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Insolventer Finanzdienstleister Wegen verdächtiger Transaktionen: Commerzbank begann schon im Mai 2019 mit Ausstieg aus Wirecard-Geschäft

Arbeiter demontieren den Commerzbank-Schriftzug an einer Filiale in Frankfurt
Die Commerzbank zog sich nach Recherchen von stern und "Capital" aus ihren Geschäften mit Wirecard zurück, als Bafin und Bundesregierung den Finanzdienstleister noch förderten
© Daniel Reinhardt / DPA
Während die Bundesregierung dem heute bankrotten Zahlungsdienstleister im Jahr 2019 noch die Treue hielt, begann die teilstaatliche Commerzbank bereits im Mai 2019 mit einem "Soft-Exit" im Geschäft mit Wirecard. Den Bankern waren "kritische und ungeklärte Transaktionen" aufgefallen.
Hans-Martin Tillack und Thomas Steinmann

Die Commerzbank ist bis heute teilweise in Staatsbesitz. Dass auch sie wegen der Pleite des Finanzdienstleisters Wirecard Geld verlor, und zwar insgesamt 175 Millionen Euro, trifft deshalb indirekt auch ein bisschen die Steuerzahler. Deshalb können sich Martin Zielke und Marcus Chromik am Donnerstag als Zeugen im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages auf kritische Fragen einstellen – Zielke als ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bank, Chromik als ihr Risikochef.

Dass man bei der Commerzbank das Risiko der Geschäftsbeziehungen zu Wirecard bereits ein Jahr vor der Pleite als relativ hoch einstufte, zeigen jetzt vertrauliche Unterlagen, die der stern und das Magazin "Capital" auswerten konnten. Demnach leitete die Commerzbank im Mai 2019 wegen "kritischer und ungeklärter Transaktionen" bei Wirecard einen "Soft-Exit" der "gesamten Kundenbeziehung" ein – also einen sanften, gleitenden Abschied. Damals war die Bank mit bis zu 200 Millionen Euro an einem Kredit eines Bankenkonsortiums in Höhe von bis zu 1,75 Milliarden Euro beteiligt. Zudem hatte sie Wirecard eine eigene Kreditlinie von 35 Millionen Euro zugesagt.

Nach der Entscheidung für einen "Soft-Exit" im Frühjahr 2019 blieb die Commerzbank zwar ein Teil des Bankenkonsortiums. Bei der nächsten Verlängerung ("Prolongation") wollte man aber aussteigen. So steht es in Antworten der Commerzbank an die Finanzagentur des Bundes von September 2020. Mit dem "Soft-Exit" verbunden gewesen sei auch ein "Neugeschäftsstopp".

"Soft Exit" als Bafin Wirecard noch positiv bewertete

Die Bewertung der Commerzbank ist auch deshalb brisant, weil die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) wie auch die Bundesregierung als Ganze Wirecard im Jahr 2019 noch als aufstrebendes Unternehmen betrachteten. Die Bafin stellte sogar Strafanzeige gegen zwei Journalisten der "Financial Times", die detailliert über Betrugsverdacht bei Wirecard berichtet hatte. Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte sich bei einem China-Besuch im September 2019 für Expansionspläne des Unternehmens ein. Und Staatssekretär Jörg Kukies, der sich für Finanzminister Olaf Scholz (SPD) um die Bankenbranche kümmert, traf Anfang November 2019 den heute inhaftierten damaligen Wirecard-Chef Markus Braun zum Plausch unter vier Augen.

Wie bankinterne Unterlagen nahelegen, die stern und "Capital" vorliegen, waren bei der Commerzbank nicht erst 2019 Fragen zu bestimmten Geschäftszahlen bei Wirecard aufgekommen. So blieben etwa auch nach einem Treffen der Bankspitze mit Braun im Mai 2018 Punkte offen, die der Konzernchef offenbar nicht klären konnte. Dabei ging es um eine auffällige Entwicklung von Bilanzkennzahlen, auf die bereits im Jahr zuvor das "Manager Magazin" in einem viel beachteten Artikel hingewiesen hatte.

In der Folge des Spitzentreffens reisten zwei Commerzbank-Experten in die Wirecard-Zentrale nach Aschheim, um mit dem damaligen Finanzvorstand und Chefbuchhalter des Zahlungsdienstleisters über die kritischen Punkte zu diskutieren. Dabei legten die Wirecard-Manager eine Präsentation vor, die die Zweifel der Banker auszuräumen vermochte. Man halte die "Erläuterungen" von Wirecard für "nachvollziehbar und damit glaubhaft", meldete ein Commerzbanker im September 2018 an die Führungsebene.

