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Flüssigerdgas und Tunnelwasher: Wie Kreuzfahrtschiffe ihre Umweltbilanz verbessern

Die Kreuzfahrtbranche wächst. Umso wichtiger wird auf allen Schiffen der Umweltschutz. Die "Aida Perla“ hat innovative Technik an Bord, die Energie spart und Schadstoffe reduziert. Wenn sie denn zum Einsatz kommt.

Von Gunnar Herbst

Im Hafen von Rotterdam schaltet die "Aida Perla" zur Stromversorgung von Marinediesel auf schadstoffarmes Flüssigerdgas um.

Im Hafen von Rotterdam schaltet die "Aida Perla" zur Stromversorgung von Marinediesel auf schadstoffarmes Flüssigerdgas um.

Die schwimmende Stadt hat angelegt. Fest vertäut liegt die " Perla" an der Wilhelmina Pier in Rotterdam. Es ist neun Uhr morgens, und in den Restaurants des Kreuzfahrtschiffs tummeln sich die frühstückenden Passagiere. Durch die Fenster ist die Skyline der Stadt mit dem größten Seehafen Europas zu sehen: moderne, skulpturale Hochhäuser, dazu die Erasmusbrücke, Rotterdams Wahrzeichen.

In der Nacht hat das Strecke gemacht, 99 Seemeilen über die Nordsee in gemütlicher Fahrt, von Zeebrugge nach Rotterdam. Ein neuer Tag, eine neue Stadt, nach Hamburg, Southampton, Le Havre.

Neben der Fahrt auf hoher See ist das Einlaufen der vielleicht schönste Moment einer Kreuzfahrt. Kurz darauf folgt der Moment, in dem das Schiff seine Umweltbilanz schlagartig verbessert, ohne dass es die Passagiere bemerken: Im Hafen schaltet Maschine zwei, eine von vier Hauptmaschinen, von Marinediesel auf Flüssigerdgas (LNG) um. Sie erzeugt Strom für die schwimmende Stadt – und stößt nun erheblich weniger Schadstoffe aus, im Schnitt während 40 Prozent der Betriebszeit.

Vorreiter: die "Aida Perla" und "Aida Prima"

Mit dem Dual-Fuel-Motor sind die Schwesterschiffe "Aida Perla" und "Aida Prima" Vorreiter in der boomenden . Im vergangenen Jahr haben 2,2 Millionen Passagiere aus Deutschland eine Kreuzfahrt gemacht, 8,4 Prozent mehr als 2016. Neue Schiffe werden in Betrieb genommen, neue Routen angeboten. Mit der Nachfrage steigt auch die Belastung für die Umwelt.

Einige Reedereien haben reagiert: Aida, Tui und Hapag-Lloyd Cruises Erüsten ihre Neubauten mit Landstromanschlüssen aus und mit Systemen, die Abgase nachbehandeln. Sie sollen den Ausstoß von Feinstaub, Stickoxiden und Schwefeloxiden um bis zu 99 Prozent reduzieren.

Weil jedoch die "Aida Perla" und "Aida Prima" ihre Abgassysteme nicht überall nutzen und teilweise mit besonders schädlichem Schweröl fahren, hat der (Nabu) die Schiffe im Umwelt-Ranking 2017 herabgestuft: vom ersten auf den sechsten Platz, hinter "Mein Schiff 3, 4, 5, 6" und der "Europa 2". Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim Nabu, sagt: "Zwar hat Aida Cruises zugesichert, dass sie die Abgassysteme inzwischen verstärkt einsetzen. Aber wir wissen nicht, wo sie tatsächlich laufen.

" Oeliger fordert Steuern auf Schweröl und Marinediesel – und schärfere Gesetze. Immerhin darf Schiffstreibstoff ab 2020 nur noch 0,5 Prozent Schwefel enthalten. Schweröl hat derzeit einen Anteil von bis zu 3,5 Prozent, Marinediesel 0,1 Prozent.

Schiffsrundgang mit Matthias König

Während die Passagiere die "Aida Perla" verlassen, um Rotterdam zu erkunden, dreht Matthias König seine Runde durch den Maschinenraum. Der leitende Ingenieur ist Chef von mehr als 70 Mitarbeitern, die sich um die Technik an Bord kümmern, vom Föhn bis zur Maschine. Heute zeigt König die Anlage, die das Schiff sauber machen soll. Ein Ausflug ins Herz des Schiffs, tief unten auf Deck eins.

Der Leitende Ingenieur Matthias König im Maschinenraum der "Aida Perla".

Der Leitende Ingenieur Matthias König im Maschinenraum der "Aida Perla".

Der Kontrast zum luxuriösen Gästebereich könnte größer kaum sein. Es ist eng und heiß, Maschine zwei wummert ohrenbetäubend. "Wenn das Schiff im Hafen liegt, kann sie bis zu 10.800 Kilowatt Strom emissionsarm aus Flüssigerdgas produzieren", sagt König. Geliefert wird das minus 162 Grad Celsius kalte LNG von einem Tankwagen. Im Schiff wird es zu Gas umgewandelt, eine Ladung reicht bis zu zehn Stunden.

König geht immer tiefer in den Maschinenraum. Vor einer unscheinbaren Anlage bleibt er stehen. Wenn das Schiff fährt, erzeugt sie einen Teppich aus Luftblasen, auf dem der Rumpf gleitet, erklärt der leitende Ingenieur. Das verringere die Reibung und senke den Verbrauch, genau wie der Silikonanstrich des unteren Rumpfes. "Energieeffizienz spart Geld. Die günstigste Tonne Treibstoff ist die, die man nicht verbrennt."

Und so geht es weiter, von Anlage zu Anlage. Sie reinigen das Abwasser und reduzieren den Verbrauch der Toiletten, sie gewinnen Trinkwasser aus Salzwasser und nutzen Maschinenabwärme zum Heizen oder wandeln sie in Kälte für die Klimaanlagen um. "Wir machen mehr, als der Gesetzgeber verlangt", sagt König. "Wenn man innovative Technik intelligent einsetzt, lohnt sich Umweltschutz auch wirtschaftlich – trotz hoher Anfangsinvestitionen."

Selbst kleine Maßnahmen können große Wirkung entfalten

Am Tag verbrauchen die rund 4300 Passagiere und 1000 Crewmitglieder auf der "Aida Perla" bis zu zehn Tonnen Lebensmittel. Um Abfälle zu vermeiden, werden die meisten Getränke über Automaten ausgegeben, Desserts in kleinen Weckgläsern. In der Wäscherei spart der "Tunnelwasher" Wasser und Energie, etwa 10.000 Handtücher reinigt er täglich.

Kann in Häfen mit Flüssigerdgas (LNG) versorgt werden: die "Aida Prima" beim Auslaufen dem Hamburger Hafen.

Kann in Häfen mit Flüssigerdgas (LNG) versorgt werden: die "Aida Prima" beim Auslaufen dem Hamburger Hafen.

Schließlich landet König im Technikschacht zwischen Deck drei und Deck 16. Hier stehen auch die Systeme zur Abgasnachbehandlung: Rußpartikelfilter, Katalysator, Scrubber, eine Art Schwefeloxidwäscher. Doch die Saubermacher sind nicht immer im Einsatz, auch nicht auf dieser Reise. Für manche Fahrgebiete wie die Elbe hat Aida Cruises keine Genehmigung, das Waschwasser vom Scrubber einzuleiten.

Die nächste Generation der Aida-Schiffe ist darauf nicht mehr angewiesen. Ende des Jahres sticht die "Aida Nova" in See. Mit vier Dual-Fuel-Motoren und LNG-Tank an Bord ist sie das erste Kreuzfahrtschiff der Welt, das komplett mit Flüssigerdgas fahren kann. Auch Tui Cruises, Costa und MSC Kreuzfahrten haben Schiffe mit Dual-Fuel-Motoren bestellt. "Ein Riesenfortschritt für die Luftreinheit und die Gesundheit", sagt Dietmar Oeliger. Beim Nabu-Kreuzfahrtranking 2018 steht die "Aida Nova" auf dem ersten Platz und die "Aida Perla" und "Aida Prima" teilen sich den Platz drei.

Am nächsten Morgen ist der LNG-Tankwagen verschwunden. Die "Aida Perla" verlässt den Hafen von Rotterdam und nimmt Kurs auf Hamburg. Maschine zwei läuft wieder mit Marinediesel.

+++Lesen Sie auch: "Sieben Meter hohe Wellen - Sturmtief 'Egon" versetzt 'Aida'-Passagiere in Angst" +++

Kreuzfahrtschiff "AIDAprima" belegt den dritten Platz.


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