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Northern Neck "Yes, Sir, das ist mein Land"

So stolz bekennen sich die Bewohner des Northern Neck im Bundesstaat Virginia zu ihrer Halbinsel - Heimat von immerhin drei US-Präsidenten. Fischerdörfer, Wälder und Weingüter versprechen Hochgenuss.
Von Michael Streck

Manchmal möchte man die Amerikaner einfach nur in den Arm nehmen und herzen für ihre Art, Dinge so zu nehmen, wie sie nicht sind. Diese landesweit verbreitete Tugend kann zwar schlimmstenfalls dazu führen, dass sie harmlose Aluminiumrohre in Massenvernichtungswaffen umdeuten und fremde Länder überfallen. Normalerweise aber, Ehrenwort, steckt beste Absicht dahinter. Was ausgerechnet an historischer Stätte zu besichtigen ist: dem Geburtsort des ersten US-Präsidenten George Washington; entbunden am 22. Februar 1732 in Pope Creek, Northern Neck, Virginia.

Ein hübsches Kolonialhaus steht dort, und vor dem Kolonialhaus steht die Parkrangerin Kathy May in brauner Uniform. Kathy wird von allen Gästen gefragt, ob in diesem Haus der große Washington, der Gründervater, der vielleicht berühmteste aller Amerikaner, ob also George Washington in diesem Haus geboren wurde. Dann muss sie die Arme heben und erst mal was klarstellen: "Wait, wait, wait!" Räuspern.

Lasst uns das Geburtshaus nachbauen

Und nun die Wahrheit und nichts als sie: Nein, dieses Geburtshaus von Washington wurde ziemlich genau 200 Jahre nach seiner Geburt gebaut, Anfang der 30er Jahre, in Zeiten der großen Depression. Als es den Menschen in Amerika schlecht ging und sie unter Massenarbeitslosigkeit und Hunger litten und eine Gruppe vergleichsweise betuchter Geschichtsfans beschloss: Lasst uns Washingtons Geburtshaus nachbauen und den Leuten ein bisschen Freude schenken in dunklen Zeiten. So geschah es.

Die Überreste des echten Geburtshauses wurden vier Jahre später entdeckt. Der Umriss, immerhin, ist mit einem Pfad aus Muscheln markiert. Gelegentlich sind die Besucher ein bisschen enttäuscht. Aber nur gelegentlich. Denn Kathy deutet in Notfällen auf die Bucht und den Fluss und sagt: "Ist das nicht herrlich?" Meistens nicken die Leute und schlendern ins Museum mit George-Washington-Artefakten oder doch nur George-Washington-Artefakte- Doubeln. Egal. Die Illusion tut Wunder.

Überall ist Historie auf diesem Landfinger

Solche Dinge können einem widerfahren auf dem Northern Neck, einem Landfinger zwischen dem Potomac und dem Rappahannock-Fluss, der in die Chesapeake Bay sticht. Groß wie Hessen zwar, aber mit gerade einmal 50.000 Einwohnern darauf. Ruhig, beschaulich, ab vom Schuss und doch nur lächerliche zwei Stunden von Washington D. C. entfernt. Die Lokalen, die sich "from here's" nennen, sind ziemlich stolz auf ihre Halbinsel. Sie sei, sagen sie, die unbescholtenste und ursprünglichste Region der gesamten Ostküste. Sie sind stolz auf ihre Weingüter, ihre Wälder, ihre Flüsse, die Bucht, die kleinen Fischerdörfer, den Fisch. Und ganz besonders auf die Geschichte.

Denn, nicht wahr, gleich drei US-Präsidenten - Washington, James Madison und James Monroe - kamen auf dem Northern Neck zur Welt. Im späten 17. Jahrhundert hieß die Ecke "das Athen Amerikas", weil Wiege der amerikanischen Demokratie. Aber am Anfang, ganz am Anfang, lange vor Revolution und Demokratie, steht die Geschichte des britischen Entdeckers und Raubauzes John Smith, der 1607 mit einer Barkasse die Flüsse auf der Halbinsel erkundete, prompt von Indianern festgenommen und - Glückes Geschick - von der Häuptlingstochter Pocahontas gerettet wurde. Die, so geht die Saga, bat ihren Daddy, das Bleichgesicht zu verschonen. Der Rest ist bekannt, verfilmt von Walt Disney.

