidemien, Hunger und Kälte. Unter brutaler Aufsicht der deutschen Ghettopolizei wurden die Internierten als Zwangsarbeiter ausgebeutet. Der Lohn: ein Stück Brot und ein Teller Suppe täglich. Zu viel zum Sterben - zu wenig zum Überleben. Die Todesrate war sechs mal so hoch wie vor der deutschen Besetzung.

Von 1941 an fungierten die Ghettos als Zwischenstation für vertriebene Juden aus Hitlers Reich auf dem Weg zur Vernichtung. Nach ersten Deportationen Ende 1940 in Zwangsarbeitslager begannen im Januar 1942 die Transporte in das Vernichtungslager Chelmno. Die meisten Deportierten wurden gleich nach der Ankunft ermordet - bis September 1942 etwa 75 000 Juden und 5 000 ebenfalls in Lodz internierte Sinti und Roma. Chelmno - deutsch Kulmhof - steht für das erste Vernichtungslager überhaupt. Es war für die Ermordung der Juden von Lodz und dem angegliederten Warthegau bestimmt. Zwischen 152.000 und (nach poln. Schätzungen) 320.000 Menschen wurden in so genannten Gaswagen, LKWs mit Auspuffrohr im Innenraum, seit dem 8. Dezember 1941 ermordet. Das Lager wurde am 17. Januar 1945 von den deutschen Kräften geräumt.

Die Deportationen stoppten vorläufig im September 1942 - das Ghetto selbst wurde zu einem Zwangsarbeitslager, in dem nur noch die arbeitsfähige Bevölkerung übrig geblieben war. Im Frühjahr 1944, als die deutsche Niederlage absehbar wurde, entschieden sich die Nationalsozialisten, auch das Ghetto Lodz aufzulösen. Im Juni 1944 wurden die Deportationen nach Chelmno und Auschwitz wieder aufgenommen, der letzte Transport verließ das Ghetto vom Verladebahnhof Radegast vermutlich am 29. August 1944. Die Zahl der Überlebenden Lodzer Juden wird auf 5000 bis 8000 geschätzt.

Eva Krafczyk/DPA / DPA
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