Sultanat Brunei Glänzende Aussichten


Seine Majestät liebt es edel: In den unzähligen Prachtbauten des Sultanats Brunei strotzt es vor Marmor, Gold und teuren Hölzern. Für Reisende gibt es viel zu bestaunen - auch einen echten Urwald
Von Teja Fiedler

Wozu braucht man eine goldstrotzende Sänfte mit 48 Trägern, wenn zu Hause in der Garage 367 Ferraris stehen? Für die besondere Gelegenheit. Etwa das 25-jährige Regierungsjubiläum. Zur Silberhochzeit mit seinem Volke ersetzte der Sultan von Brunei 1992 die ihm reichlich zur Verfügung stehenden PS durch Menschenstärken und ließ sich von ausgewählten Untertanen durch sein Ländle tragen. Ehre, wem Ehre gebührt. Trotz seines gut entwickelten Hangs zu Prunk und Pracht ist der rüstige Sechziger mit dem prägnanten Namen Hadschi Hassanal Bolkiah Mu'izzaddin Waddaulah, Sultan und Yang Di-Pertuan von Brunei Darussalam, den aus verständlichen Gründen alle nur "Seine Majestät" nennen, im Lande beliebt. Er regiert den kleinen islamischen Staat an der Nordküste Borneos zwar als absoluter Fürst, ein Parlament oder Parteien gibt es nicht. Doch nicht alles Geld, das ihm die sprudelnden Ölquellen im Westen des Sultanats einbringen, fließt in die eigenen Taschen beziehungsweise in Ferraris, Porsches oder Lamborghinis - von der fürstlichen Jumbo-Boeing mit den goldenen Armaturen und einer geleasten Lufthansa-Crew ganz zu schweigen.

Nein, Seine Majestät gibt von seinem Reichtum an die 350.000 Landeskinder ab. Sie müssen keine Einkommensteuer zahlen, genießen ein kostenloses erstklassiges Gesundheitssystem, und auch der Schulbesuch bis hin zur Universität ist gratis. Deswegen haben viele nicht so richtig etwas gegen den Sultan, und sollte doch einmal jemand auf die abwegige Idee kommen, Seine Majestät sei ein kleiner Verschwender, hat Hoheit ideologisch vorgebaut. Vor einigen Jahren schrieb er sich selbst in die Verfassung: "Seine Majestät kann weder im persönlichen noch im offiziellen Bereich Unrecht tun."

In einer anderen Welt

An der unfehlbaren Vorliebe des Herrschers für Marmor, Gold und edle Hölzer, die sich an vielen Stellen der Hauptstadt Bandar Seri Begawan glänzend manifestiert, können sich die Bürger von Brunei ja auch erfreuen. Die Touristen ebenso. Denn seit ein paar Jahren setzt der Fürst auf Fremdenverkehr. Den kann er mit seinen Prachtbauten ankurbeln. Sie sind ohne Wenn und Aber sehenswert.

Die Moschee Omar Ali Saifuddien mitten im Hauptstädtchen - Bandar Seri Begawan hat gerade mal 60.000 Einwohner - hat allerdings schon sein Vorgänger errichten lassen. Der weiße Marmorbau mit einer goldenen Kuppel ragt in einen künstlichen See, auf dem eine Nachbildung der königlichen Barke schwimmt. Auch sie ist, wen wird es überraschen, stark goldlastig. Gegen Abend werden Moschee und Schiff von innen her grünlich beleuchtet. Palmwipfel heben sich als Schattenrisse gegen die schimmernde Fassade der Moschee ab, ein Muezzin ruft zum Gebet, und der Tourist fühlt sich in die Welt von Sindbad dem Seefahrer versetzt. Er sollte sich jedoch nicht zu brüsk umdrehen. Am anderen Ufer des Gewässers leuchten in einer modernen Mall fast genauso hell die Schnellimbisse Kentucky Fried Chicken und Jollibee. Die Welt ist ein Dorf und der Fortschritt auch in Brunei allgegenwärtig.

Alles sehr groß für ein kleines Land

Einmal Tausendundeine Nacht war für Bruneis Herrscher nicht genug. Und so ließ der heute amtierende Sultan nur ein paar Kilometer entfernt eine weitere Moschee errichten, noch prächtiger als die im See. Auch die Jame'Asr-Hassanal-Bolkiah-Moschee ist nicht wirklich kitschig, kein islamisches Disneyland, nur wie vieles im herrschaftlichen Brunei einfach sehr groß für ein kleines Land. Zum Gebetsraum unter der gleißenden Kuppel führt eine Rolltreppe - ausschließlich für den Sultan. Der Rest der Welt muss eine Treppe hochsteigen, genau 29 Stufen, denn Seine Majestät ist der 29. Herrscher aus dem Geschlecht der Bolkiah. Unter einer Kuppel liegt das Regalienmuseum, und dort sind neben Dolchen, Kronen und Messingkanonen auch sämtliche Orden zu sehen, die der Regent sich in 41 Jahren Regierung verdient hat.

Würde der eher fragile Monarch alle auf einmal anstecken, bräche er unter dieser Last zusammen. Noch gewaltiger ist das Eigenheim des Herrschers, "die größte Palastanlage der Welt", wie der offizielle Touristikprospekt stolz vermerkt. Da die 1780 Räume der Bereich Seiner Majestät sind, wo er es sich gemütlich machen will, kann man den Palast nur einmal im Jahr besichtigen. Dann aber schüttelt der Sultan höchstpersönlich jedem Besucher die Hand. In der übrigen Zeit muss man sich mit dem Blick auf die geschwungenen Giebel und die, ja!, Goldkuppel vom Fluss aus begnügen.

