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Teil 1: 2000 v. Chr. - 135: Das auserwählte Volk und seine vielen Feinde

Israels Stämme wandern ins heutige Palästina ein. Von Moses übernehmen sie den Glauben an den einen Gott, Jahwe, und an ihre bevorzugte Stellung in der Welt. Meist kämpfen sie gegen fremde Herrschaft - bis zur Vernichtung ihres Reichs.

Die Festung galt als uneinnehmbar. Mit einer riesigen Erdrampe hatten die Römer sie jedoch zum Sturm vorbereitet und mit einem gigantischen Rammbock eine Bresche in die Mauer geschlagen. Die Juden errichteten sofort aus Baumstämmen und Lehm einen provisorischen Wall, der dem Rammbock widerstand. Die Römer legten darauf ein Feuer, das sich in die neue Befestigung hineinfraß. Für den nächsten Morgen rüsteten ihre Legionen zum letzten Angriff auf Masada. Das Ende war nah.

Es würde nicht nur schrecklich werden, das wusste Eleazar, der Befehlshaber der jüdischen Verteidiger. Es bedeutete auch das Ende des Traums von einem großen, freien Israel: dem Land, das Jahwe, der Herr, seinem auserwählten Volk verheißen hatte. Nur dafür hatten Eleazar und seine Schar noch drei Jahre nach der Zerstörung Jerusalems der römischen Weltmacht Widerstand geleistet. Was halfen jetzt noch die wohlgefüllten Vorratskammern, die unterirdischen Zisternen, die in den Fels geschlagenen Ställe fürs Vieh? Auf Masadas Uneinnehmbarkeit und Gottes Hilfe hatten die Kämpfer vertraut, als sie sich mit Frau und Kind in dem Bollwerk am Toten Meer verschanzten. Die römische Kriegskunst aber hatte sich als überlegen erwiesen. Der Herr war stumm geblieben.

Eleazar versammelte seine Unterführer im Palast der Festung: "Längst schon hat Gott, wie es scheint, über das ganze Judenvolk verhängt, dass wir sterben müssen, weil er sich von uns abgewandt hat." Doch nicht der Todfeind, die Römer, dürfe dieses Urteil vollstrecken. "Ohne dass sie geschändet werden, sollen unsere Frauen sterben, ohne das Los der Knechtschaft gekostet zu haben, unsere Kinder. Und nach ihrem Ende wollen wir selbst einander den Liebesdienst des Todes erweisen, wobei uns die Bewahrung der Freiheit das schönste Denkmal sein wird."

Durch Los wurden zehn Mann als Exekutoren bestimmt. "Dann legte sich jeder an der Seite seiner Frau und seiner Kinder nieder, umfing sie mit den Armen und erwartete bereitwillig den Todesstreich", schrieb Flavius Josephus, römischer Geschichtsschreiber jüdischer Herkunft, dem wir die Schilderung des Falls von Masada im Jahr 73 nach Christus verdanken. Anschließend tötete einer der zehn seine neun Genossen. "Der letzte warf noch einen Blick auf die Menge der Gefallenen, ob in dem allgemeinen Blutbad nicht noch einer übrig geblieben wäre, und als er sah, dass tatsächlich alle tot waren, steckte er den Palast an zahlreichen Stellen in Brand, nahm seine ganze Kraft zusammen, um sich selbst zu durchbohren, und sank neben den Seinen zu Boden."

Seither ist Masada das Symbol für das Beharren der Juden auf einem unabhängigen Staat in Palästina. Israelische Rekruten geloben bis heute bei ihrer Vereidigung: "Masada darf nie wieder fallen." Nie wieder soll das dem Volk Israel von Gott in Urzeiten verheißene Land, "in dem Milch und Honig fließen", in fremde Hände geraten, wie es in der über tausendjährigen Geschichte des jüdischen Staates so oft geschehen ist.

