VG-Wort Pixel

Bankrotter Zahlungsdienstleister Wie ein Steuerprüfer früh Wirecard auf die Schliche kam, aber dann bei den Staatsanwälten abblitzte

Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München zu sehen
Der Schriftzug von Wirecard ist an der Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters in Aschbeim bei München zu sehen
© Peter Kneffel / DPA
Ein Steuerprüfer in Bayern las Anfang 2019 in der "Financial Times" Enthüllungen über Wirecard und fand dann Hinweise, dass die Vorwürfe triftig waren. Doch noch im Januar 2020 winkte die Staatsanwaltschaft in München ab. Das zeigen vertrauliche Unterlagen.
Von Thomas Steinmann und Hans-Martin Tillack

Die Arbeit von Betriebsprüfern spielt sich gewöhnlich im Verborgenen ab. Wenn sich die Spezialisten der Finanzverwaltung die Steuerdaten und Konten von Firmen vornehmen, tun sie dies in äußerst diskreter Weise. Auch Außenprüfungen bei bekannten Unternehmen werden so gut wie nie publik. Es regiert das Steuergeheimnis. Und das ist in Deutschland heilig.

So war es auch bei Wirecard, dem Zahlungsdienstleister aus der Nähe von München, der im Juni Pleite ging und heute für den größten Bilanzfälschungsskandal der deutschen Geschichte steht. Schon vor Jahren begannen Betriebsprüfer, sich sehr intensiv für den Konzern und seine Geschäfte zu interessieren. Zuletzt bis Juni 2020 durchleuchteten Prüfer des bayerischen Landesamtes für Steuern zusammen mit dem Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) die Geschäftsjahre 2010 bis 2015.

Was die Prüfer bei ihren Ermittlungen zu Tage förderten, wirft ein ganz neues Licht auf die Rolle der Behörden im Wirecard-Skandal. Wie Recherchen von stern und "Capital" zeigen, schlugen die Steuerspezialisten früher als andere Alarm. Andere Behörden ignorierten geflissentlich die wiederholten Betrugsvorwürfe gegen Wirecard, die vor allem die britische "Financial Times" (FT) veröffentlichte. Die Finanzminister Olaf Scholz (SPD) unterstellte Finanzaufsicht Bafin stellte sich mit einem zeitweisen Leerverkaufsverbot sogar schützend vor den Konzern. Dagegen nahmen die Betriebsprüfer in Bayern die Vorwürfe ernst und untersuchten in aller Stille Indizien für mögliche krumme Deals.

Dabei ging es etwa um Überweisungen an Briefkastenfirmen, von denen Personen aus dem Wirecard-Umfeld bei Firmenübernahmen profitierten. Ausführlich beschäftigten sich die Prüfer aber auch mit Auffälligkeiten bei jenen merkwürdigen Partnern in Asien, die dem Konzern zuletzt angeblich einen Großteil seines vermeintlichen Gewinns lieferten – was sich in diesem Sommer dann als Märchen entpuppte. Vertrauliche Dokumente zeigen, dass das Finanzamt München auf Basis der Erkenntnisse der Betriebsprüfer von Land und Bund spätestens Anfang 2020 sogar die Staatsanwaltschaft in München informierte. Doch die Ermittlungsbehörde sah damals keinen "ausreichenden Anfangsverdacht", der "die Einleitung eines Strafverfahrens rechtfertigt", wie es in einem Vermerk aus dem Januar 2020 heißt.

Ein Beamter war die treibende Kraft

Die treibende Kraft bei den Ermittlungen war laut Dokumenten aus der Steuerverwaltung vor allem ein Beamter des bayerischen Landesamts für Steuern, der für die Betriebsprüfung bei dem Zahlungsdienstleister aus dem Vorort Aschheim zuständig war. Dieser Mann legte über Monate einen Ermittlungseifer an den Tag, wie er im Fall Wirecard bis zum Kollaps dieses Jahr bei keiner anderen deutschen Behörde erkennbar war – jedenfalls nicht bei der Finanzaufsicht oder der Staatsanwaltschaft. 

Als die Bafin im Frühjahr 2019 wegen angeblicher Marktmanipulation Strafanzeige gegen die FT-Journalisten stellte, die immer wieder über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichteten, machte der Steuerprüfer etwas, auf das andere Behörden offenbar nicht kamen oder nicht kommen wollten: Er ging den Vorwürfen der FT nach. Minutiös glich er die Angaben der Zeitung mit den Erkenntnissen aus der Steuerprüfung der zurückliegenden Jahre ab. Darüber hinaus holte er bei Registern und Datenbanken Einkünfte über Firmen aus dem Umfeld des Konzerns ein – Möglichkeiten, die nicht nur den Steuerbehörden offen stehen.

