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Berlin vertraulich!: Damenwahl bei der FDP

Wer ist Koch, wer ist Kellner? Eine erste Absprache zwischen Westerwelle und Merkel in der Wahlnacht gibt Hinweise. Im schwarz-gelben Kabinett möchte die FDP übrigens zwei Frauen unterbringen - zwei weitere sitzen auf der Reservebank.

Von Hans Peter Schütz

Wie feierte die FDP das beste Ergebnis ihrer Parteigeschichte? Die Spitzenleute zogen ins Berliner Edellokal "Ganymed" und sangen "So ein Tag, so wunderschöne wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn". Nicht immer gesungen haben die Liberalen allerdings an diesem Abend. Laut gebuht wurde auf der FDP-Wahlparty, als Angela Merkel zu ihrem Generalsekretär Pofalla sagte: "Es war toll mit dir, lieber Ronald." Der muss sich auf heftigen Gegenwind der FDP einstellen, falls er, wie gewünscht, neuer Arbeitsminister wird.

Angela Merkel und der FDP-Chef kooperierten dagegen von der ersten Sekunde des schwarz-gelben Bündnisses an. Per Telefon koordinierten sie ihre TV-Auftritte: Erst durfte Merkel vor die Kameras, dann Westerwelle. Ob Guido auch künftig immer so brav seiner Duzfreundin Angela gehorcht? Das Berliner Boulevardblatt "BZ" vermutet das, denn sie meldete den schwarz-gelben Wahlsieg mit der Schlagzeile "Merkel surft die Westerwelle".

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Welche FDP-Dame darf jetzt was werden? Zwei weibliche Bundesminister wollen die Liberalen im neuen Kabinett stellen. Vier stehen bereit: Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, die fest als neue Justizministerin gebucht ist. Dann Cornelia Pieper, die ehemalige Generalsekretärin, die auf weitere Karriere dank ihrer ostdeutschen Herkunft baut. Und einmal mehr auf eine Karrierechance lauert Silvana Koch-Mehrin, Westerwelles Lieblingsfrau, die gerne von der Europapolitik in die Bundespolitik umsteigen möchte.

Birgit Homburger wird energisch auf den Posten der Fraktionsvorsitzenden pochen, den ihr die Partei kaum abschlagen kann, nachdem sie in Baden-Württemberg die FDP auf die absolute Rekordhöhe von 18,8 Prozent gehievt hat und sich in ihrem Wahlkreis Konstanz mit 21,3 noch vor der SPD (18,9) platzieren konnte. Und wen fürchtet die FDP in der kommenden Opposition am meisten? Nicht Steinmeier, sondern Oskar Lafontaine. Der werde jetzt der SPD zeigen, wie man wirklich Oppositionspolitik macht.

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Wer gilt als größter Verlierer in der SPD? Die Genossen sind schnell fündig geworden: Kajo Wasserhövel heißt er. Der Mann, der sich so gerne als Cheforganisator des SPD-Wahlkampfs inszenierte, blamierte sich eindrucksvoll im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick. Er landete mit 18,2 Prozent der Erststimmen noch weit unter der bundesweiten SPD-Marke von 23 Prozent. Und sein Gegenkandidat Gregor Gysi von der Linkspartei triumphierte über ihn mit grellroten 44,8 Prozent.

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Leider gibt es keine Wertungsskala darüber, wer im Wahlkampf den dümmsten Spruch los gelassen hat. Gäbe es eine: Wirtschaftsminister zu Guttenberg läge ganz, ganz vorn. In der Sendung "TV Total Bundestagswahl" mit Stefan Raab zog er über die Piratenpartei her. Zu Guttenberg: "Ich habe ein Beispiel zur Piratenpartei. Ich war vor ein paar Tagen auf einer Veranstaltung, wo eine ältere Frau sich mit diesen Piraten mit diesen hübschen Fahnen unterhalten hatte und gemeint hat: Ja, das eine oder andere kann man ja diskutieren, aber das, was sie da vor Somalia machen, das sollten sie mal unterlassen." Ein Scherz? Nein, das war dahergeschwätzt, wie es dümmer nimmer geht.

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Für die Wahlnacht wollte es sich Frank-Walter Steinmeier noch nicht antun: Schluss endlich mit der Raucherei. Aber ab diesem Montag will er ganz im Sinne seiner Drogenbeauftragten Sabine Bätzing, SPD, nicht mehr zu den Glimmstengeln greifen. Ob er es nach dieser Wahlenttäuschung schafft?

Wie man sich so fühlt, wenn man nach Jahrzehnten nicht mehr an der Kippe hängt, könnte er bei Gregor Gysi erfragen - falls einer aus der SPD jetzt wieder mit einem aus der Linkspartei von Mensch zu Mensch sprechen kann. Linksparteichef Gysi erzählt, an den ersten Tagen des Nikotinentzugs "fühlte ich mich wie amputiert." Was gefällt Ihnen an Ihrem Leben als Nichtraucher? Gysi: " Früher war es doch so: Es ist mitten in der Nacht, Du hast keine Zigaretten mehr, draußen ist ein Sauwetter, aber Du rennst noch zur Tankstelle, um Kippen zu holen. Selbst für eine schöne Frau würdest Du vielleicht nicht mehr so weit laufen. Aber für die Kippen schon. Ganz schön traurig."

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Eine besondere Form des kritischen Nachrufs auf SPD-Finanzminister Peer Steinbrück haben manche seiner Parteifreunde in der Wahlnacht in der SPD-Zentrale gefunden. Sie sagten mit bitterem Unterton: "Steinbrück ist Angela Merkels bester Mann in dieser Regierung gewesen."

Mit gewisser Wehmut sieht allerdings die Hauptstadt-Journaille Steinbrück gehen. Wann kommt wieder mal einer wie er? Einer, der sich auf seinem letzten Hintergrundgespräch vor der Wahl mit dem Satz verabschiedete: "Bald kommen nur noch Politiker rundgescheuert wie Eierkohle." Dass er zu der Spezies nicht zählt, machte er bei dieser Gelegenheit noch einmal besonders deutlich. Steinbrück und Journalisten saßen in einem Speiseraum zusammen, in den sich ein Spatz verirrt hatte, der irritiert auf einer Lampe über den Tischen hockte. Steinbrück zeigte sich besorgt und warnte seine Zuhörer: "Macht mir den Vogel nicht nervös. Sonst scheißt er noch auf eure Teller." Und Steinbrück wäre nicht Steinbrück, hätte er den Journalisten an diesem Tage nicht auch verraten, dass er von den Schreiberlingen viele Flaschen Rotwein gewonnen habe, weil die mit ihm gewettet hätten, die Große Koalition werde die vollen vier Jahre nicht überleben. Wenigstens ein Gewinner in der SPD.