Wirecard wird Commerzbank im Frühjahr 2019 suspekt

Einige Monate später tauchte das Thema Wirecard dann innerhalb der Bank allerdings erneut auf. Offenbar waren es dann auch ungewöhnlich viele Verdachtsfälle von Geldwäsche bei der konzerneigenen Wirecard Bank, die im Frühjahr 2019 zu dem Beschluss führten, die Kundenbeziehung zu dem Aschheimer Großkunden auslaufen zu lassen. Die Compliance-Abteilung der Commerzbank habe 2019 und 2020 bei Transaktionen der Wirecard Bank immer wieder Verdachtsfälle an die Financial Intelligence Unit (FIU) des Bundes übermittelt, hieß es in dem Bericht der Commerzbank an die Finanzagentur vom September 2020. Die FIU hat unter der Aufsicht des Bundesfinanzministeriums die Aufgabe, Geldwäsche zu bekämpfen. Zu diesem Zweck sind Finanzinstitute verpflichtet, auffällige Transaktionen an die Behörde zu melden. 

In einem Vermerk, den die Bafin am 28. Juli 2020 für das Finanzministerium schrieb, werden "mehr als 1500 Verdachtsmeldungen" der Commerzbank zu Wirecard zitiert. Es habe hier laut Commerzbank "mangelndes Feedback" der FIU gegeben.

Die FIU wies das noch am selben Tag in einer Stellungnahme für das Finanzministerium zurück. Eine Zahl von 1500 Verdachtsmeldungen der Bank sei "nicht erinnerlich". Sie passe auch schlecht zu der Zahl von insgesamt 1000 Verdachtsmeldungen, die man bisher zu Wirecard aus allen Quellen zusammen bekommen habe.

Warum zog Commerzbank nicht schärfere Konsequenzen?

Auch der Geldwäsche-Abteilung der Bafin will die Commerzbank bereits im Jahr 2019 "Vorgänge" übermittelt haben – was dort aber, so der Bafin-Vermerk, "nicht nachvollzogen werden" könne. Sicher ist: Am 14. Januar 2020 gab es ein Gespräch zwischen der Geldwäsche-Abteilung der Bafin und zumindest einem Vertreter der Commerzbank, in dem dieser die Aufsicht "über abgegebene Verdachtsmeldungen an die FIU mit Bezug zu Wirecard informierte".

Kritiker fragen sich nun freilich auch, warum die Commerzbank aus den verdächtigen Transaktionen nicht schon früher schärfere Konsequenzen gezogen habe – zumal der Mitte 2019 beschlossene "Soft-Exit" reichlich weich ausfiel. Tatsächlich hatte die Bank zum Zeitpunkt der Wirecard-Insolvenz ein Jahr später immer noch insgesamt 197 Millionen Euro ausstehen, wie die Commerzbank der Finanzagentur des Bundes später mitteilte. Von den bis zu 200 Millionen Euro im Rahmen des Großkredits des Bankenkonsortiums hatte Wirecard 183 Millionen in Anspruch genommen. Hinzu kamen 14 Millionen Euro aus der weiteren Kreditlinie – Geld, das mit der Insolvenz verloren war: Im zweiten Quartal 2020 schrieb die Commerzbank 175 Millionen Euro auf ihr Wirecard-Engagement ab.

FDP-Finanzexperte: Rolle der Bundesregierung klären

Mit Blick auf die Beteiligung des Staates an der Commerzbank warf der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler die Frage auf, ob bei dem anhaltenden Wirecard-Engagement trotz bankinterner Bedenken auch die Bundesregierung eine Rolle gespielt haben könnte. "Es stellt sich die Frage, ob Staatssekretär Kukies bei seinen Gesprächen mit dem Vorstand der Commerzbank Einfluss auf die Entscheidung genommen hat. Das gilt es jetzt aufzuklären", sagte Schäffler. In der Vergangenheit hatte Kukies regelmäßige Kontakte mit der Commerzbank-Führung unterhalten – intensiv auch im Umfeld der Wirecard-Insolvenz im Juni 2020.

Das Finanzministerium verwies auf Anfrage lediglich auf ältere Aussagen im Zusammenhang mit Kukies' Gesprächen mit der Commerzbank-Spitze im Juni 2020, wonach der Eindruck "unzutreffend" sei, die Commerzbank habe "aufgrund von Hinweisen aus dem Bundesministerium der Finanzen ihr Kredit-Exposure gegenüber Wirecard reduziert". Nach Ansicht des Finanzministeriums gab es auch keine "Erkenntnisse über eine Reduktion des Kredit-Exposures der Commerzbank AG gegenüber der Wirecard AG vor Bekanntwerden der wirtschaftlichen Probleme der Wirecard AG".

Die Commerzbank selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu einzelnen Kundenbeziehungen äußern. Die Frankfurter Großbank prüfte nach Informationen von stern und "Capital" bereits im Jahr 2019 auch einen Ausstieg aus dem Konsortialkredit. Dies erschien der Bank aber vertraglich unmöglich. Dagegen beendete die Commerzbank im Laufe des Jahres 2019 die Geschäftsbeziehung mit der Wirecard Bank. Zuvor war das Institut für die Bankentochter des Zahlungskonzerns als sogenannte Korrespondenzbank tätig, die für ihre Kundin beispielsweise bestimmte Transaktionen im Ausland abwickelte.

dho

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