Im Juni 2019 gab der Betriebsprüfer seine Erkenntnisse dann in einem Bericht an das Finanzamt München weiter. Darin beschäftigte er sich auf der Grundlage der FT-Berichte von März und April 2019 ausführlich mit der Frage, "ob Bilanzmanipulationen vorliegen" und ob hohe Forderungen des Konzerns gegenüber wichtigen Partnerfirmen in Asien "werthaltig" seien.

Die Werthaltigkeit könne teilweise "nach dem derzeitigen Ermittlungsstand nicht beurteilt werden", resümierte der Prüfer. Sollte dies nicht der Fall sein, führe dies zu niedrigeren Umsatzerlösen und Gewinnen "in noch nicht bezifferbarer Höhe".

Im Zusammenhang mit den asiatischen Partnerfirmen listete der Bericht auch weitere "auffällige  Sachverhalte" auf. Bei einem dieser Partner, Pay Easy auf den Philippinen, hätten weder Mitarbeiterzahlen noch eine Bankverbindung ermittelt werden können.

Auch wegen fehlender Unterlagen blieb die Firma aus Manila ein Phantom. Eine Stelle, die für die deutschen Steuerbehörden Auskünfte über Firmen im Ausland einholt, teilte dem Prüfer mit: Es könne "nicht bestätigt werden, dass Pay Easy auf den Philippinen tatsächlich wirtschaftlich aktiv ist".

Sehr detailliert widmete sich der bayerische Steuerprüfer darüber hinaus einer Reihe von merkwürdigen Firmendeals durch den Wirecard-Konzern. In den Jahren 2010 bis 2015, dem Zeitraum der jüngsten Betriebsprüfung, hatte Wirecard rund ein Dutzend kleinere Paymentfirmen geschluckt oder ihre Kundenstämme gekauft, für mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Bei vier dieser Deals, so hatte die steuerliche Betriebsprüfung bei Wirecard ergeben, landete der Kaufpreis jedoch nicht bei klar identifizierbaren Eigentümern, sondern bei Briefkastenfirmen in Steueroasen wie den British Virgin Islands, in Panama oder auf der Insel Mauritius.

Alex, der Rennfahrer

Besonders ein Deal alarmierte die Prüfer: Ende 2011 übernahm Wirecard ein Kundenportfolio von einer Firma namens a&a Holding auf Mauritius. Vereinbarter Kaufpreis: 17,25 Millionen Euro. Wie die Betriebsprüfung ergab, steckten hinter der a&a Holding ein früherer Wirecard-Manager und seine Frau. Der Mann namens Alexander H. war in der Anfangszeit Finanzvorstand bei Wirecard. Nach seinem Ausscheiden 2003 gründete H. eine andere Zahlungsfirma. Er wohnte zeitweise in Südafrika und ließ sich schließlich in Kleinmachnow bei Berlin nieder.

Alexander H. erscheint als leicht schillernder Charakter. Unter dem Zweitnamen Alex A. nimmt er an Autorennen teil, sowohl physisch wie bei Online-Wettbewerben. In seinem Umfeld mischte damals auch öfter ein anderer Mann mit, der sich auf seiner Facebook-Seite als Trecker-Fan outet und ebenfalls bei Wirecard ein guter Bekannter war: Roland W. Er hatte ab 2002 mehrere Jahre lang als Wirtschaftsprüfer die Abschlüsse von Wirecard testiert. Später wurde Roland W. Geschäftsführer bei einer Münchner Steuerberatungsgesellschaft. Wie die Ermittlungen der Betriebsprüfer von Bund und Bayern ergaben, waren W. und H. privat Eigentümer einer gemeinsamen Firma, die Kundenstämme verkaufte. Zugleich erhielt die Steuerberatungsgesellschaft von W. bereits im Jahr 2011 den Auftrag, für Wirecard den Wert des Kundenportfolios der a&a Holding seines Bekannten H. zu ermitteln.