An jeder Ecke ein Museum

Überall ist Historie auf diesem Landfinger, und weil die Amerikaner in Tat und Wahrheit richtig viel Geschichte noch nicht haben, ist an jeder Ecke, in jedem noch so winzigen und verschlafenen Nest mindestens ein Museum mit ein wenig Geschichte darin und Ehrenamtlichen, Rentnern zu 100 Prozent. Die empfangen den Besucher überaus freundlich und stellen sicher, dass der Gast jedes, aber auch jedes Exponat eingehend studiert und sich bitte auch den 15-minütigen Videofilm etwa über die Tiermehlproduktion anschaut.

Man erfährt auf dieser kleinen Rundreise eine Menge an unverzichtbaren Dingen fürs weitere Leben. Beispielsweise über einen Fisch namens Menhaden, von dem der Gast aus Europa noch nie, nie, nie gehört hatte und vermutlich auch die meisten Amerikaner noch nie, nie, nie. Dem aber das Örtchen Reedville an der Chesapeake Bay einen respektablen Wohlstand verdankt. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts - wieder Geschichte - war Reedville der Ort mit dem höchsten Durchschnittseinkommen in den USA, und die Südstaaten-Villen entlang der Main Street hießen vielsagend "Millionaires Row". Das alles wegen dieses öligen, grätigen und ungenießbaren Fisches aus der Heringfamilie, den sie in rauen Mengen aus der Bucht holten (und noch holen) und weiterverarbeiteten zu Tierfutter und Öl. 15 Fischfabriken säumten zu Hoch-Zeiten die Bucht vor Reedville, übrig geblieben ist eine und ebenjenes wonnige Museum, das die Geschichte des Menhaden-Fisches erzählt und sonst nichts. Es gibt noch einen Pub in Reedville und das kleine Restaurant "Crazy Crab" und viele alte Fischer, die stolz vom Menhaden erzählen, "wir haben hier die erfolgreichste Fischfabrik der Welt" - was vielleicht stimmt.

Reedville ist gewissermaßen die Steigerung von Ruhe

Und von der Insel Tangier Island, die so abgeschieden liegt, mitten in der Bay, dass die Bewohner angeblich noch ein elisabethanisch gefärbtes Englisch sprechen - was wohl nicht stimmt. Aber das schwören die Fischer von Reedville, Virginia. Dieses Reedville zählt zu den putzigsten, ruhigsten und touristisch unerschlossensten Örtchen des ruhigen, touristisch weitgehend unerschlossenen Northern Neck. Reedville ist gewissermaßen die Steigerung von Ruhe. Vor dem Ortsteil Fleeton steht ein Schild, "89 Einwohner, 18 Hunde". Was sich aber womöglich alsbald ändern könnte, weil reiche Bohemiens aus dem nahen Washington und Baltimore beginnen den Landstrich zu entdecken. Das lässt die Immobilienpreise steigen oder in den Worten der jungen Maklerin Rebecca Lemmon "regelrecht explodieren". Die ersten Europäer kommen, Briten und Franzosen vor allem, und suchen nach Grund am Wasser. Unter einer Million Dollar geht bald gar nichts mehr. Vielleicht ist es irgendwann mit der Steigerung von Ruhe vorbei, und sie werden dort wieder eine "Millionaires Row" haben mit den Villen pensionierter Wohlständler. Vielleicht wird Reedville in einigen Jahren so ausschauen wie das proper herausgeputzte Dörfchen Irvington am Rappahannock River, 673 Einwohner, zwei Kirchen, ein fabelhaftes Resorthotel, das "Tides Inn", und ein noch fabelhafteres Inn, das "Hope and Glory".

Irvington hatte seine Geschichte eigentlich schon hinter sich; es blühte zu Zeiten des Tabakhandels und der Raddampfer. Aber dann wurden aus Flussstraßen richtige Straßen, und irgendwann brauchten sie keine Dampfboote mehr, weshalb an diese Ära nur noch, logo!, ein Dampfbootmuseum erinnert. 1917 brannte Irvington mehr oder weniger komplett ab. Was blieb, war ein jahrzehntelang auch ökonomisch abgebranntes Dorf - mit dem feinen "Tides Inn" am Flussufer.

