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Tod in Vallegrande: "Er sah aus wie ein Christus"

Wo vor vierzig Jahren der aus Argentinien stammende Revolutionär Ernesto "Che" Guevara seine letzten Schlachten gegen den Imperialismus schlug und starb, nimmt die Verehrung schon heiligenhafte Züge an. In Vallegrande wird er als "Bruder Ernesto de la Higuera" angebetet.

Für die deutsche Ordensschwester Antonia Maria Freude war Vallegrande im bolivianischen Dschungel zunächst ein friedlicher kleiner Ort wie Brochterbeck, ihre Heimat bei Münster. Im Oktober 1967 wimmelte es aber plötzlich von Militärs und Journalisten in dem Ort. "Am Tag, als er aus La Higuera eingeflogen wurde, war ich in der Entbindungsstation tätig. Auf einmal waren überall so viele Leute aus aller Welt", erinnert sich die 71 Jahre alte Schwester. Er - das war Ernesto "Che" Guevara, 1967 einer der meistgesuchten Männer der Welt.

Klägliches Scheitern in Bolivien

Nach einer erfolgreichen Revolution 1959 in Kuba und einem missratenen Intermezzo 1965 im Kongo, versucht er im tropischen Tiefland Boliviens mit 58 Mitstreitern aus Kuba, Bolivien und Peru ein "zweites Vietnam" zu entfachen - und scheitert kläglich. Die 1966 von Deutschland nach Bolivien in die Mission gegangene Ordensschwester arbeitet im Hospital "Señor de Malta", als die Revolution an die Tür klopft. "Das sie ausgerechnet hier kämpften, war schon komisch", sagt sie.

Am 8. Oktober 1967, um 15.00 Uhr wird der frühere Präsident der kubanischen Nationalbank, der in dieser Funktion die Peso-Noten nur mit "Che" zeichnete, bei dem Dorf La Higuera gestellt. Wie ein Häufchen Elend steht der erschöpfte, wehrlose Comandante mit schwarzen verfilzten Haaren neben stolz posierenden Bolivianern. "Das Militär warf hunderte Handgranaten in die Schlucht, wo Che mit seiner Gruppe ausharrte. Sie haben ihn keine 300 Meter von uns entfernt festgenommen", erinnert sich der überlebende Guerillakämpfer "Benigno" alias Dariel Alarcón.

Hinrichtung ohne Prozess

Die Bolivianer wollen einen Prozess um jeden Preis vermeiden. Am 9. Oktober erschießt der betrunkene Soldat Mario Teràn um 13.10 Uhr den Revolutionär aus dem argentinischen Rosario mit neun Schüssen. Es ist ein armseliger, blutgetränkter Tod. Aus dem Radio erfährt der heute 68-Jährige Alarcón vom Tod seines Anführers. Die Leiche wird per Hubschrauber nach Vallegrande gebracht und dort in der Waschküche des Krankenhauses aufgebahrt.

Schwester Antonia Maria macht sich in der Nacht zum 10. Oktober einen eigenen Eindruck. Sie schleicht sich in den tristen Betonraum. Ihr bietet sich dort ein Bild, das haften bleibt. "Er sah aus wie ein Christus."

Letzte Ruhe auf Kuba

Am Morgen kommt der Arzt des Hospitals auf sie zu. "Als er sagte, wir gehen und nehmen dem toten Che Guevara die Hände ab, habe ich gleich gesagt, ich gehe nicht mit." Die Bolivianer wollen mit den amputierten Händen den Tod des Guerilleros beweisen. Denn seine Leiche - so verkauft es das Militär der Weltöffentlichkeit - sei kurz nach seinem Tod verbrannt worden. Vallegrande sollte keinesfalls zum Wallfahrtsort enttäuschter Revolutionäre werden. Doch in Wahrheit verscharren Soldaten den toten Che hastig unter der Landebahn des Flugplatzes. 1997 wird der handlose Leichnam entdeckt und in ein Mausoleum nach Santa Clara auf Kuba überführt.

Mit den Ideen der Guerilleros konnte die deutsche Nonne vom Orden der Heiligen Maria Magdalena Postel damals genauso wenig anfangen, wie die Bevölkerung in Vallegrande. "Hier lebten viele Indios, die überwiegend kein Spanisch, sondern nur Quechua sprachen. Zudem gab es keinen Anlass für eine Revolution, Präsident Barrientos war gerade auf dem Land sehr beliebt", erzählt sie.

Fast schon Heiligenbildchen

Schwester Antonia Maria ist nach mehr als 30 Jahren nach Vallegrande zurückgekehrt und leitet das Kinderheim "Hogar Santa Susana". Ab und zu besucht sie noch den Waschraum. Sie war eine der letzten, die dort vor 40 Jahren Guevaras Leiche sah. Heute ist die 20.000 Einwohner-Gemeinde ein Wallfahrtsort für Anhänger des Che. Auch die Einwohner verehren ihn mittlerweile. In vielen Häusern hängen neben Kreuzen Ikonenhafte Porträts des Comandante, wie ein Heiliger wird er als "Bruder Ernesto de la Higuera" angebetet.

Georg Ismar/DPA / DPA