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Frischluft Sternstunden des Schweigens: Warum wir uns in verbalem Verzicht üben sollten

Neuerdings müssen offenbar alle reden und sich mitteilen und unentwegt senden
"Neuerdings müssen offenbar alle reden und sich mitteilen und unentwegt senden", beobachtet unser Autor Michael Streck (kl. Foto)
© Kristina Flour/Unsplash.com
Es wird viel zu viel geredet. In Bussen und Bahnen, vor allem im Fernsehen. Unser Autor Michael Streck wünscht sich, dass mehr geschwiegen wird und erinnert sich an Virtuosen der Sprechpausen.

Vor Jahren saß ich in einem Zug von Edinburgh nach London, in dem eine junge Dame Platz nahm und sofort zu telefonieren begann. Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen. Aber sie beschallte den kompletten Zug. Alle verstanden alles. Der Vortrag war nicht sonderlich erhellend, aber laut. Es ist ja oft so, dass Lautstärke in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Inhalt steht. Manchmal kam ein Tunnel oder der Empfang war schlecht und die Verbindung riss ab, und wir Passagiere im Abteil atmeten auf, aber die Dame war beharrlich und hörte nicht auf zu reden und reagierte nicht mal auf die britisch höfliche Frage, ob es nicht vielleicht ein kleines bisschen leiser ginge. Nach cirka zwei Stunden Telefonat, wir näherten uns London, brüllte sie: "Mein Akku ist gleich alle, ich muss Schluss machen", und in diesem Moment brach spontaner Jubel aus, man applaudierte, und fast wären sich wildfremde Menschen in die Arme gefallen. Das war lange vor Corona, logisch.

Im öffentlichen Nahverkehr auf Mallorca herrscht seit ein paar Wochen wegen Corona die dringende Empfehlung zu schweigen. Wer nicht redet, versprüht auch keine Aerosole und ist weniger ansteckend. Eine Sprecherin des Instituts für Umweltfragen wurde mit dem Satz zitiert, es gebe da einen Zusammenhang zwischen Dezibel und der Anzahl der Partikel, die dabei aus dem Mund geflogen kämen. "Wer schreit, stößt 50-mal mehr Teilchen aus als Menschen, die schweigen." Das klingt, ganz jenseits von Viren, schon unappetitlich. 

Immerhin schweigt Uli Hoeneß seit einiger Zeit

Ich ertappe mich vielleicht auch deshalb zusehends bei dem Wunsch, die Menschen, zumindest einige, würden mehr schweigen. 

Wann immer ich ihn sehe und höre, wünsche ich mir zum Beispiel, dass Christian Lindner häufiger schweigt, denn was er von sich gibt, klingt ohnehin wie gebraucht.

Ich wünschte mir, auch Söder würde mehr schweigen.

Uli Hoeneß schweigt ja glücklicherweise schon etwas länger. Nun ist leider Schluss damit, er wird Experte für RTL bei den Länderspielen im März und droht, er werde seine Aufgabe “zu hundert Prozent ausfüllen".

Und wenn Karl Lauterbach, weil er einfach nicht schweigen kann und in lauterer Absicht von Talkshow zu Talkshow reist, wenn also Lauterbach schon reden muss, könnte man ihn dann nicht wenigstens untertiteln oder von Christian Brückner synchronisieren lassen? Klänge Lauterbach wie Robert de Niro, würden ihm vielleicht sogar die Querdenker zuhören, für die ich mir lebenslange Masken- und Schweigepflicht auch nach Corona erbitte. 

Wünschenswert wäre grundsätzlich, dass im Fernsehen mehr geschwiegen wird, insbesondere in solchen Formaten, die sich über das Sprechen definieren. Wäre es nicht wunderbar, wenn, sagen wir, bei Anne Will oder Maischberger oder Illner alle Gäste einfach schweigen würden? Nicht als Schweigeminute, sondern als Sendekonzept. Das würde garantiert niemand vergessen, es wäre aus Sicht von taub-stummen Zuschauern sogar inklusiv und inhaltlich innovativ. Selbst Blinde würden nichts verpassen. Wer verpasst in deutschen Talkshows schon irgendwas? 

Der stille Protest des Prinzen

Das Fernsehen, nur zur Erinnerung, hat schon große und unvergessliche Momente des Schweigens geboren. Ende der 60-er Jahre saß der Boxer Norbert Gruppe, alias Prinz Wilhelm von Homburg, im ZDF-Sportstudio und schwieg. Der Moderator Rainer Günzler stellte ihm fünf Fragen, der Prinz schwieg und grimassierte höchstens ein wenig. Günzler machte unbeeindruckt weiter. Der Prinz brachte mit diesem stillen Protest seine Meinung darüber zum Ausdruck, dass ihn Günzler mal zu hart kritisiert hatte. Niemand könnte sich heute noch an Norbert Gruppe erinnern, hätte er nicht so formvollendet den Mund gehalten und sich dann noch für das schöne Gespräch bedankt. Es war definitiv eine Sternstunde.

Fußball-Übertragungen waren früher auch weniger leutselig. Manchmal sagten die Kommentatoren minutenlang gar nichts und ließen das Spiel einfach wirken. Man konnte beinahe denken, die Leitung sei zusammengekracht, war sie aber nicht. Meisterlich beherrschten das Werner Schneider vom ZDF und Ernst Huberty von der ARD. Das klang dann ungefähr so: "Beckenbauer. Lange Pause. Hoeneß. Pause. Müller. Kurze Pause. Tor. Kurze Pause. Und Tor." Mehr nicht. Sie waren Veteranen des Verzichts. Schweigen ist eben nicht gleichbedeutend mit nichtssagend. 

Damals gab es nicht mal Aerosole oder vielleicht doch, aber sie machten nicht krank.

Neuerdings müssen offenbar alle reden und sich mitteilen und unentwegt senden. Man trifft sich nächtens im Netz auf einer App und lauscht im Clubhouse, wie sich Ministerpräsidenten um Kopf und Kragen quatschen. Dummerweise reden ja vor allem jene ausgiebig und wasserfallmäßig, die gar nicht viel zu sagen haben. Das kennt man aus dem Büro. Und falls es in diesem Tempo weitergeht, hat jeder Deutsche bald einen Podcast noch ehe er geimpft ist. Nichts gegen Podcasts, aber ob das sinnvoll ist, weiß ich nicht.  Es wird wirklich Zeit, dass die Kneipen wieder öffnen.

Der große Ernst Huberty, "Mister Sportschau", wird in diesem Monat im Übrigen 94 Jahre alt. Seine Haare waren aber schon immer weiß. Einem wie Huberty würde ich jederzeit wieder beim Schweigen zuhören.


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