HOME

Stern Logo Wahl

SPD-Chef Müntefering: "Sollen wir lieber Arbeitslosigkeit bezahlen?"

Er wirkt entspannt, mit sich und der Politik im Reinen: Franz Müntefering, 69, Parteichef der Sozialdemokraten. Im stern-Interview spricht er über Staatshilfen für Opel und Arcandor, den Umgang mit der Linkspartei - und sagt sogar vier Worte zu seinem Privatleben.

Von Andreas Hoidn-Borchers und Jens König

In seinem Vorsitzendenbüro im Willy-Brandt-Haus in Berlin steht die legendäre Schreibmaschine, Modell "Gabriele", auf der Franz Müntefering so manches wichtige Papier der jüngeren SPD-Geschichte verfasst hat. Sein Regal ist voller Bücher; Müntefering zeigt seinen Gästen gern, welches Buch er gerade liest und welche Stellen darin er angestrichen hat. Und an den Wänden seines Büros hängen viele Bilder. Müntefering erzählt, dass er eine Ahnengalerie mit Gemälden aller ehemaligen SPD-Vorsitzenden plant. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering ist ganz entspannt, als er die stern-Redakteure zum Interview empfängt. Politik macht ihm wieder Spaß - auch wenn die Zeiten ernst sind. Und die ernsten Themen bestimmen auch das Gespräch: Krise, Karstadt, Koalitionen.

Müntefering verteidigt die Hilfe des Staates zur Rettung finanziell angeschlagener Firmen. "Wenn es eine 51-Prozent-Chance gibt, ein Unternehmen zu retten, dann lasst es uns versuchen", sagt Müntefering. "Sollen wir lieber Arbeitslosigkeit bezahlen?" Der Staat müsse eingreifen, wenn es nötig sei. "Es ist sehr viel besser, finanzielle Bürgschaften zu geben, Arbeitsplätze zu retten, Kurzarbeit zu finanzieren - für die Menschen persönlich, für die Wirtschaft und die Stimmung im Land." Was in Deutschland jetzt weg breche, bekomme man später nicht wieder, so Müntefering.

Ohne Lehrbuch

Der SPD-Chef spricht sich in diesem Zusammenhang auch für eine staatliche Bürgschaft für das Handelsunternehmen Arcandor aus. "Ich bin dafür, dass wir auch in dem Fall eine Rettung versuchen", sagt er. Es gehe darum, dass Arcandor Zeit gewinne, um das Unternehmen zu stabilisieren. "Es geht um das Schicksal von über 50.000 Beschäftigten, die meisten davon Frauen. Jeder Arbeitsplatz sollte uns genauso viel wert sein - der eines Mechanikers bei Opel und der einer Verkäuferin bei Karstadt." Müntefering bestreitet, dass die Politik nur deswegen Firmen rette, weil in diesem Jahr Bundestagswahlen stattfinden. "Das hängt nicht am Wahljahr. Oder anders: Sollen wir nicht um Arbeitsplätze kämpfen, nur weil Wahlen sind?", so der SPD-Vorsitzende. "Es gibt in dieser Krisensituation keine bessere Alternative zu dem, was wir tun. Auch wenn es in keinem Lehrbuch der Marktwirtschaft steht."

Freundin? Privatsache

Müntefering spricht sich erneut gegen eine Koalition der SPD mit der Linkspartei auf Bundesebene aus. "Ich lehne eine link-linke Zusammenarbeit im Bund aus sachlichen Gründen ab." Was Europa, Bundeswehr und ökonomische Verantwortung angehe, sei die Linke nicht regierungsfähig und nicht regierungswillig. Das werde sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern, so Müntefering. "Die PDS war schon mal weiter. Der Bruderkuss mit der WASG hat sie zurückgeworfen", sagt er. "Bei der Linken sind Leute nach vorn gekommen, die die Gräben noch tiefer ausheben. Das Problem wird sich vermutlich erst nach meiner Zeit klären." Er denke nicht, dass er als SPD-Vorsitzender die historische Frage rot-roter Bündnisse im Bund zu entscheiden habe. "Sie stellt sich den Verantwortlichen in der Linkspartei." Müntefering zeigte sich verärgert, dass die Linke mit ihrem Kurs der SPD Machtmöglichkeiten verbaut. "Ich bin ja nicht blind", sagt er. "Die Konservativen setzen darauf, dass die Mitte und die Linke keine Koalitionen bilden können. Auf Dauer habe ich darauf keine Lust."

Über seine neue, junge Freundin will Müntefering nicht reden. Das sei Privatsache. Das werde auch in der SPD von allen respektiert. "Ansonsten treffe ich auf viel Freundlichkeit. Es gibt viele, die einem auf die Schulter klopfen", erzählt er. Müntefering war im Herbst 2007 aus der Politik ausgestiegen, um seine damals krebskranke Frau Ankepetra zu pflegen. Sie starb im Juli 2008. Ein paar Wochen danach kehrte Müntefering ins politische Geschäft zurück. Vor kurzem wurde bekannt, dass er mit der 29-jährigen Journalistin Michelle Schumann zusammen ist. "Es geht mir gut", sagt Müntefering. "Ich fühle mich sozial gut aufgehoben, bin gesundheitlich fit, im Privaten stimmt alles. Auch als Parteichef bin ich zufriedener."