"So muss es heißen, das Inn"

Vermutlich wäre Irvington immer noch ein vergessenes und ödes Örtchen, wenn nicht Mitte der 90er Jahre der Werbe-Impresario Bill Westbrook aus Richmond "rein zufällig" durch das Nest gefahren wäre. Er war auf der Suche nach einem Platz für sein Segelboot, das er damals noch gar nicht besaß. Westbrook erkannte den verwitterten Charme des Örtchens und kaufte - inspiriert von der Lektüre John Irvings "Hotel New Hampshire" - kurzerhand ein altes, heruntergekommenes Schulhaus, das er aufwendig renovieren ließ. Eines Abends saß Bill Westbrook auf dem Bürgersteig zwischen den zwei Kirchen, trank ein Bier, blickte versonnen auf den Friedhof neben seinem restaurierten Inn. Plötzlich begannen die Glocken zu läuten, und er, ganz Profi, stieß laut ein "Hope and Glory!" hervor, erschrak und wusste: "So muss es heißen, das Inn."

Einige "from here's" bezeichnen Irvington heute auch als Billville, weil Westbrook gar nicht mehr aufhörte, zu investieren und zu gründen. Nicht alle mögen ihn. Aber selbst die, die ihn nicht mögen, respektieren ihn. "Tiny but tony", sagen die Leute über ihr Dorf - klein, aber fein. Bill Clinton kommt zuweilen, Steven Spielberg auch und Tom Hanks. Westbrook eröffnete ein Toprestaurant, das "Trick Dog Café", kleine Boutiquen und eine Winzerei. Vor allem aber verlieh er Irvington eine augenzwinkernde Aura. Vor den Läden stehen kleine Schilder mit Aphorismen, "Wenn die Götter uns bestrafen wollten, würden sie auf unsere Gebete hören" oder "Wähle deine Worte weich und zart, für den Fall, dass du sie später noch mal essen musst". Sein Bruder Robert ist der lokale Zahnarzt, was unübersehbar ist, weil zwei Zahnbürstensäulen den Eingang zum Praxisgebäude flankieren. "Das Leben ist kurz", sagt Westbrook, "die Menschen sollen lächeln."

Nichts ist hektisch, nichts laut

Sie lächeln, die Menschen. In dieser Region ist nichts hektisch, nichts laut, nichts aufdringlich. Für die größte und kolossale Aufregung sorgt ein Supermarkt-Neubau im Örtchen Kilmarnock. Hier ist Süden, Washington ist weit, wenn auch nicht geografisch. Die Menschen auf der Halbinsel sagen "Yes, Sir" und "Yes, Ma'am", und der Besucher kapiert alsbald, warum Leute wie Westbrook sich "hoffnungslos verliebten" in die Gegend zwischen den Flüssen. Männer wie Gene Edmonds, der früher Verkaufs- und Marketingmanager in Richmond war, ein echter "corporate guy", ein Machtmensch.

Er kam, sah und kündigte. Verkaufte seine Aktien, ging vor fünf Jahren in den Ruhestand und hat seitdem nie mehr in einem Flugzeug gesessen. Gene betreibt nun eine kleine Charterbootfirma und schippert jeden Freitagabend Kurzurlauber über den Fluss. Es gibt Krebse, Shrimps, Bier, Wein und Sonnenuntergang satt. Gene hat es nie bedauert, seinen Job geschmissen zu haben, und lächelt milde über jene, die er durch die Bucht schaukelt mit ihren gelben Polohemden und den Ray-Ban-Sonnenbrillen und die selbst beim Blick in die untergehende Sonne vom Geschäft reden. Er war früher auch so einer. Geschichte, alles Geschichte.

Man versteht den Kreislauf des Lebens

Nach ein paar Tagen hat man verstanden. Man versteht, warum dieser malerische Zipfel schon vor 10.000 Jahren besiedelt war von Indianern. Man versteht den Geist der Entdecker, der Abenteurer, der Revolutionäre. Man versteht den Kreislauf des Lebens auf dem Northern Neck - Memorabilien, Museen, Menhaden und nun Millionäre. Mehr Besucher werden kommen und Investoren, das ist der Gang der Zeit. Es kommt nur darauf an, diesen Kreislauf intakt zu halten, zugleich den Puls zu fühlen. Also: Geschichte und Gegenwart in Einklang zu bringen. "Alles eine Frage der Balance und des Stils", sagt Bill Westbrook. "Die Leute sollen kommen, sie sollen hier ausspannen, sie sollen die Geschwindigkeit hier annehmen." Und welches Tempolimit gilt auf dem Northern Neck? Er überlegt eine geschlagene Sekunde lang. Dann sagt er: "So, dass du auf der Terrasse sitzt und entspannt jungen Hunden beim Wachsen zuschauen kannst."

