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Theodor Herzl: "In Basel habe ich den Judenstaat gegründet"

Nach der Verurteilung des jüdischen Hauptmanns Alfred Dreyfus in Paris 1894 festigt sich in Theodor Herzl der Wunsch nach einem jüdischen Staat. Herzl erlebte dessen Gründung nicht mehr.

"In Basel habe ich den Judenstaat gegründet", schrieb Theodor Herzl nach dem 1. Zionistischen Kongress 1897 ins Tagebuch: "Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. (...) In 50 Jahren wird es jeder einsehen." Seine Vorahnung wurde in der Tat 50 Jahre später mit der UN-Entscheidung zur Teilung Palästinas Wirklichkeit. Herzl selbst erlebte das nicht mehr. Vor 100 Jahren, am 3. Juli 1904, starb er im Alter von nur 44 Jahren an einem Herzleiden.

Zum Zionisten wurde Herzl relativ spät. Er wird am 2. Mai 1860 in Budapest in eine vollständig assimilierte jüdische Familie geboren, in der Religion und jüdische Tradition kaum eine Rolle spielen. Ihr Leben ist ganz an der deutschen Kultur orientiert, nicht zuletzt, weil Herzls Mutter deutschstämmig ist. Als 18-jähriger zieht Herzl mit seiner Familie nach Wien, studiert dort Jura und promoviert 1884. Er wird Journalist, arbeitet in den nächsten Jahren als freier Journalist, schreibt Kolumnen und Glossen und kleine, aber nie aufgeführte Theaterstücke. Für die "Neue Freie Presse" geht er von 1891 bis 1895 als Korrespondent nach Paris.

Dreyfus-Prozess als Schlüsselerlebnis

1894 hat er dort sein Schlüssel-Erlebnis: den Aufsehen erregenden Prozess gegen den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus und dessen öffentliche Degradierung. Nach der Verurteilung und Verbannung des Offiziers festigt sich in Herzl der Wunsch nach einem eigenen jüdischen Staat. Antisemitismus ist damals in Europa weit verbreitet. Jüdische Bürger werden zwar geduldet, jedoch nicht wirklich akzeptiert. Gleichberechtigung gibt es nur oberflächlich. Von den 80er Jahren an kommt es in Europa zu Pogromen, vor allem in Russland. Pogrome unter anderem auch in Oberschlesien, Posen, Böhmen, Mähren und Ungarn führen zu einem Zustrom jüdischer Flüchtlinge im Westen.

Zwei Jahre nach der Affäre Dreyfus veröffentlicht Herzl, der eigentlich Schriftsteller werden wollte, 1896 die Schrift "Der Judenstaat - Moderner Versuch einer Lösung der Judenfrage". Darin reißt er die Möglichkeiten der Staatsgründung für die weltweit verfolgten und heimatlosen Juden an. Typisch für Herzls Geisteshaltung: Für ihn muss der Judenstaat nicht in Palästina liegen, auch Länder wie Uganda oder Argentinien kommen in Frage.

Herzls "utopischer" Wunsch ist ein vom europäischen, emanzipierten Judentum geprägten Staat, in dem Deutsch die Amtssprache werden und in dem es möglich sein sollte, andersgläubige Menschen aufzunehmen und zu tolerieren. Er hält es für realistisch, dass freundlich gesinnte Araber und Juden hier friedlich zusammen leben könnten, und fordert eine gewaltlose Staatsgründung ohne kriegerische Auseinandersetzungen.

Herzl reist nach der Veröffentlichung des "Judenstaats" vergeblich durch Europa, um Geldgeber für das Projekt aufzutreiben. Der jüdische Baron de Rothschild, der schon seit den frühen 80er Jahren jüdische Einwanderer nach Palästina unterstützt, weist ihn darauf hin, dass er mit Einverständnis des türkischen Sultans eventuell eine jüdische Ansiedlung in Palästina beginnen könnte. Herzl nimmt vergeblich Kontakte auf, auch zu Deutschland und Russland. So entschließt er sich, eine jüdische Nationalversammlung einzuberufen. Sie findet vom 29. bis 31. August 1897 in Basel statt. Dort nennt es Herzl an der Zeit für die Juden, ihr Ziel selbst in die Hand zu nehmen, um wirklich frei zu sein.

Die Vision wird Wirklichkeit

Die geladenen 200 Herren in Frack und Zylinder beschließen daraufhin unter anderem die Schaffung "einer öffentlich und gesetzlich gesicherten Heimat für das jüdische Volk in Palästina". Eine jüdische Bank wird organisiert und ein jüdischer Fonds zum Kauf von Land. Doch es hagelt auch Kritik aus jüdischen Kreisen. So polemisierte der Schriftsteller Karl Kraus heftigst gegen die Zionisten, die auch von der jüdischen Orthodoxie angefeindet wurden. Nach deren Lesart nämlich ist der Messias der Einzige, der die Juden nach Jerusalem zurückführen darf. Unter dem Eindruck des Ersten und Zweiten Weltkriegs und des Holocausts wurde Herzls Vision dann doch Wirklichkeit. Seine Tochter und der Schwiegersohn, die dem Ruf Palästinas nicht folgen mochten, wurden zuvor in Theresienstadt von den Nazis ermordet.

Christian Fürst/DPA / DPA