Dabei kam es zu einer Merkwürdigkeit, die später auch Finanzbeamten auffiel: Zwar bezifferte das Gutachten den Wert der "Kundenbeziehungen", die Wirecard kaufen wollte, auf 27,26 Millionen Euro. Mit dem Konzern vereinbart wurde aber nur ein um 10 Millionen Euro niedrigerer Kaufpreis. Dazu überwies Wirecard das Geld auch nicht direkt an  Alexander A., sondern an die Steuerberatungsfirma von Roland W., mit der es eine Treuhandvereinbarung gab.

Inzwischen wirft H. seinem ehemaligen Kompagnon W. vor, dass er im Jahr 2011 mit 13 Millionen Euro den größten Teil der von Wirecard überwiesenen Kaufsumme einbehalten und nicht weitergeleitet habe. W. wurde von H. nach Angaben seines Anwalts auch vor dem Landgericht in München verklagt. Aber warum wurde er mit der Klage erst aktiv, nachdem sich das Finanzamt 2019 nach der Versteuerung dieses Teils des Kauferlöses erkundigte? Es sei damals "nicht unbedingt opportun" gewesen, "den Branchen-Primus Wirecard wegen nicht eingehaltener Verträge zu verklagen", argumentiert der Anwalt von Alexander H.

Roland W. und seine Kanzlei ließen Anfragen bisher unbeantwortet.

Ein mysteriöser Fonds auf Mauritius

Noch etwas fiel den Steuerfachleuten bei der Firma von Alexander H. auf: die a&a Holding hat ihren Sitz in einem für Briefkastenfirmen bekannten Shopping- und Bürocenter in Mauritius. An der gleichen Adresse war auch ein mysteriöser Fonds registriert, der im Wirecard-Skandal eine zentrale Rolle spielt, weil über ihn ein womöglich überteuerter Einstieg bei indischen Firmen organisiert wurde. Seit Jahren kursieren Vorwürfe, dass Topmanager des Konzerns über diesen Fonds auf Mauritius Gelder abzweigten.

Auch der Indien-Deal selbst erweckte das Misstrauen der Steuerprüfer – in diesem Fall jener des Bundeszentralamts für Steuern, das ja an der Betriebsprüfung der bayerischen Kollegen bei Wirecard beteiligt war und für die Untersuchung der Firmenkäufe zuständig war. Anfang Juni 2019 informierte ein Beamter des Bundesamts das Finanzamt München über die Ergebnisse.

Bei vier der damaligen Verkäufer handele es sich um "Briefkastenfirmen, die keine Mitarbeiter beschäftigen", schrieb der Bundesprüfer an das Finanzamt München. Da die "ausländischen Empfänger" der Zahlungen nicht benannt würden und noch weitere Informationen über "eventuelle Hintermänner" eingeholt werden müssten, wolle man den Kaufpreis steuerlich nicht als Betriebskosten von Wirecard anerkennen. Zudem lasse die Zahlung an inaktive Briefkastenfirmen "den Verdacht zu, dass die hinter den Briefkastenfirmen stehenden Empfänger ihren steuerlichen Pflichten nicht nachkommen", heißt es in dem Schreiben aus dem Bonner Bundeszentralamt für Steuern. Ausdrücklich erwähnte der Prüfer darin auch die offenen Fragen bei beiden Geschäften mit Verbindung nach Mauritius: bei der a&a von Alexander H. und dem Zukauf in Indien.

Abgeordnete der Linken und der FDP im Bundestag hatten bereits im August 2020 nach möglichen Erkenntnissen beim Bundeszentralamt für Steuern gefragt, das zum Geschäftsbereich von Finanzminister Olaf Scholz gehört. Scheibchenweise hatte das Finanzministerium zunächst bestätigt, dass ein Prüfer des Bundesamtes an einer Außenprüfung bei Wirecard beteiligt war. Erst auf wiederholte Nachfragen räumte das Scholz-Ministerium ein, dass diese Prüfung noch bis Juni 2020 lief. Sie habe aber „ausschließlich steuerliche Sachverhalte“ zum Thema gehabt, behauptete etwa die Parlamentarische Staatssekretärin Sarah Ryglewski (SPD) am 24. August in der Antwort auf eine Anfrage der Linken.

