HOME

Serie Teil 2: Hitlers Rache

Die Bombe explodiert im Führerhauptquartier "Wolfschanze", in Berlin beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Der Diktator hat überlebt. Und lässt brutal zurückschlagen: Die meisten Verschwörer werden grausam hingerichtet.

Die Bombe ist genau neben Hitler explodiert. Er muss tot sein. Am Mittag dieses 20. Juli 1944 taumeln verrußte Gestalten aus der "Lagebaracke" im ostpreußischen Führerhauptquartier Wolfschanze, andere werden auf Bahren herausgeschleppt. Der Attentäter, Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, beobachtet es, bevor er in einen Wagen steigt und flüchtet. Auf dem Weg zum Flughafen wirft sein Adjutant Werner von Haeften ein zweites Sprengstoffpaket aus dem Wagen. Stauffenberg hatte es nicht mehr geschafft, den Zeitzünder zu aktivieren.

Bei dem Attentat sterben vier der 24 Anwesenden. Die Betondecke ist teilweise eingestürzt, im Bretterboden klafft ein Loch. Stauffenberg hatte die Aktentasche dicht neben Hitler unter den Kartentisch platziert. Doch Hitler lebt. Er hat Prellungen, geplatzte Trommelfelle, leichte Verbrennungen. Seine Hose hängt in Fetzen, die Haare sind versengt. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel stürzt auf ihn zu: "Mein Führer, Sie leben! Sie leben!" Hätte Stauffenberg beide Bomben gezündet, wird der Sprengstoffsachverständige später feststellen, hätte niemand im Lageraum überlebt.

Der eingeweihte Nachrichtengeneral Erich Fellgiebel meldet am Mittag das Desaster nach Berlin. Dort, im Allgemeinen Heeresamt in der Bendlerstraße, warten die Verschwörer um General Olbricht auf das Zeichen, den "Walküre"-Alarm auszulösen. Mit dieser "Geheimen Kommandosache" soll das Ersatzheer eigentlich eventuelle Streiks oder Aufstände im Reich niederschlagen. Doch die Verschwörer hatten den Plan in eine Gebrauchsanleitung für einen Staatsstreich umgearbeitet.

Putsch per Dienstweg

Unter dem Vorwand, eine "gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer" habe den Führer ermordet, wollen sie die Macht übernehmen: Die Kommandeure in den 21 Wehrkreisen, so ihr Kalkül, würden den "Walküre"-Befehlen gehorchen. Nur die wenigsten würden wissen, dass die Befehle manipuliert seien. So würde der Putsch quasi per Dienstweg verordnet.

Als einen eingeweihten Offizier im Bendlerblock die Nachricht vom gescheiterten Attentat erreicht, geht er vor lauter Panik erst einmal spazieren. Auch Olbricht, der informiert worden ist, zögert. Man isst erst einmal zu Mittag. Immerhin waren schon am Vormittag die Mitverschwörer im Heereshauptquartier in Paris und der Stadtkommandant von Berlin über den bevorstehenden Staatsstreich benachrichtigt worden. Auch in Wien und Prag weiß man Bescheid. Das Codewort lautet: "Übung". Gegen 14 Uhr löst Stauffenbergs alter Freund Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim den ersten "Walküre"-Alarm aus.

Gegen 13 Uhr hört Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, zugleich Gauleiter von Berlin, von dem Anschlag. Stauffenberg sitzt noch im Flugzeug, als SS-Reichsführer Heinrich Himmler am frühen Nachmittag befiehlt, ihn zu verhaften. Gegen 16.30 Uhr hastet Stauffenberg in die Dienstzimmer im zweiten Stock des Bendlerblocks. "Die Detonation war so, als ob eine 15-cm-Granate eingeschlagen hätte", ruft er. "Da kann kaum noch jemand am Leben sein." Entschlossen erteilt er Befehle. Die Sekretärinnen tippen, was das Zeug hält. Doch die Geheimschreiber für die Verschlüsselung arbeiten langsam: Als die ersten Fernschreiben in den Wehrkreiskommandos eintreffen, ist dort schon Dienstschluss. Immerhin bewegen sich einige motorisierte Verbände auf Berlin zu. Stauffenberg telefoniert, diktiert. "Der Führer Adolf Hitler ist tot", heißt es im ersten Fernschreiben. Es ist wie eine letzte Befreiung.

