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Interview

Experte zum Merkel-Pannenflug: "Wir lassen unsere Staatsspitze mit einem Gebrauchtwagen durch die Welt reisen"

Die Kanzlerin kam nur bis Köln. Der Airbus der Bundeswehr musste seinen Flug nach Argentinien zum G20-Gipfel abbrechen. Der stern hat mit dem Luftfahrexperten Heinrich Grossbongardt über den gravierenden Zwischenfall gesprochen.

G20-Reise: Angela Merkels Regierungsflieger "Konrad Adenauer" muss umkehren – wegen Ausfall elektrischer Systeme

Nach einem schwerwiegenden technischen Defekt an ihrer Regierungsmaschine ist Bundeskanzlerin Angela Merkel am späten Donnerstagabend auf dem Weg zum G20-Gipfel nach Argentinien in Köln/Bonn gelandet. "Es war eine ernsthafte Störung", sagte Merkel nach dem Zwischenfall in Bonn, wo sie wegen des Abbruchs der Reise nach Buenos Aires die Nacht verbrachte. Nach Angaben der Luftwaffe habe es kein Gefahrenpotenzial gegeben, sagte Oberst Guido Henrich am Freitag in Berlin.

Wir sprachen mit Heinrich Grossbongardt, dem Managing Director von Expairtise Communications in Hamburg, über den Zwischenfall des Regierungsfliegers.

Was war ihre erste Reaktion, als von dem abgebrochenen Merkel-Flug nach Buenos Aires hörten?

Heinrich Grossbongardt: Ich dachte nur: alter Flieger. Es hat mich nicht überrascht, denn wir lassen unsere Staatsspitze mit einem Gebrauchtwagen durch die Welt reisen, weil wir als Industrienation das Geld für etwas Neues nicht ausgeben wollen.

Spielt bei dem Ausfall das hohe Alter des Kanzler-Jets eine Rolle?

Wir haben es bei den beiden Airbus A340-300 der Flugbereitschaft der Bundeswehr mit Flugzeugen zu tun, die nicht mehr taufrisch sind. Es handelt sich um ehemalige Maschinen der Lufthansa, die fast 20 Jahre alt sind. Wie bei einem alten Auto steigt trotz allerbester Pflege das Risiko von Pannen, die zu einem Flugausfall oder gar Flugabbruch führen können.

Der Airbus A340-300 der Flugbereitschaft der Bundeswehr mit dem Taufnamen "Konrad Adenauer", der am Donnerstagabend auf dem Weg nach Buenos Aires in Köln/Bonn landen musste.

Der Airbus A340-300 der Flugbereitschaft der Bundeswehr mit dem Taufnamen "Konrad Adenauer", der am Donnerstagabend auf dem Weg nach Buenos Aires in Köln/Bonn landen musste.

DPA

Der Kanzler-Airbus ist nicht lange zum Kerosin-Ablassen über der Nordsee gekreist…

Die hatten nicht viel Zeit, das Kerosin abzulassen. Normalerweise bekommt die Crew von der Flugsicherung einen speziellen Luftraum zugewiesen, in dem sie ihre Kreise fliegen kann, um das Gewicht zu reduzieren.

Muss ein solches Manöver nicht eng mit der Flugsicherung abgestimmt werden?

Ja, aber ich gehe davon aus, dass die Kommunikation gestört war. Also mussten sie auf der kürzesten Route Richtung Flughafen Köln/Bonn fliegen. Aus eigener Entscheidung kann man über den Niederlanden nicht einfach irgendwo kreisen, denn der Airbus befand sich in einem der am dichtesten beflogenen Lufträume der Welt.

Ist die Crew durch die Landung mit viel Gewicht ein Risiko eingegangen?

Für ein sogenanntes "overweight landing" gibt es im Flughandbuch festgelegte Verfahren, falls das "fuel dumping" nicht geklappt hat. Der Landegeschwindigkeit wird dann um 40 bis 50 km/h erhöht. Aber bei einer Landung mit höherem Gewicht muss die Energie durch sehr heftiges Bremsen vernichtet werden.

Wenn der Flieger zum Stehen kommt, glühen dann die Bremsscheiben?

Es muss gar nicht so schlimm gewesen sein. Durch die Wärmeabstrahlung der Bremsscheiben heizen sich auch die Reifen auf. Daher gibt es spezielle Ventile, um den Überdruck abzulassen, damit die Reifen nicht platzen. Dann hat das Flugzeug einen Platten und kommt von der Landebahn nicht mehr mit eigener Kraft weg. Das ist in diesem Fall aber nicht passiert.

Auf dem Weg zum G20-Gipfel: "Gehört der Regierungsflieger zur Deutschen Bahn?" - das Netz amüsiert sich über Merkels Pannenflug

Die Feuerwehr war sicherheitshalber ausgerückt…

…bei so einer Landung besteht immer die Gefahr, dass am Fahrwerk etwas in Brand gerät. Daher steht die Flughafenfeuerwehr am Rande der Piste bereit. Jetzt dürfte eine Inspektion der Bremsen fällig sein, die in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Das maximale Landegewicht einer A340 liegt bei 192 Tonnen.

Da lagen die am Donnerstagabend d deutlich drüber, eher bei 200 Tonnen. In Tegel dürften sie mit dem fast maximalen Startgewicht von 270 Tonnen für den 15-stündigen Flug nach Buenos Aires gestartet sein. Auf dem Flug bis Köln/Bonn können nicht mehr als 30 bis 40 Tonnen verbrannt beziehungsweise abgelassen worden sein.

Wie erklären sie sich den Blackout des Funksprechverkehrs?

Wie vieles im Flugzeug ist auch das Kommunikationssystem doppelt und dreifach vorhanden. Doch ein Ausfall aller UKW-Geräte tritt extrem selten auf. Aber auch da gibt es einen Plan B, dass die Piloten auf ihrem Transponder den Code 7600 eingeben. Dann weiß sofort die Flugsicherung: Der kann nicht sprechen. Über Satellitenkommunikation wussten aber die Fluglotsen, dass der Airbus nach Köln wollte. So wurde dann der Luftraum für den Flieger entsprechend freigehalten.

Gibt es einen Zusammenhang mit dem Ausfall derselben Maschine Mitte Oktober in Bali, als Nagetiere offensichtlich Elektrokabel des Jets durchgebissen hatten und Olaf Scholz per Linienflugzeug zurückreisen musste?

Das ist theoretisch denkbar. Es wird sich zeigen, ob hier ein Folgeschaden vorliegt. Die kilometerlangen Kabelstränge in einem Flugzeug können nur begrenzt inspiziert werden. Ratten und Mäuse können Kabel anfressen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Nager ein Flugzeug befallen haben.

Interview: Till Bartels

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