Ein Volk unter vielen

Die Anfänge der Geschichte des Heiligen Landes verlieren sich im Halbdunkel. Fest steht nur: Anders als im Alten Testament geschildert, war es nicht ein Volk Israel, das etwa um 1250 vor Christus auf Gottes Geheiß unter der Führung des Moses aus Ägypten nach Norden zog. Vielmehr siedelten sich hebräische Stämme - ursprünglich Nomaden aus dem südlichen Mesopotamien - in mindestens vier Wellen in dem Gebiet an, das grob das heutige Israel, das Westjordanland, einen Teil Jordaniens und die südlichen Ränder Libanons und Syriens umfasste.

Nur eine dieser Völkerschaften scheint die Schar des Moses gewesen zu sein. Ein paar Jahrhunderte zuvor hatte es sie wahrscheinlich auf der Suche nach Weideplätzen ins Nil-Delta verschlagen. Ihren abenteuerlichen Auszug aus Ägypten durch das mit Gottes Hilfe geteilte Rote Meer hat die Bibel so plastisch erzählt. In Wahrheit haben die Ägypter und der Pharao den Zug dieser Moses-Schar nach Osten wohl bei weitem nicht als so dramatisch empfunden wie im Alten Testament dargestellt. Es gibt nicht einen einzigen Hieroglyphentext, der ihn auch nur erwähnt. Die herausragende Bedeutung dieses versprengten Haufens hatte einen ganz anderen Grund: Er brachte den Glauben an einen einzigen Gott, an Jahwe, nach Palästina.

Mit dem Ein-Gott-Glauben wurden auch die Überlieferungen und Legenden von Moses und seinen Anhängern Allgemeingut. So entstand allmählich die "offizielle" Tradition aller Juden. Im Laufe von Jahrhunderten wurde sie in der Thora, der Schriftenrolle der Juden, festgehalten. Diese Sammlung höchst unterschiedlicher Texte aus fast einem Jahrtausend ist Mahnung und Erbauung für das auserwählte Volk: von Jahwe immer dann belohnt, wenn es ihm gehorcht, und immer dann bestraft, wenn es seinem Willen zuwiderhandelt.

Als historische Quelle sind die alttestamentarischen Erzählungen nur bedingt zu gebrauchen. Als Rechtfertigungsschrift umso besser. Weil es im Buch der Väter stand, war es für die Juden der Antike gottgegeben, dass Israel das von Jahwe auserwählte Volk sei. Gottgegeben auch, dass sich die Grenzen Israels von dem "großen Strom Ägyptens bis an den großen Strom Euphrat" erstrecken sollten.

Selbst ethnische Säuberungen waren danach ein göttliches Prinzip. Denn der Herr sprach zu Moses: "Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übrig lasst, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Land, in dem ihr wohnt." Damit argumentieren ein paar fanatische Gläubige noch heute.

König Salomo und die ausländischen Geliebten

Die israelitischen Einwanderer vor mehr als 3000 Jahren lebten die Buchstaben des Gesetzes nicht ganz so genau. Mit dem bunten Völkergemisch im Land Kanaan arrangierten sie sich in friedlicher Koexistenz. Nicht immer konfliktfrei, wie die Kriegsberichte der Bibel zeigen. Doch oft in einvernehmlichem Neben- und Miteinander. Das beweisen indirekt etwa die laut Altem Testament vielen "ausländischen Frauen, moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hethitische", mit denen König Salomo zusammenlebte. Oder der unglückliche General Urias im Dienste Davids - kein Israelit, sondern ein Hethiter.