Stauffenbergs Vermächtnis

Schon seit Anfang Juli hatte er seine Bombentasche dabei, wenn er zu Hitler gerufen wurde. Immer wieder hatte er fast spitzbübisch erzählt: "Ich betreibe mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln den Hochverrat." Er habe sein Wort gegeben, ein Attentat auszuführen, sagte er: "Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen." Diese Worte werden als Stauffenbergs Vermächtnis gelten.

Am 6. Juli muss er dem Führer auf dessen "Berghof" bei Berchtesgaden vortragen - ausgerechnet über die Operation "Walküre". In seiner Aktentasche hat er Sprengstoff. Am 11. Juli spricht Stauffenberg in Hitlers "Morgenlage", die von 13.07 Uhr bis 15.30 Uhr dauert. Warum zündet er die Bombe nicht? Angeblich bestehen eingeweihte Generäle darauf, Göring und Himmler gleichzeitig zu ermorden. Vier Tage später fliegt Stauffenberg in die Wolfschanze. In drei Besprechungen referiert er über Stellungsbau und so genannte Sperrdivisionen. Diesmal ist es ernst: Am frühen Nachmittag wird in Berlin "Walküre"-Bereitschaft ausgelöst. Doch wieder zögern die Verschwörer. Während Stauffenberg verzweifelt telefoniert, geht die Besprechung zu Ende. Er fühlt sich verraten. Ein Foto zeigt ihn an diesem 15. Juli 1944. Er steht stramm neben Hitler in einer kleinen Gruppe. Groß und jung, todernst.

In diesen Tagen muss er sich gefragt haben, ob sich das Risiko eines Attentats angesichts der sicheren militärischen Niederlage wirklich lohne. Soll man nicht abwarten und dann die Chance der Kapitulation nutzen? Er schickt einen Vertrauten zu Henning von Tresckow, dem Kopf der Verschwörer.

Als Stabschef der 2. Armee kommandiert der Generalmajor den blutigen Rückzug aus Weißrussland und Polen. Tresckow lässt ihm jene Worte übermitteln, die seitdem zur Ehrenrettung des 20. Juli und seiner Offiziere herangezogen werden: "Das Attentat muss erfolgen, coute que coute. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."

Mit Bibel und Revolver

Als Stauffenberg am späten Nachmittag des 20. Juli in Berlin das Kommando übernimmt, sickert bereits die Nachricht durch, der Führer habe ein Attentat überlebt. Den wankelmütigen Chef des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm, sperren die Verschwörer kurzerhand in ein Zimmer. Sie versammeln sich in Stauffenbergs Büro im zweiten Stock. General Olbricht und Mertz von Quirnheim sind da, Stauffenbergs Bruder Berthold und Generaloberst a. D. Erich Hoepner. Der designierte Chef des Ersatzheeres verlangt pedantisch eine Ernennungsurkunde. Der zukünftige Staatspräsident Generaloberst Ludwig Beck erscheint in Zivil, der Theologe Eugen Gerstenmaier mit Bibel und Revolver. In der Stadt hält sich Carl Goerdeler versteckt. Er soll Reichskanzler werden. Für Stauffenberg ist der Posten eines Staatssekretärs im Kriegsministerium vorgesehen. Man hält sich bereit für die Verlesung einer Regierungserklärung. Darin werden die Verbrechen Hitlers verurteilt. Die Konzentrationslager seien sofort aufzulösen. Es gelte, die "Majestät des Rechts" wiederherzustellen.

Aus Paris kommt ein ermutigender Anruf: Die 1200 Mann starke SS sei ausgeschaltet. In Wien und Prag versucht man, den Weisungen aus Berlin Folge zu leisten. An die Wehrkreise ergehen weitere Befehle: Sämtliche Gauleiter sind in Einzelhaft zu nehmen. Alle KZs sind beschleunigt zu besetzen, die Lagerkommandanten zu verhaften. Es gilt ein neues Standrecht. Politische Beauftragte werden eingesetzt. Nicht alle wurden eingeweiht. Die Verschwörer bauen auf ihre Mitarbeit. Fast alle werden nach dem 20. Juli ermordet.