Tipps + Adressen

Besuch beim Präsidenten, dann Krabben satt

Anreise

Northern Neck. Flug nach Washington-Dulles, Washington-Reagan oder Richmond, Virginia.

Unterkunft

The Hope and Glory Inn

, 65 Tavern Road, Irvington, Tel.: 001/800/497 82 28,www. hopeandglory.com.
Stilvoll renoviertes Schulhaus im Dörfchen Irvington. Das mehrfach ausgezeichnete Inn zählt zu den schönsten in den USA. Unterkunft in geschmackvollen Zimmern oder nahe gelegenen Cottages. Sehr romantisch. DZ ab 125 Euro.

Tides Inn

, 480 King Carter Drive, Irvington, Tel.: 001/800/843 37 46, www.tidesinn.com; berühmtes Resorthotel am Carters Creek mit Golfplatz, Marina und guten Restaurants. Nicht billig, aber exquisit. DZ ab 260 Euro.

Azalea Grove

, 316 Main Street, Reedville, Tel.: 001/804/453 53 00, www.azaleagrovebandb.com; gemütliches Bed & Breakfast im Fischerort Reedville mit 8 Zimmern. DZ ab 100 Euro.

Belle Mount Vineyards

, 2570 Newland Road, Warsaw, Tel.: 001/800/335 55 64; www.bellemount. com; 5 schmucke Cottages im Heritage Park; angeln, Kanu fahren, schwimmen und Wein testen. DZ ab 75 Euro (NS), 165 Euro (HS).

Essen + Trinken

Das

Trick Dog Café

auf Irvingtons Hauptstraße kann es mit besten Adressen in New York aufnehmen. Fisch, Steaks, Shrimps, Salate, üppige Weinkarte und hervorragende Cocktails. Das

Tides Inn

, ebenfalls in Irvington, beherbergt vier Restaurants - von rustikal bis luxuriös. In allen gilt: Fisch und crabcakes sind frisch und hervorragend. Lockerer und günstiger: das Crazy Crab am Ortsende von Reedville; Veranda am Wasser, ordentliche Portionen. Gut und preislich okay ist auch das

White Stone Wine and Cheese Co

in White Stone. Bistro mit Wein- und Käseladen. Sehenswert Historie: Tagestrip mit dem Auto entlang der Route 3. Stop an der

Stratford Hall Plantation

, 458 Great House Road, Stratford, dem ehemaligen Domizil der Lee-Familie, Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, und Geburtsort von General Robert E. Lee, der die Südstaaten-Armee während des Bürgerkrieges befehligte. Blick über 700 Hektar Land bis auf den Potomac. Übernachtung in Blockhütten. Wenige Kilometer entfernt liegt der Geburtsort des ersten

US-Präsidenten George Washington

, 1732 Popes Creek Road. Zwar ist das Haus nachgebaut, die Führungen aber sind informativ und vergnüglich. Nach so viel Geschichte Entspannung bei einer

Wein-Verkostung

auf den Ingleside Vineyards in Oak Grove, 5872 Leedstown Road. Überhaupt: Auf dem Northern Neck gedeihen famose Weine. Info: www.northernneckwinetrail.com. Die Gegend zwischen Potomac und Rappahannock- Fluss an der

Chesapeake Bay

ist ideal für Bootsund Angeltouren. Empfehlenswert: Ausflug zur autofreien Insel

Tangier Island

in der Bay; die Überfahrt von Reedville dauert knapp zwei Stunden. Wer Essen, Trinken und Sehen kombinieren möchte, sollte eine

Crab-Cruise

unternehmen; ab Irvington-Hafen. Vorbestellungen im "Hope and Glory Inn". Wein, Bier, Krebse - so viel Leber und Magen vertragen, für 50 Euro pro Person.

Mehr Infos: www.northernneck.org

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