Diesem Ausländer lohnte der König seine treuen Dienste schlecht. Als der General an der Front gegen die Ammoniter kämpfte, sah David eines Abends "vom Dach seines Königshauses aus eine Frau sich waschen, und die Frau war von sehr schöner Gestalt", so die biblische Chronik. Sie war die Frau des Urias. Der König ließ nach ihr schicken, "und als sie zu ihm kam, wohnte er ihr bei". Dem Liebesglück stand nur der arme Urias im Wege. David wusste Rat: Er schickte einen Brief an die Front, in dem er den Oberbefehlshaber des israelitischen Heeres aufforderte, General Urias dorthin zu stellen, "wo der Kampf am härtesten ist, und zieht euch hinter ihm zurück, dass er erschlagen werde und sterbe". So geschah es.

Die Witwe trauerte um ihren Gatten. "Sobald sie aber ausgetrauert hatte, sandte David hin und ließ sie in sein Haus holen, und sie wurde seine Frau und gebar ihm einen Sohn. Aber dem Herrn missfiel die Tat, die David getan hatte." Trotzdem war laut Altem Testament Jahwe meist auf Davids Seite. So schenkte ihm der Herr den Sieg im Zweikampf mit dem Riesen Goliath vom Volk der Philister. Der Kampf war eigentlich von grotesker Ungleichheit.

Hier der hünenhafte Krieger mit Schwert, Lanze und eisernem Schuppenpanzer, dort ein halbwüchsiger Hirtenjunge mit einer Steinschleuder als einziger Waffe. "Heute wird dich der Herr in meine Hand geben, dass ich dich erschlage", kündigte David seinem hohnlachenden Gegner an, "nahm einen Stein und schleuderte ihn und traf den Philister an die Stirn, dass der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht". Dieser legendäre Sieg über einen weit überlegenen Gegner schuf die Grundlage für Davids Aufstieg zum König und für den Mythos, den Israel noch heute im Kampf gegen die Araber beschwört.

Rund 100 Jahre hatte das Israeliten-Reich Bestand

Auch in der historischen Realität waren die Philister die Erzfeinde Israels. Dieses nichtsemitische Volk hatte sich der Küstenebene etwa auf Höhe des heutigen Gazastreifens bemächtigt. Nie gelang es den Israeliten, sie entscheidend zu besiegen. So leitet sich von den Philistern die noch heute gültige Bezeichnung für das Land zwischen Jordan und Mittelmeer ab: Palästina.

Mit den Königen David und Salomo entstand um das Jahr 1000 die Art von jüdischem Reich, auf die das heutige Israel sich beruft - ein glänzender, unabhängiger Staat, fast eine Großmacht im Nahen Osten. Als Salomo starb, umfasste sein Herrschaftsgebiet "alle Königreiche vom Euphratstrom bis zum Philisterland und bis an die Grenze Ägyptens". Jerusalem war die Hauptstadt, Salomos Vater David hatte sie den Jebusitern entrissen. Und mit dem Bau des Tempels durch Salomo stieg die Stadt zum religiösen Zentrum auf, zum heiligen und unveräußerlichen Symbol des Judentums schlechthin. Vorher hatte keiner sich so recht für Jerusalem interessiert. Das israelische Reich als unabhängige Macht begann mit David und Salomo. Und mit den beiden ging es auch wieder zu Ende. Es hatte keine 100 Jahre existiert.

Nach dem Tod Salomos im Jahre 931 zerfiel es schon wieder. Denn der neue König, Salomos Sohn Rehabeam, hatte seinen Herrschaftsstil mit den Worten angekündigt: "Mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt. Ich aber will euch mit Skorpionen züchtigen." Deshalb riefen die Bewohner der Nordprovinzen lieber ihr eigenes Reich aus, nannten es "Israel", machten später Samaria zur Hauptstadt und steinigten den Unterhändler des Königs, der als Vermittler angereist war, zu Tode. Rehabeams Reich blieb auf die Südprovinzen um Jerusalem beschränkt und hieß von nun an "Königreich Juda". In den nächsten 200 Jahren bekriegten sich die beiden Staaten heftig. Der dauernde Bruderkrieg und Grenzkonflikte mit den Nachbarn ließen beide Staaten in die Bedeutungslosigkeit absinken. Dann kamen die Assyrer.