Noch gegen 18 Uhr meint Stauffenberg: "Der Kerl ist ja nicht tot, aber der Laden läuft ja, man kann noch nichts sagen." Niemand hat die Rundfunksender besetzt. Zwar wurden ein paar Offiziere ins "Haus des Rundfunks" geschickt, aber die haben kaum Ahnung von Sendetechnik. Und so hören die ungläubigen Deutschen zuerst um 17.42 Uhr, dann um 18.28 Uhr, um 18.48 Uhr und vier Minuten später wieder die Nachricht: "Mordanschlag auf den Führer. Der Führer unverletzt." Hitler will im Radio sprechen, doch es dauert Stunden, bis ein Übertragungswagen aus Königsberg in der Wolfschanze eintrifft. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Gefechtsstand in Goebbels' Garten

Das Berliner Wachbataillon "Großdeutschland" unter dem Kommando des fanatischen Nationalsozialisten Major Otto-Ernst Remer ist ausgerückt und hat bis 18.30 Uhr das Regierungsviertel abgeriegelt. Ein Propagandaoffizier überredet Remer zu einem Treffen mit Joseph Goebbels. Gegen 19 Uhr verbindet ihn Goebbels über seine Direktleitung mit Hitler. "Erkennen Sie meine Stimme?", ruft der in den Hörer. Er sei unverletzt, Remer solle für ihn Berlin sichern. Seinen Gefechtsstand installiert der im Garten von Goebbels' Residenz in der Hermann-Göring-Straße 20. Jetzt richtet sich die Sperrung des Regierungsviertels gegen die Verschwörer.

Als 2. Vorsitzender der rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei wird Otto-Ernst Remer 1951 über die Männer des 20. Juli hetzen: "Diese Landesverräter werden sich eines Tages vor einem deutschen Gericht zu verantworten haben." Und noch 1984 wird Remer giften: "Ich bin stolz darauf, wesentlichen Anteil zu haben, dass der Aufstand von 1944 für die Verschwörer zu einem Desaster wurde."

Stauffenberg beschwört verwirrte Anrufer aus den Wehrkreisen, nur den Befehlen aus Berlin zu gehorchen. Um 19.47 Uhr schickt er ein Fernschreiben: "Das durch den Rundfunk bekannt gegebene Communiqué trifft nicht zu. Der Führer ist tot!" Doch die Telefone klingeln auch im Führerhauptquartier. Dort versichert man: "Der Führer lebt." Gegen 20 Uhr trifft Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben im Bendlerblock ein. "Schöne Schweinerei, das", herrscht der designierte Oberbefehlshaber Stauffenberg an. Es gibt keine Truppen, die er befehligen könnte. Der alte Mann tobt, dann fährt er nach Hause. Er wird am 8. August 1944 hingerichtet.

<zwit>Wettlauf mit der Zeit

Um 20.30 Uhr wird das Fernschreiben Nr. 1 aus dem Führerhauptquartier an die Gauleiter verschickt: "Nur Befehle des Führers Adolf Hitler haben Gültigkeit, nicht Befehle abtrünniger, reaktionärer Generale." Fernschreiben Nr. 5, eine gute Stunde später: "Es versteht sich von selbst, dass nationalsozialistische Gauleiter von diesen Verbrechern, die ihrem Format nach ausgesprochene Miniatur-Würstchen sind, sich nicht dupieren lassen..."

Um 22 Uhr ruft Stauffenberg seinen Vetter Cäsar von Hofacker in Paris an. Er wolle sich verabschieden: "Die Schergen lärmen auf dem Flur." Soldaten des Berliner Wachbataillons haben den Bendlerblock umstellt, dringen ins Gebäude ein. Es kommt zu einem Schusswechsel.

Ein Hitler-treuer Offizier lässt die Nachrichtenzentrale besetzen. "Sie haben mich ja alle im Stich gelassen", sagt Stauffenberg zu einer Sekretärin.

