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Mission Bundestag (1): Gottfried Ludewig und die Kabelbinder

Er versucht das Unmögliche: Gottfried Ludewig, CDU, will den linken Wahlkreis Berlin-Pankow erobern. Wie geht das? Die neue stern.de-Serie beobachtet Ludewigs Häuserkampf - bis zum D-Day.

Von Franziska Reich

An diesem Morgen also macht er sich Gedanken um Kabelbinder. Sitzt da im "Sowohl als auch", einem angesagten Café in der Kollwitzstraße, Espresso in der Mitte des Tisches, Mappe mit Papieren ordentlich vor sich hin gelegt, und im Gesicht - wie immer - diese freundliche Wohlstandskinder-Weichheit. Ein bisschen rund. Sehr sanft.

Der Brandt-Zwieback-Junge vom Prenzlauer Berg.

"Kabelbinder für die Plakate. Das sind die Sachen, die einen Wahlkämpfer auf Trab halten", sagt er. Er muss selbst darüber lachen. Er findet auch, dass das ein bisschen irre wirkt. Sieg oder Niederlage - eine Frage des richtigen Kabelbinders. Doch so ist es eben im kleinsten Karo des Bundestagswahlkampfes - und Gottfried Ludewig will auch das kleinste Karo gewissenhaft betreiben. Bis zum letzten Tag. Bis zum 27. September.

Kabelbinder, Thierse und Waschbärbauch

Und so hat er also gestern mit den Kreisvorsitzenden in der Causa Kabelbinder ausführlich telefoniert. Dick oder dünn? Kurz oder lang? "Wir haben uns für die dicken, langen entschieden, die 72-Zentimeter-Variante. Da freuen sich die Wahlhelfer", sagt Ludewig. Er hat sogar einen Verkäufer im Internet gefunden, der die Kabelbinder billiger anbietet als die CDU-Parteizentrale. Ersparnis und praktischer Hänge-Komfort in einem - perfekt. Am Ende des Wahlkampfes werden sie in vier Wellen insgesamt 4000 Plakate aufgehängt haben. Die Straßenzüge in Prenzlauer Berg, Pankow und Blankenfelde - geflutet mit Gottfrieds.

Sein Slogan: "Frische Ideen sind wählbar".

Gottfried Ludewig macht nicht den Eindruck eines harten Polit-Haudegens. Er wirkt lustiger - weniger Macho mit Machtgier als Frohnatur mit Waschbärbauch. Doch bei aller Freundlichkeit - blöd ist er nicht. Nicht so blöd, zu glauben, er könne tatsächlich im Wahlkreis 077 das Direktmandat erringen. Nicht so naiv, darauf zu setzen, dass selbst in diesen Zeiten, in denen die SPD bundesweit bei knapp über 20 Prozent dümpelt, ein Gottfried Ludewig gegen den alten SPD-Löwen Wolfgang Thierse gewinnen könnte. Bei der letzten Bundestagswahl holte die SPD in diesem Bezirk 41,1 Prozent der Erststimmen. Die CDU landete bei 15,3 Prozent. "Es gab Straßen, da hat die CDU nicht mal ein Dutzend Stimmen bekommen", sagt Ludewig, "gerade hier im Prenzlauer Berg sind die Leute eben traditionell links."

Ziel: ein Achtungserfolg

Er sagt, es gehe ihm nicht um den Sieg. Es gehe ihm um das, was Politiker einen "Achtungserfolg" nennen.

Und so zieht er also aus, Gottfried, der Unerschrockene, um diese traditionelle Linken-Bastion aufzubrechen - wenigstens ein Millimeterchen. Mit Luftballons und Häuserkampf. Mit Twitter und Blog und jede Menge Händeschütteln auf den Straßen.

Und man schaut ihn an und fragt sich: Was treibt diesen Typen dazu an, Wochen und Monate in diesen aussichtlosen Kampf zu investieren?

Abmarsch bei der Bundeswehr

26 Jahre ist er alt. Wuchs auf in Alfter bei Bonn, drittes Kind des ehemaligen Bahnchefs Johannes Ludewig, ein braver Junge der biederen Bonner Beamtenrepublik. Abitur am Helmholtz-Gymnasium. Dienst bei der Bundeswehr - aber nur eine Woche lang, weil er dann am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte.

Volkswirtschaftsstudium in Berlin. 14 Monate Aufenthalt in Rom. Diplom. Nebenbei Arbeit für die CDU-Studentengruppe RCDS. Rasanter Aufstieg bis zum RCDS-Vorsitzenden mit traditionellem Stammsessel im Vorstand der CDU-Bundespartei. Beginn der Doktorarbeit über das deutsche Krankenversicherungssystem.

Alles brav. Alles bodenständig und beflissen.

Und - wie könnte es da anders sein - schon durch diese Biographie ein echter Konservativer? Nein, sagt Gottfried Ludewig, er würde sich nicht als Konservativen bezeichnen. "Ich bin Christdemokrat." Mehr noch: "Ich bin Christdemokrat im modernen Sinne."

Chinesisch-Kurse für Kleinstkinder

Im modernen Sinne also. Das klingt edler. Weltläufiger. Das klingt nach einem, der nichts gegen Ganztagsschulen hat. Einem, der findet, dass ein Mann auch einen Mann heiraten darf. Eben einem, der von sich glaubt, zum aufgeklärten Lebensstil dieses Berliner Wahlkreises zu passen. Er versteht nicht, warum so viele hier die CDU in Bausch und Bogen ablehnen. Er findet, man teile doch die gleichen Werte. Den Wert der Familie. Der Ökologie. Der Bildung. Alles Themen, die in diesem Stadtteil mit trendiger Eltern-Armada, tausenden Bio-Supermärkten und Chinesisch-Kursen für Kleinstkindern wichtig sind. "Aber der CDU doch auch!" ruft Gottfried Ludewig dann.

Ja, er kann in Rage geraten, wenn er darüber spricht, dass er doch eigentlich einer von den Guten ist - nur eben in der falschen Partei.

So viele Missverständnisse.

Die Sache mit dem Partei-Logo

In diesen Momenten tröstet sich Gottfried Ludewig mit dem festen Glauben daran, dass es nur eine Frage der "Kommunikation", der Vermittlung sei, um die Menschen von seiner Partei und seiner Kanzlerin zu überzeugen. Dann erzählt er gern Geschichten von allein erziehenden Müttern, die er samstags auf dem Kollwitzplatz-Markt trifft und die nach intensivem Gespräch angeblich sagen: "Eigentlich haben wir gar nicht so unterschiedliche Einstellungen. Aber CDU wählen? Kann ich mir nicht vorstellen."

Und so hat er mit seiner Mannschaft eine ausgefeilte Wahlkampf-Strategie ertüftelt. Bei der ersten Aktion im Frühjahr verteilten sie Luftballons und Flyer mit der Frage: Wer ist Gottfried? Nur diese Frage. Kein Parteiname. Einziger Hinweis für die echten Kenner: die CDU-Farbe Orange. Man hätte ihn auch für einen Sannyassin halten können. "Ich will meine Partei nicht verstecken", sagt er, "aber wenn auf den Briefwurfsendungen gleich vorne ein Parteilogo prangt, werfen viele hier das ohnehin in den Müll", sagt Ludewig. Er ist kein Fantast. Er ist Realist. Und er will nichts - außer, vielleicht und in aller Bescheidenheit, ein paar mehr Stimmen.

Die Autorin Franziska Reich ist Reporterin im Berliner Büro des stern