Begabte Krieger und noch fähigere Terroristen

Die Assyrer waren begabte Krieger und noch fähigere Terroristen. Sie gewannen nicht nur die meisten ihrer Schlachten, sondern hatten auch eine wirksame Methode erfunden, Kriege möglichst zu vermeiden: Sie pfählten, häuteten oder verstümmelten ihre besiegten Gegner systematisch. Die Kunde davon hielt viele Völker ab, sich gegen die Assyrer überhaupt zur Wehr zu setzen. So konnten die assyrischen Könige in Vorderasien im achten Jahrhundert ein Großreich errichten.

Dabei fiel ihr Auge auch auf die beiden jüdischen Staaten. Israel, das Nordreich, wollte sich nicht freiwillig ergeben. Die Assyrer eroberten 721 die Hauptstadt Samaria, verschleppten einen Teil der Bewohner und siedelten Völkerschaften aus anderen Teilen ihres Reichs dort an. Die vermischten sich im Lauf der Zeit mit den Israeliten. Sie wurden die Samariter des Neuen Testaments. Das Reich Israel hatte aufgehört zu existieren.

Die Könige von Juda reagierten politisch klüger. Sie unterwarfen sich den assyrischen Eroberern, zahlten hohe Tribute und durften als Vasallenkönige formal selbstständig weiterregieren. Bis zum Jahre 587. Die Babylonier, die bereits 30 Jahre vorher die Assyrer als Großmacht abgelöst hatten, nahmen unter ihrem Herrscher Nebukadnezar Jerusalem ein und zerstörten die Stadt samt Tempel. Der letzte König von Juda, Zedekia, floh. Doch die Truppen der Babylonier holten ihn ein. Sie bestraften ihn auf Geheiß ihres Königs besonders sadistisch. Er musste mit ansehen, wie seine Söhne hingerichtet wurden. Danach stach man ihm die Augen aus und schleppte ihn in Ketten nach Babylon.

Mit dem König ging ein großer Teil der Mittel- und Oberschicht von Juda in die sprichwörtlich gewordene babylonische Gefangenschaft. "Nur von den geringen Leuten im Land ließ der Befehlshaber Wein- und Ackerbauern zurück", so das Buch der Könige. Der letzte Rest des Reichs von David und Salomo verkam zur Agrarprovinz. Dafür bildete sich in Babylon die erste jüdische Diaspora, die es zu Anerkennung und Wohlstand brachte und am Glauben der Väter festhielt. Andere Juden waren vor Nebukadnezars Häschern nach Ägypten geflohen. Im Gelobten Land lebten nun weniger Juden als im Exil.

Spielball einander ablösender Eroberer

Palästina verkam zu einem Spielball einander ablösender Eroberer. Babylonier, Perser, Makedonier, Ptolemäer, Seleukiden, Römer - wer im Nahen Osten gerade das Sagen hatte, bestimmte auch das jüdische Schicksal. 538 gestattete der Perserkönig Kyros nach seinem Sieg über Babylon den Juden die Heimkehr nach Palästina und den Wiederaufbau des Tempels.

Wahrscheinlich machten nur wenige von dem Angebot Gebrauch. Der Mehrheit ging es inzwischen im Exil einfach zu gut. Wer zurückkam, fand ein Land im Chaos. Die Kinder Israels waren in der Unterzahl, Mischehen zwischen Gläubigen und Ungläubigen normal, die meisten huldigten irgendwelchen Götzen. Nie hätten die persischen Herrscher erlaubt, ein jüdisches Reich wieder aufzubauen. Also konzentrierten sich die Mitglieder des auserwählten Volkes auf die religiöse Erneuerung.