General Fromm erklärt die Verschwörer jetzt flugs zu Hochverrätern und verurteilt sie standrechtlich zum Tode. Generaloberst Beck will sich mit seiner Waffe töten. Beim zweiten Schuss bricht er zusammen. Eine knappe Stunde später erschießt ein Feldwebel den Sterbenden.

Um 0.30 Uhr werden Friedrich Olbricht, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften im Innenhof des Bendlerblocks erschossen. "Es lebe das heilige Deutschland." Es scheint so, als habe Stauffenberg diese Worte in die Gewehrsalve gerufen. Neben den Leichen hält General Fromm eine Rede auf den Führer und dessen "wundersame Errettung". Dann fährt er zu Goebbels. Fromm wird im März 1945 wegen "Feigheit" erschossen.

Um ein Uhr morgens bellt Hitlers Stimme aus den Volksempfängern: "Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen. Die Bombe, die von dem Oberst Graf von Stauffenberg gelegt wurde, krepierte zwei Meter an meiner rechten Seite. Es ist ein ganz kleiner Klüngel verbrecherischer Elemente, der jetzt unbarmherzig ausgerottet wird."

"Hitler wohlauf! Er lebt!"

Die fünf Toten des Bendlerblocks werden zunächst auf dem Friedhof der Berliner Matthäikirche begraben, in Uniform mit Ehrenzeichen. Noch am gleichen Tag lässt SS-Reichsführer Himmler sie ausgraben. Ihre Leichen werden verbrannt, die Asche über die Rieselfelder von Berlin gestreut. Nichts soll bleiben von ihnen. In den Dörfern verkünden Polizisten am anderen Morgen per Megafon: "Hitler wohlauf! Er lebt!" Goebbels' Propagandamaschine leistet ganze Arbeit. Zehntausende demonstrieren, beten für den Führer. "Waffen - Hände - Herzen!", titelt der "Völkische Beobachter" am 27. Juli. "Soldaten für die Front, Arbeitskräfte für die Rüstung!" Der Sieg sei jetzt erst recht gewiss, tönt Goebbels.

Noch in der Nacht des 21. Juli setzt eine ausgedehnte Fahndung ein. Die "Sonderkommission 20. Juli" wächst rasch auf 400 Beamte an. Der Öffentlichkeit sollen die Schauprozesse des Blutrichters Roland Freisler präsentiert werden. Jeden Tag wächst die Zahl der Verhafteten. Es ist eben nicht die "ganz kleine Clique" - es scheint sich vielmehr um eine echte Widerstandsbewegung zu handeln. Rund 600 Menschen werden verhaftet. Weitere 5000 Regimegegner sind es in der schon länger geplanten "Aktion Gewitter". Er habe eine hohe Partie gespielt, sagt Henning von Tresckow knapp, als er vom Scheitern des Attentats hört. Am Morgen des 21. Juli lässt er sich in der Nähe des polnischen Dorfes Ostrów an die Front fahren.

Gegen Mittag erreicht Tresckow den Gefechtsstand der 28. Jäger-Division. Er telefoniert, spricht kurz mit seinem Begleitoffizier. Dann lässt er sich ins Niemandsland zwischen den Fronten bringen. Heiter plaudert er, steigt aus und geht hinüber in den Wald. Wenig später Schüsse. Eine Granate detoniert. Ein Überfall? Sein Begleitoffizier meldet "Tod durch Partisanenhand". Freunde begraben Henning von Tresckow auf dem kleinen Friedhof des Familiengutes Wartenberg in der Neumark. Wenige Tage später gräbt die Gestapo den Leichnam aus. Der "Überfall" war vorgetäuscht. Von Tresckow hatte sich mit einer Gewehrsprenggranate getötet. Viele Wochen später wird seine Leiche verbrannt, die Asche über Felder gestreut.

Dornenschrauben, Streckbetten und Prügeln

Die meisten Männer des 20. Juli ergeben sich freiwillig. Sie werden mit Dornenschrauben, Streckbetten und Prügeln gefoltert. Fabian von Schlabrendorff führen die Gestapo-Schergen im KZ Sachsenhausen die verstümmelte Leiche seines Vetters Henning von Tresckow vor. Schlabrendorff überlebt sein Todesurteil nur, weil Richter Freisler bei einem Bombenangriff stirbt. Er wird unter Hinweis auf die erlittenen Foltern im März 1945 freigesprochen, bleibt aber bis Kriegsende in Haft. Der spätere Verfassungsrichter erlebt den Wiederaufstieg von Nazis in der Bundesrepublik. Verbittert schreibt er: "Der Widerstand war eine Episode."

In ihrer letzten Auseinandersetzung mit dem verbrecherischen System erreichen die Männer des 20. Juli ihre entscheidende, ihre moralische Größe. Sie sterben, aber sie entlarven das Regime. Sie werden als "Lumpen" und "Charakterschweine" beschimpft. Einige müssen vor Gericht ihre Hosen festhalten, man hat ihnen die Hosenträger oder Gürtel weggenommen. Aber keiner bereut. Sie sagen die Wahrheit.

Am 7. August 1944 beginnt der erste Prozess im Berliner Kammergericht, Auftakt zu über 50 Prozessen, die mit mehr als 110 Todesurteilen und weiteren 30 Ermordungen enden. Die meisten Urteile werden wenige Stunden später vollstreckt. In Häftlingskleidung und Holzpantinen überqueren die Männer den kleinen Hof hinüber zum Hinrichtungsschuppen. Durch einen schwarzen Vorhang betreten sie den kahlen, kalten Raum.

Unter der Decke verläuft eine Schiene, daran sechs Fleischerhaken. Der Generalstaatsanwalt ist anwesend, Fotografen, Gefängnisbeamte, der Henker und seine Gehilfen. Schnaps steht bereit.

Schlingen aus Klavierdraht

Die Schlingen sind aus Klavierdraht. Der Verurteilte wird bis zur Hüfte entkleidet, von den beiden Henkersgehilfen in die Höhe gehoben. Fallen gelassen. Dann zieht man dem Sterbenden die Hosen herunter. Ein Stück Stoff wird vor den Toten gezogen, dann tritt der Nächste durch den Vorhang. Jede Minute wird für den Führer gefilmt und fotografiert.

Sie haben Flash deaktiviert oder nicht installiert. Oder Sie benutzen ein iOS-Gerät.

Den Offizieren folgen die Mitglieder des zivilen Widerstandes, unter ihnen Carl Goerdeler, Ulrich Graf von Schwerin, Helmuth von Moltke, Adam von Trott. "Wir werden gehängt, weil wir zusammen gedacht haben", schreibt Moltke an seine Frau Freya, "wenn das nicht ein Kompliment ist." Die letzten Urteile werden am 23. April 1945 vollstreckt - 15 Tage vor Kriegsende.

Nina Gräfin Stauffenberg liegt noch im Bett, als ihr am frühen Morgen des 21. Juli die Nachricht überbracht wird, ihr Mann sei tot. Zuletzt hatte sie am 16. Juli mit ihm telefoniert, wie immer am Sonntag. Sie wollte mit den Kindern aufs Land verreisen. Er sagte, dies sei ihm nicht recht. "Tut mit leid", hatte sie entgegnet, "mein Gepäck ist schon unterwegs, und die Fahrkarten sind auch schon gekauft."

Zwei endlose Tage spaziert sie nun durch die Sommerwiesen der Schwäbischen Alb, dann wird sie abgeholt. "Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht bis ins letzte Glied", hatte Himmler angekündigt. Sie ist im vierten Monat schwanger. Zuerst sitzt sie im Gefängnis am Berliner Alexanderplatz, später kommt sie in den "Bunker" des KZ Ravensbrück. Fünf Monate verbringt sie in Einzelhaft. Sie stopft Strümpfe, übt Stenografie, legt Patiencen. Ende Januar 1945 wird ihre Tochter Konstanze geboren. Sie weiß nicht, ob ihre vier anderen Kinder noch leben. Auch die werden abgeholt und in ein Nazi-Kinderheim nach Bad Sachsa geschafft. Ihren wahren Namen dürfen sie dort nicht nennen.