Das Bundeszentralamt für Steuern informierte nicht die Bafin

Das musste man so verstehen, als ob die Prüfer keine Erkenntnisse über mögliche betrügerische Machenschaften gewonnen hätten. In einem internen Schreiben briefte ein Mitarbeiter der Steuerabteilung des Finanzministeriums die Finanzmarktabteilung im eigenen Haus am 25. August auch für Antworten an die FDP-Fraktion. "Das BZSt – die Bundesbetriebsprüfung – hat in Sachen Wirecard keine Informationen an die Justiz- und Polizeibehörden der Länder, auch nicht des Freistaates BY, übermittelt", behauptete der Scholz-Bedienstete. Und ihrerseits hätten auch die Justiz- und Polizeibehörden der Länder, auch die des Freistaates Bayern, "keine Informationen" zu dem Konzern an das Bundesamt übermittelt.

Angesichts der intensiven Ermittlungen der Finanzprüfer von Land und Bund bei Wirecard sowie der Gespräche, die die Landesprüfer mit der Staatsanwaltschaft München führten, klingt die Version des Bundesfinanzministeriums zumindest verkürzt. Auf Anfrage von stern und "Capital" beteuerte das Ministerium jetzt, die Fragen zu den Vorgängen korrekt beantwortet zu haben. Kurz und unmissverständlich beantwortete das Scholz-Ministerium die Frage, ob das Bundeszentralamt für Steuern die Finanzaufsicht über die Erkenntnisse zu Wirecard informiert habe: "Die Betriebsprüfung ergab keinen Anlass, die Bafin zu informieren."

Der Bericht des bayerischen Betriebsprüfers erreichte jedenfalls das für Wirecard zuständige Finanzamt München Mitte Juni 2019. Darin schreibt der Beamte zum Schluss: "Ich bitte um Prüfung, ob strafrechtliche und bußgeldrechtliche Maßnahmen zu ergreifen sind." Doch schon eine Woche später wurde das Ansinnen von der zuständigen Bußgeld- und Strafsachenstelle des Finanzamts abgebürstet.

Das Münchner Finanzamt stellte sich im Sommer 2019 vor Wirecard

Die Erkenntnisse der Betriebsprüfer rechtfertigten keine Abgabe an die Staatsanwaltschaft, beschied ein zuständiger Finanzbeamter. Es gebe lediglich "Mutmaßungen, die maßgeblich durch Presseberichte initiiert sind". Und: Die Vorwürfe seien doch "durch die Wirecard-Gruppe öffentlich bestritten" worden.

Eine Anfrage von stern und "Capital" dazu beantwortete jetzt „zuständigkeitshalber“ das Landesamt für Steuern, auch im Namen des bayerischen Finanzministeriums. Aufgrund des Steuergeheimnisses könne man keine Auskünfte erteilen, teilte eine Sprecherin mit. Damit bleibt offen, ob die Staatsregierung Kenntnis von dem Vorgang hatte oder eventuell sogar an der Entscheidung des Finanzamts beteiligt war, Wirecard im Sommer 2019 nicht der Staatsanwaltschaft zu melden.

Der Wirecard-Spezialist des bayerischen Landesamtes für Steuern ließ selbst nach der ersten Abfuhr nicht locker. Im Oktober 2019 veröffentlichte die "Financial Times" auf Basis von internen Dokumenten aus dem Unternehmen weitere Artikel mit Hinweisen auf Scheinumsätze mit Drittpartnern in Asien. Daraufhin verfasste der bayerische Steuerprüfer sofort einen weiteren Bericht, in dem er die neuen Vorwürfe mit seinen Ermittlungsergebnissen abglich.

Darin untermauerte er nicht nur mit detaillierten Geschäftszahlen für das Jahr 2016 die Abhängigkeit des Konzerns von jenen asiatischen Partnern namens Al-Alam, Pay Easy und Senjo, an deren Umsätzen mit angeblichen Kunden die damaligen FT-Berichte massive Zweifel äußerten. Er verwies auch darauf, dass Wirecard zu mehreren in den Artikeln genannten heiklen Punkten in der Betriebsprüfung einer Antwort ausgewichen sei. Darüber hinaus listete der Prüfer eine Reihe neuer "Auffälligkeiten" bei den wichtigen Partnern in Asien auf. Erneut bat er, die Aufnahme eines Bußgeld- oder Strafverfahrens zu prüfen.

Wie aus internen Unterlagen hervorgeht, entschied das Finanzamt München nun,  anders als noch im Sommer, auch die Staatsanwaltschaft über die Ermittlungsergebnisse aus der Betriebsprüfung zu informieren. Laut einer Gesprächsnotiz vom 24. Januar 2020 kam es zu einem Treffen, an dem der Wirecard-Prüfer des Landesamts für Steuern, mehrere Beamte des Finanzamts sowie zwei Vertreter der Staatsanwaltschaft teilnahmen: Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl, die heute die Ermittlungen im Fall Wirecard leitet, sowie ein Kollege, der seinerzeit gegen die „FT“-Journalisten wegen Marktmanipulation ermittelte. Gesprächsgegenstand: "Wirecard – weiteres Vorgehen".