515 weihten sie den neuen Tempel ein. Er war nicht so prächtig wie der des Salomo, half aber, sich von dem verlotterten Völker- und Religionsmischmasch des orientalischen Raums abzugrenzen. Federführend dabei war ein Jude aus Babylon namens Esra, den der persische Großkönig zum Statthalter in Jerusalem gemacht hatte. "Alles Volk saß auf dem Platz vor dem Haus Gottes, zitternd wegen der Sache und wegen des strömenden Regens. Und Esra, der Priester, stand auf und sprach zu ihnen: Ihr habt dem Herrn die Treue gebrochen, als ihr euch fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels gemehrt habt. Bekennt sie nun dem Herren, dem Gott eurer Väter, und scheidet euch von den Völkern des Landes und von den fremden Frauen." Die Eiferer hatten die Macht übernommen.

Das änderte sich mit dem Sieg Alexanders des Großen über den Perserkönig Dareios 333 bei Issos. Denn der Hellenismus war der Welt zugewandt und religiös tolerant, griechische Vielgötterei inbegriffen. Zum Entsetzen der Orthodoxen fanden viele Juden vor allem aus den Oberschichten das attraktiv. In den Arenen traten nun Athleten nackt an und setzten sich darüber hinweg, dass sichtbare Nacktheit als einer der schlimmsten Frevel galt. "Sie machten sich sogar künstliche Vorhäute", berichtet vor Entrüstung bebend das Buch der Makkabäer, um sich "mit den - unbeschnittenen - Fremden zu verbrüdern." Schlimmer noch, die Hellenen-Freunde wollten die Sonderstellung Israels als auserwähltes Volk Gottes aufgeben. "In jenen Jahren erwuchsen in Israel Abtrünnige, die redeten mit solchen Worten: Lasst uns Brüderschaft mit den Völkern rings um uns schließen! Denn nur, weil wir uns von jenen abgesondert haben, ist uns so viel Unheil zugestoßen."

Die Unbeschnittenen kommen an die Macht

Als der hellenistische Herrscher Antiochos IV. den Glauben an die griechischen Götter gar zur Reichsreligion erklärte, um seinem Vielvölkerstaat eine spirituelle Klammer zu geben, und den Jahwe-Tempel für ihren Kult öffnete, brach 166 der Aufstand los. Bald weitete sich die Revolte zum Befreiungskrieg aus. Noch einmal schaffte es Israel, angeführt von den Söhnen des Priesters Hasmon, für knapp 100 Jahre einen selbstständigen Staat zu erkämpfen, der "von Dan bis Bersheeva" reichte - vom Südlibanon bis zur Sinai-Halbinsel.

Es war ein Feldzug religiöser Fundamentalisten. Wer sich nicht wieder zum Gott der Väter bekannte, wurde umgebracht oder vertrieben. Den Samaritanern im Westjordanland, die sich den Gotteskriegern wiedersetzten, zerstörten diese zur Strafe ihren Tempel und die Stadt Nablus. Die Bürger wurden verschleppt.

Um das Jahr 100 nahmen die Nachfahren Hasmons offiziell den Königstitel an. Einer von ihnen war besonders grausam. Er ließ in Jerusalem Hunderte von Kriegsgefangenen kreuzigen und deren Familien vor ihren Augen hinmetzeln, während er mit seinen Frauen festlich tafelte. Doch bald schwächte der Streit untereinander die Königskinder. Im Jahr 63 sahen sie keinen anderen Ausweg, als einen Vermittler in ihrem Zwist um die Thronfolge zu suchen. Sie baten die Römer, die inzwischen die Herren im östlichen Mittelmeer-raum waren, um Hilfe. Der römische Feldherr Pompeius befand sich gerade ganz in der Nähe. Er nahm die Einladung dankend an - kam, sah und siegte, statt zu vermitteln.

