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Marktplatz – Die Hauptstadtkolumne Klimakonferenz in Glasgow: Die Kohle killt alles

Horst von Buttlar schreibt hier jede zweite Woche über Politik und Wirtschaft
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© Getty Images; Gene Glover
Der Klimagipfel von Glasgow ist eine Enttäuschung, das 1,5-Grad-Ziel nicht zu halten. Viel entschlossener präsentiert sich die Ampel in Berlin allerdings bisher auch nicht.
Horst von Buttlar

Was für ein seltsamer Gipfel, was für ein Spektakel voller neuer alter Ziele und recycelter Pläne! Oder wie Greta Thunberg sagte: Was für "ein Greenwashing-Festival des globalen Nordens, eine zweiwöchige Feier des Business as usual und des Blablabla". Das war übertrieben, traf aber einen wunden Punkt: In Glasgow qualmten auf dem Klimagipfel die Wortwolken aus den Kommuniqués wie einst die Fabrikschornsteine.

Die Staaten haben wichtige Ziele verschoben und gedehnt, wo keine Vertagung mehr hätte sein dürfen. Mehr noch: Sie haben deutlich gemacht, dass sie nicht willens und fähig sind, die Erwärmung des Klimas auf 1,5 Grad zu begrenzen. Zwar dauert der COP26-Gipfel in Glasgow noch an, es müsste aber ein Wunder geschehen, wenn sich da etwas Substanzielles dreht.

Nun hatten viele kluge Stimmen schon vorher die Erwartungen gedämpft. Da war der Kampf gegen die Pandemie, die noch gewaltige Kräfte bindet, die Energiekrise in vielen Ländern – und China, der größte CO2-Emittent der Welt, nahm nicht einmal richtig teil.

Der Plan ist gescheitert

Dabei gab es durchaus Erfolgsmeldungen: eine Einigung zum Ausstoß von Methan. Ein Bekenntnis zum Stopp der Abholzung von Wäldern bis 2030. Milliarden an Südafrika, damit das Land aus der Kohle aussteigen kann. All diese Erfolge wurden aber, kaum waren sie verkündet, relativiert. Eine Deklaration zum Schutz der Wälder? Gab es die nicht schon 2014? Der Methan-Deal: Wer hatte nun wirklich unterzeichnet?

Vor allem aber beim Ausstieg aus der Kohle ab den 2030er Jahren gab es einen Rückschlag, auch wenn Kohleländer wie Vietnam oder Polen überraschend unterschrieben. Denn die größten Emittenten Indien, China, Australien und schändlicherweise auch die USA machen nicht mit. Und damit gehen die Chancen, die 1,5 Grad noch zu erreichen, "gegen null", wie die Internationale Energieagentur (IEA) feststellte.

Das große Versprechen – "coal to history" – steht zwar auf dem Papier, aber der Plan ist gescheitert, in Glasgow das Ende der Kohle zu verabreden. Die Kohle bleibt der Killer. Die IEA hat vorgerechnet, was die Menschheit tun muss, um klimaneutral zu wirtschaften: den Ausbau von Wind- und Solarkraft vervierfachen, Billionen Dollar in neue Netze und Infrastruktur, jede Suche oder gar Erschließung von neuen Öl- und Gasfeldern sofort einstellen. Und Industrieländer müssen 2030 raus aus der Kohle.

Um Netto-null-Emissionen zu erreichen, "müssen sich alle Regierungen auf ein einziges, unerschütterliches Ziel konzentrieren", hatte Fatih Birol, der Chef der IEA, gesagt. Nun, die Kompromissfähigkeit der Welt ist eher erschütternd als unerschütterlich. Über 190 Länder und acht Milliarden Menschen auf ein Ziel einzuschwören erweist sich eben doch als Illusion. Vor allem, wenn die Ziele fern (2050) scheinen, die Nöte aber nah und konkret sind.

2038 statt 2030 für den Kohleausstieg

Wer Ländern wie Indien nun vorhält, dass sie an der Kohle festhalten und erst 2070 klimaneutral wirtschaften wollen, sollte lieber innehalten – und von Glasgow nach Berlin schauen. Die Koalitionsverhandlungen, so diszipliniert sie geführt wurden, wirkten dieser Tage wie ein Spin-off von Glasgow: Schon vorher gab es eher Kleinmut beim Klima, es knirschte, es stockte, die Grünen wurden nervös, dass der große Wurf nicht kommt. Gut möglich, dass auch hier der Knoten platzt und wir große Ziele in Papiere schreiben, was wir überall beschleunigen, ausbauen und verdreifachen wollen.

Unerschütterlich präsentiert sich bisher aber nicht mal das Land, das sich gern als Vorreiter sieht. Das Jahr 2030 steht nicht mal in unseren Plänen, sondern 2038. Es gibt zwar Hoffnungen, dass ein hoher CO2-Preis schon bis 2030 wirkt – aber ein beherztes "Schluss mit der Kohle!" fehlt.

Erschienen in stern 46/2021

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