Die Staatsanwälte sahen im Januar 2020 "keinen ausreichenden Anfangsverdacht"

Offenbar hatte es im Vorfeld des Gesprächs zwischen den beteiligten Stellen Differenzen gegeben, wie es in dieser Sache weitergehen solle. In dem Gespräch, so heißt es in dem Protokoll, habe der bayerische Betriebsprüfer das "strittige Problem" vorgetragen. Die Staatsanwaltschaft sehe aber "zusammengefasst keinen ausreichenden Anfangsverdacht, die hier die Einleitung eines Strafverfahrens rechtfertigen", heißt es in der Gesprächsnotiz. Allerdings habe die Staatsanwaltschaft die Absicht, den von Wirecard in Auftrag gegebenen Sonderprüfungsbericht der Prüffirma KPMG nach dessen Veröffentlichung im Frühjahr "anzufordern". Mehr nicht.

Auf Fragen nach diesen Vorgängen wollte sich die Staatsanwaltschaft jetzt nicht äußern und berief sich auf das Steuergeheimnis.

Dabei hätten der Staatsanwaltschaft einige der Namen aus dem Wirecard-Umfeld, die die Betriebsprüfer erwähnten, bekannt vorkommen können. Gleich mehrere von ihnen wurden bereits Anfang 2016 ausführlich in Berichten der Researchfirma Zatarra erwähnt - auch der Kleinmachnower Unternehmer Alexander H. Doch seinerzeit untersuchten die Münchner Staatsanwälte im Fall Zatarra – nicht zuletzt auf Druck der Finanzaufsicht Bafin – nur eine mögliche Marktmanipulation durch die Autoren der Zatarra-Berichte selbst und von Investoren aus dem Ausland.

Nach der Einstellung des Ermittlungsverfahrens reiste Zatarra-Hauptautor Matthew Earl dann im Juni 2019 auf Ersuchen der Staatsanwaltschaft nach München – genau in jener Zeit, in der der bayerische Betriebsprüfer seinen ersten Bericht an die Finanzverwaltung schickte. Gesprächspartner von Earl damals: die Oberstaatsanwältin Bäumler-Hösl und ihr Kollege, mit denen Anfang 2020 auch der Betriebsprüfer sprach.

Eigentlich wollten die Münchner Ermittler den Wirecard-Kritiker als Zeuge in dem Verfahren gegen die FT-Journalisten hören. Tatsächlich sei es darum dann aber nur recht kurz gegangen, sagte Earl im Gespräch mit stern und "Capital". Anschließend habe er vier Stunden lang Belege für mögliche Verstöße von Wirecard gegen Anti-Geldwäsche-Gesetze präsentiert.

Anfangs sei die Atmosphäre sehr kühl gewesen, sagte Earl, "als wäre ich der Staatsfeind Nummer eins". Aber im Laufe des Termins habe sich die Lage entspannt, die Staatsanwälte seien sehr an seinen Ausführungen interessiert gewesen und hätten "verärgert" über die Machenschaften von Wirecard gewirkt. Allerdings sei auch auf "Grenzen" für die Ermittler verwiesen worden. "Aber nach dem Gespräch hatte ich den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren einleiten wird", sagte Earl. Nach seiner Rückkehr nach London habe er tags darauf auf Wunsch der Staatsanwälte seine Präsentation geschickt – dazu Auszüge aus Handelsregistern, Gerichtsdokumente aus den USA sowie Organigramme, in denen er detailliert die Zusammenhänge zwischen Personen und Firmen veranschaulicht hat. Allerdings habe er dann nie wieder etwas von den Ermittlern gehört.

Auf Anfrage bestätigte die Staatsanwaltschaft das Treffen mit Wirecard-Kritiker Earl am 19. Juni 2019. Man habe "in Sachen Wirecard seit Langem großes Interesse daran hatte, auch mit Shortsellern in Kontakt zu treten, um zu erfahren, ob es mögliche Ermittlungsansätze gegen Wirecard gäbe", erklärte eine Sprecherin der Behörde.

Großes Interesse? Im Sommer 2019 war es wohl noch nicht groß genug.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker