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Linken-Fraktionschef Gysi: "Wir schaffen 10 Prozent plus X"

Die Linkspartei hat entscheidende Landtagswahlen vor sich. Im stern.de-Interview spricht Fraktionschef Gregor Gysi über ein rot-rot-grünes Bündnis im Bund und Partys im Kanzleramt.

Herr Gysi, die Kanzlerin schreibt ihrem Mann freitags einen Einkaufszettel, am Wochenende backt sie Johannisbeerkuchen. Was haben Sie denn so abends im Ofen?
Manche Politiker glauben, erzählen zu müssen, was sie backen oder gebackt bekommen - um ein paar Wählerstimmen mehr abzufischen. Ich hoffe, dass ich nie in diese Situation komme.

Keine Rezepte?
Ich habe schon immer gesagt, dass ich gefüllte Paprikaschote gerne mag. Das Rezept ist veröffentlicht.

Anders herum gefragt: Warum gibt es in diesem Wahlkampf tausend Anekdoten und kaum politischen Streit?
Es ist schwierig, wenn die Kanzlerin und ihr Stellvertreter eine scharfe politische Auseinandersetzung führen sollen. Die haben ja vier Jahre lang gemeinsam regiert! Und weil es keinen Streit gibt, werden die Nebenfragen wichtig. Ich weiß mittlerweile gar nicht, wozu die TV-Sender ein Duell zwischen diesen beiden veranstalten wollen. Das wird langweilig.

Was auch an den Charakteren der Spitzenkandidaten hängt?
Ich finde gut, wie Angela Merkel mit den arroganten CDU-Männern umspringt. Aber es fehlt ihr ein politisches Konzept für das Land. Und Frank-Walter Steinmeier hat auch keins. Da steht eine konservative CDU einer entsozialdemokratisierten SPD gegenüber.

Das ist die Sicht der Linken. Viel eher hat sich doch die CDU sozialdemokratisiert und die SPD blinkt auch wieder links.
Ich bitte Sie! Hätte Gerhard Schröder nicht die Agenda 2010 eingeführt und gleichzeitig die Spitzensteuersätze gesenkt, würde es uns so doch gar nicht geben. Früher hatte die SPD versucht, die Menschen vor solchen Zumutungen zu schützen. Jetzt brauchen wir eine starke Linke in Deutschland – zumindest als Korrekturfaktor.

Oder als Märchenonkel: Sie haben den Slogan "Reichtum für alle" plakatiert. Das klingt in der Wirtschaftskrise wahlweise zynisch oder abseitig.
Nein. Alle Leute wissen, dass nicht jeder Millionär sein kann. Das ist ein Stück Provokation, eine Karikatur der Versprechen, die sich andere Parteien leisten. Die SPD spricht von vier Millionen Arbeitsplätzen, die FDP von Steuersenkungen mitten in der Krise. Das ist alles Blödsinn. Und die ernste Seite des Plakats hängt mit dem Begriff Reichtum zusammen: Ich meine nicht vornehmlich den materiellen Reichtum, sondern Reichtum an Kultur, Reichtum an Bildung.

Gleichwohl: Offenbar haben die Menschen das Gefühl, die Linke schlägt, gerade zu Zeiten der Krise, keine realistische Politik vor. In den Umfragen hat ihre Partei im Vergleich zu den Spitzenwerten 2008 fast ein Drittel verloren. Woran liegt's?
Entschuldigung: Wer hat denn dafür gesorgt, dass es so etwas wie die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes und die Abwrackprämie gibt? Das waren indirekt wir, weil uns die Regierenden fürchten. Und ich bleibe dabei: Wir schaffen bei der Bundestagswahl 10 Prozent plus X. Was die Umfragen betrifft: Es ist immer so, dass Menschen, wenn sie es mit der Angst zu tun bekommen, erstmal am Bestehenden festhalten. Wenn die Folgen der Krise eintreten, und das wird 2010 verschärft der Fall sein, werden auch wieder unsere Umfrageergebnisse steigen. Weil sich dann zeigt, dass eine ganz andere Politik nötig ist.