Jerusalem fiel den Römern zu. Und Pompeius, ein äußerst pragmatischer Herrscher, fand es höchst befremdlich, dass die jüdischen Priester selbst während des Sturmangriffs auf ihre Heilige Stadt nicht von den für den Tag vorgeschriebenen kultischen Handlungen abließen. "Inmitten ihrer Weiheopfer wurden sie niedergemacht und während der Rauchopfer, und die Sorge um den Gottesdienst galt ihnen mehr als ihre eigene Rettung", wunderte sich auch der römische Chronist Flavius Josephus.

Könige von Roms Gnaden

Kurzerhand gliederten die Römer das eroberte Gebiet in ihr Imperium ein. Das Königreich "Judäa" im Norden ließen sie jedoch weiter bestehen. Wer immer dort herrschte, durfte jedoch keine wichtige Entscheidung ohne Zustimmung der neuen Herrscher treffen. Die nahmen auf die religiösen Gefühle der neuen Untertanen wenig Rücksicht, wie die Figur des Herodes zeigt, des bekanntesten unter den Königen von Roms Gnaden.

Herodes war kein Jude, sondern Angehöriger des arabischen Wüstenvolks der Idumäer, die kurz zuvor den jüdischen Glauben übernommen hatten. Er liebte Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe - Dinge, die rechtgläubige Juden verabscheuten. Selbst als Herodes den Tempel prunkvoll umbauen ließ, sahen die jüdischen Prieser darin nicht wahre Religiosität, sondern Eitelkeit. Zudem litt der ungeliebte König unter Verfolgungswahn. Er ließ im Lauf seiner 33-jährigen Regierungszeit unter anderen seine Frau Mariamne und drei seiner eigenen Söhne hinrichten. (Der angebliche Kindermord von Bethlehem, den die Bibel Herodes zu Unrecht in die Schuhe schiebt, ist Gräuelpropaganda.)

Nach dem Tode des Herodes im Jahre vier vor Christus wurde die Lage für die Rechtgläubigen noch schlimmer. Denn die Römer wandelten nun auch noch einen großen Teil Judäas, ausgerechnet die um Jerusalem liegenden Gebiete, in eine ihnen direkt unterstellte Provinz um. Römische Statthalter wie Pontius Pilatus hatten das Sagen. Der letzte Schein jüdischer Eigenstaatlichkeit war dahin. Die Nationalisten, die sich "Zeloten" nannten, Eiferer, waren politisch kaltgestellt. Sie kompensierten das mit Tagträumen: Gott der Herr würde sein Volk Israel bei einem Aufstand nicht im Stich lassen, wenn es ihm nur gehorsam sei.

Revolte gegen die Fremdherrschaft

Als die römischen Statthalter sich dann auch noch mit dem Geld ihrer jüdischen Untertanen die eigenen Taschen füllten, brach 66 nach Christus die Revolte gegen die Fremdherrschaft los. Den Aufständischen gelang zu Beginn des Befreiungskampfes sogar ein Sieg über einen bemerkenswert unfähigen römischen General. Er erfüllte die Zeloten mit trügerischer Zuversicht: Diesmal ist der Herr mit den Kindern Israels und damit auch der Sieg! Zum Einlenken waren sie nun nicht mehr bereit.

Doch Rom vertraute die Niederwerfung des jüdischen Aufstands dem späteren Kaiser Vespasian und dessen Sohn Titus an. Im Jahr 70 nach Christus stand Titus vor den Mauern von Jerusalem. Die Verteidiger waren schlecht vorbereitet. In den drei Jahren seit ihrem frühen Sieg hatten sie die Zeit und ihre Kräfte in blutigen Richtungskämpfen vergeudet.

Titus belagerte die Stadt. In den Mauern kämpften die Menschen bald untereinander um jeden Bissen Brot. Wer zu entkommen suchte und zum Feind überlief, hatte keine Gnade zu erwarten. Titus ließ einen jeden von ihnen kreuzigen oder schickte ihn verstümmelt in die Stadt zurück: Seht, wie es euch ergehen wird, wenn ihr noch länger mit der Übergabe wartet. Anderen schlitzten die Soldaten die Bäuche auf. Denn das Gerücht ging um, die Flüchtlinge hätten Goldstücke als Kapital für einen Neubeginn in der Fremde verschluckt.