"Er war unser Idol"

Nina von Stauffenberg heiratet nicht wieder. "Ich bin am liebsten allein", sagt sie. Sie ist 90 Jahre alt und schwer krank. Auf ihrem Schreibtisch liegt der Ehrensäbel ihres Mannes. Der tauchte erst vor zehn Jahren wieder auf. Irgendwie war er in den Besitz des ehemaligen deutschen Kommunistenchefs Herbert Mies gelangt. Wenn sein ältester Sohn Berthold, Generalmajor a. D., über Stauffenberg spricht, fallen stets Worte wie "Pflicht", "Verantwortung" und "Allgemeinwohl". Doch wie war der Vater zu ihm, dem kleinen Jungen? Erstaunt bastelt er an einer Antwort. "Er war unser Idol", müht sich Berthold von Stauffenberg. "Wir haben ihn so gut wie nie gesehen."

Im August 1944 wird auch Erika von Tresckow verhaftet, der Besitz konfisziert. Zwei Monate dauern die Verhöre. Die beiden Söhne sind im Krieg, die beiden Töchter kommen nach Bad Sachsa, dort heißen sie "Wartenburg". Nach dem Krieg arbeitet Erika von Tresckow als Hausdame in einem Internat, später bei der Telefonseelsorge. Sie kann nie sprechen über ihren Mann. "Es wurde geschwiegen", sagt die Tochter Uta von Aretin. Sie sagt auch: "Je mehr ich über meinen Vater erfahre, desto mehr respektiere ich ihn."

Heute tragen zwei Kasernen und 15 Straßen den Namen Henning von Tresckow. Seit drei Jahren steht eine Gedenktafel in seiner Geburtsstadt Magdeburg. Die bislang einzige Biografie über ihn wurde vor 31 Jahren geschrieben. Die erste offizielle Feierstunde für die Männer des 20. Juli findet 1954 statt. Bundespräsident Theodor Heuss spricht zum ersten Mal vom "anderen Deutschland". Doch noch Mitte der 50er Jahre lehnt es über die Hälfte der Bevölkerung ab, eine Schule nach Stauffenberg zu benennen. Den Rechten gelten die Männer des 20. Juli als "Vaterlandsverräter", den Linken später als Nazi-Junker oder bestenfalls als weltfremde Träumer, die den Nazis viel zu lange dienten.

Heute, 60 Jahre danach, können nur noch wenige Überlebende Zeugnis geben. In der Ferne hütet eine alte Frau ein Haus aus Holz, aus dem Fenster blickt sie über die Felder in ein Rund aus Birken. Seit 44 Jahren lebt Freya von Moltke im verträumten US-Bundesstaat Vermont, im Wohnzimmer tickt die grüne Schleswiger Standuhr aus dem Jahr 1809. Gern sitzt die 93-Jährige auf dem alten Sofa mit den dicken Kissen und lauscht dem unaufhaltsamen Ticken der Zeit. Solange sie kann, will sie erinnern an die Männer des 20. Juli, an Offiziere und Zivilisten wie ihren Mann Helmuth vom Kreisauer Kreis. Deswegen möchte sie am Vorabend des 20. Juli in diesem Jahr als einzige Zeitzeugin auch in Berlin sprechen, und vielleicht wird es die letzte Rede ihres Lebens.

"Und doch hat es sich gelohnt"

Ihre ehemalige schlesische Heimat, das Gut Kreisau, ist heute eine deutsch-polnische Begegnungsstätte. Dafür engagiert sie sich. In einem kleinen Büroschrank im Flur bewahrt sie seine Briefe auf, 1600 sind es. Manchmal liest sie darin. "Dann höre ich den Ton seines Lebens", sagt sie. Lange hat Freya von Moltke überlegt, was sie am Vorabend dieses 20. Juli 2004 in Berlin sagen möchte. Eigentlich ist es ganz einfach, meint sie. "Der Widerstand war schwach. Und er war ergebnislos. Unsere Männer sind gestorben. Und doch hat es sich gelohnt. Diese Männer handelten für die Menschlichkeit."

Ruhig sitzt sie auf dem Sofa. Ihr schönes altes Gesicht leuchtet, sie nickt. "Und doch hat es sich gelohnt."

Katja Gloger / print