Gewählt wird am 27. September diesen Jahres. Wenn es wieder zu einer Großen Koalition kommt - wie lange wird die Ihrer Meinung nach halten?
Ein bis zwei Jahre.

Und dann?
Kommt wohl eine Jamaika-Koalition. Die Grünen denken taktisch. Sie wissen: Wenn sie auf die Seite der Union wechseln, können sie wesentlich mehr durchsetzen als in einer Ampel. Denn die Union muss so dankbar sein, dass die Grünen überhaupt kommen, dass es sich für die Grünen lohnt.

Was ist mit der rot-rot-grünen Option?
Die kann es erst geben, wenn die SPD sich resozialdemokratisiert hat. Das geht nicht, wenn sie weiter in einer Großen Koalition steckt. Dafür braucht sie mindestens zwei Jahre in der Opposition. 2013 … das könnte diesbezüglich spannend werden.

Mit Klaus Wowereit und Andrea Nahles an der Spitze einer neuen SPD?
Ich nenne keine Namen. Nur so viel: Die erste Reihe verhindert, dass man die zweite Reihe sieht.

Wowereit hat die Linke in der Berliner Landesregierung entzaubert - sie musste schmerzhafte Kompromisse eingehen. Hat die Linke nicht Angst vor Regierungsbeteiligungen?
Die Linke lernt auch in Berlin dazu: Es gibt die Förderung öffentlicher Beschäftigung, den Berlin-Pass für sozial Schwache und die Schließung der Hauptschulen. Also, die sind auf einem guten Weg. Und ich sage auch meinen Genossen, die um die "Reinheit" der Partei fürchten: Ihr malt Euch da einen Verhandlungsspielraum aus, den es gar nicht gibt. Stellen Sie sich doch mal die mögliche Situation nach den Landtagswahlen in Brandenburg vor: Die SPD ist drin, die CDU und die Linke, sonst keiner. Die SPD will mit uns koalieren, um bestimmte soziale Ziele durchzusetzen. Und wir sagen: Ne, redet mal lieber mit der CDU? Das wäre absurd.

In Thüringen hat Ihr Spitzenkandidat Bodo Ramelow durchblicken lassen, dass er notfalls auf das Amt des Ministerpräsidenten verzichtet, um eine rot-rote Koalition hinzubekommen.
Vergessen Sie's. Das kommt überhaupt nicht in die Tüte. Das wäre Betrug am Wähler. Der Stärkere stellt den Ministerpräsidenten, diese Regel gilt seit 1949 und dabei bleibt's. Und was würde eigentlich passieren, wenn wir diese Regel verletzten? Die SPD käme dann auch in anderen Bundesländern mit ein paar Prozent angedackelt und würde das Amt des Ministerpräsidenten fordern. Also nein, niemals und nirgendwo.

Im Saarland tritt Oskar Lafontaine für das Amt des Ministerpräsidenten an, aber den Umfragen zufolge reicht es nicht. Gleichzeitig gibt es bei der Linken seit Monaten kontroverse Debatten, ob er 2010 alleiniger Parteivorsitzender werden soll. Schickt ihre Partei Lafontaine in die Rente?
Alles Quark. Er ist dabei, Ministerpräsident des Saarlandes zu werden. Ich habe mit Oskar vereinbart, dass wir über den Parteivorsitz erst nach der Bundestagswahl reden. Also kann ich dazu jetzt keine Auskunft geben.

Sie haben selbst den "cheffigen" Stil Lafontaines kritisiert.
Nein: benannt. Aber jeder weiß doch, was wir Oskar zu verdanken haben. Ich habe mit der PDS jahrelang bei 4,8 bis 5,2 Prozent herumgekrebst. Ohne ihn wären wir heute nicht da, wo wir sind.

Trotzdem sind Sie nicht bedeutend genug, um ihren 60. Geburtstag im Kanzleramt zu feiern.
Da hat mich die Kanzlerin vergessen [lacht]. Aber im Ernst: Das ist schon ein eigenwilliger Stil. Wäre ich Berater der Kanzlerin, hätte ich ihr dringend davon abgeraten, Herrn Ackermann dies zu gestatten. Wie sieht das aus der Perspektive einer ALG-II-Familie aus?

Lutz Kinkel