Die Verteidiger fühlen sich von Gott verlassen

Als die römischen Truppen schließlich in die Stadt eindrangen, dauerte es noch Tage, bis sie alle Verteidigungsstellungen niedergekämpft hatten. Angeblich wollte Titus den Tempel verschonen. Doch ein Soldat warf ein brennendes Holzscheit durch das Goldene Tor in die Halle, "ohne einen Befehl abzuwarten oder die schweren Folgen seiner Tat zu bedenken".

Gerade noch rechtzeitig gelang es den Römern, den Tempelschatz zu bergen, darunter den berühmten siebenarmigen Leuchter aus Gold. Dann wurde das Heiligtum ein Raub der Flammen. "Wo ist sie denn nun, die Stadt, auf die Gott so sehr vertraute, dass er darin Wohnung nahm? Von Grund auf ist sie zerstört, einzig das Feldlager ihrer Vernichter, das auf ihren Ruinen steht, erinnert an sie. Armselige Greise treiben sich noch in der Asche des Tempels herum und einige wenige Weibspersonen, die weiter ihr Leben fristen dürfen, um den schändlichsten Gelüsten der Feinde zu Diensten zu sein! Wenn wir doch alle den Tod gefunden hätten, ehe die Heilige Stadt den Feinden zum Opfer fiel!", lässt Flavius Josephus den Eleazar klagen, als er drei Jahre später zum kollektiven Selbstmord aufruft.

Dem letzten Aufgebot der Juden war klar: Mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels hatte das Reich Israel, das Gott seinem Volk verheißen hatte, aufgehört zu existieren. Ihr Widerstand war nur noch ein heroisches Nachhutgefecht. So heroisch und sinnlos wie noch einmal 60 Jahre später der Aufstand des Bar Kochbar von 132 bis 135. Auch er war ein fundamentalistischer Anführer, der keine Unbeschnittenen in seiner Nähe duldete und von seinen Anhängern als der lang ersehnte Messias verehrt wurde. Als Beweis für Mut und Treue verlangte er von seinen Soldaten, sich einen Finger abzuschneiden. Angeblich befreite er für kurze Zeit Jerusalem von den Römern. Darauf weisen ursprünglich römische Münzen hin, die mit jüdischen Symbolen und der Inschrift "Jahr 1 der Befreiung Jerusalems" überprägt wurden.

Jerusalem als römische Kolonie

Auch sein Guerillakampf scheiterte an den Römern. Schritt um Schritt wurden seine Anhänger ausgeräuchert, wenn sie in den Höhlen, wo sie sich verschanzt hatten, nicht längst verhungert waren. Als im Jahre 135 die letzte Bastion fiel, fiel auch Bar Kochba im Kampf. Nach ihrem Sieg verboten die Römer den Juden, die Heilige Stadt jemals wieder zu betreten. Jerusalem wurde als römische Kolonie Aelia Capitolina neu gegründet und von Nichtjuden besiedelt. Die Provinz Judäa erhielt einen neuen programmatischen Namen: Syria Palaestina.

Die meisten jüdischen Bewohner wanderten aus. Die Diaspora in Vorderasien, Nordafrika und Europa wurde immer größer. Was die Emigranten mit sich brachten, war die schmerzhafte Erinnerung an die Stadt Davids, "auf die Gott so sehr vertraute, dass er darin Wohnung nahm". Sie aus dem Gedächtnis zu verbannen war Sünde: "Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke." Im Exil, in der neuen Heimat, beendeten die Gläubigen die Pessach-Liturgie jedes Mal mit der Formel: "Nächstes Jahr in Jerusalem." Fast 2000 Jahre sollte es dauern, bis dieses Stoßgebet mehr war als ein frommer Wunsch.

Teja Fiedler / print