Venedig des Ostens

Schräg gegenüber dem Palast liegt das alte Brunei, eine Stadt auf Stelzen. Seine bunten Holzhäuschen sind in den hier fast einen Kilometer breiten Fluss gebaut. 30.000 Menschen wohnen im "Venedig des Ostens", was als Beiname ein bisschen hoch gegriffen ist. Neue Hütten werden hier nicht mehr errichtet, die jüngere Generation zieht amerikanisch anmutende Eigenheime auf dem Festland vor.

Keilförmige Schnellboote mit Yamaha- Motoren preschen zwischen den beiden Ufern des Stroms als Taxis hin und her. Wegen der starken Sonne vermummen die Piloten ihre Gesichter wie islamische Terroristen, oft sind nur die Augen sichtbar. Doch auch die wildesten Erscheinungen sind in Wahrheit friedfertige Menschen, wie überhaupt der Islam im Staate Brunei sehr gemäßigt ist. Frauen tragen keine Schleier, höchstens bunte Kopftücher, und ihre Kleider sind zwar lang, doch häufig figurbetont und immer farbenfroh. Sie gehen nicht demütig drei Schritte hinter dem Herrn der Schöpfung und schauen einem fremden Mann durchaus ins Gesicht. Anders könnten sie an der Theke von Kentucky Fried Chicken auch keine Hühnerkeulen mit Pommes verkaufen.

Einmal Urwald und zurück

"Das Schöne an Brunei ist: Der Dschungel liegt gleich um die Ecke", sagt Samuel, der Touristenführer auf der Bootsfahrt in den Ulu-Temburong-Nationalpark. Natur pur ist neben den fürstlichen Bauten Bruneis zweites großes Plus. Die Kettensäge hat den Regenwald hier noch nicht kleingekriegt. Der Sultan hat im ganzen Land das Holzfällen verboten, die Öleinnahmen reichen ihm. So sind noch immer 60 Prozent der Staatsfläche von echtem Urwald bedeckt, und der reicht oft bis an die Stadtgrenzen.

Zum Nationalpark kommt man allerdings nur per Boot, denn die Provinz Temburong ist eine Exklave jenseits der breiten Flussmündung. Zwischen ihr und dem Hauptteil des Landes liegt ein Stück Malaysia. Ein Langboot mit Außenborder bringt uns zum Park. Man sitzt auf dem Boden, und der Fahrer rauscht zielgenau an treibenden Baumstämmen vorbei den schäumenden Fluss hinauf. Links und rechts unberührtes Grün, keine Straßen, keine Siedlungen. Nach einer halben Stunde schwenkt das Boot zur Anlegestelle ein. Und jetzt folgen 1226 Stufen. Genau 1226 Stufen steil einen Berg hinauf. Die Luft steht heiß und feucht. Nichts für kurzatmige Menschen. Oben auf dem Hügel überragt ein Stahlgerüst die riesigen tropischen Baumkronen. Noch einmal 200 Leitersprossen. Schwer atmend wissen wir nach der letzten Sprosse, dass sich die Mühe gelohnt hat. Unter uns liegt, so weit das Auge reicht, unberührter, dampfender Regenwald, keine grüne Hölle, sondern eine ehrfurchtgebietende Urlandschaft. Langes, stummes Staunen, dann zurück ins Boot. Einmal Urwald und zurück an einem halben Tag, wo sonst ist das von der Hauptstadt aus zu machen?

Marmor und Gold, so weit das Auge reicht

Und wo sonst ist man 20 Autominuten später in einem Hotel wie Empire? Die Anlage direkt am Meer war einst als Gästehaus des Sultans vorgesehen, und da ahnt man schon ... Richtig, Marmor und Gold, so weit das Auge reicht. Erbaut wurde das Empire vom jüngsten Bruder des Sultans. Der ist inzwischen in Ungnade gefallen und nach einer Milliardenpleite außer Landes. Sein royaler Habitus war auch einen Hauch zu vulgär. Er nannte seine Privatyacht "Tits" und die zwei Beiboote "Nipple One" und "Nipple Two".

Die Lobby des Empire ist 53 Meter hoch. Kunstvoll verzierte Kamele in Bleikristall und Gold stehen als Tischschmuck herum. Sie kosten die Kleinigkeit von 150.000 Euro. Das ist kaum mehr als zwei Wochen Emperor Suite, dem Nonplusultra des Hotels. In diesem Palast im Palaste nächtigten unter anderen Bill Clinton, Madonna und Michael Jackson. Für 7000 Euro pro Tag standen ihnen ein privater Aufzug, ein privater Swimmingpool mit den Ausmaßen eines olympischen Beckens, ein privater Butler und natürlich ein privates Bleikristall-Kamel zur Verfügung. Die Empress-Suite ist mit 3800 Euro pro Nacht deutlich billiger, umfasst aber auch nur knapp 300 Quadratmeter. Nach unten sinkt der Preis auf erstaunliche 110 Euro ab.

Des Sultans nüchternes Märchenland

Eines hat das noble Haus nicht: eine Alkohollizenz. Brunei ist ein trockener Staat, Verkauf und Ausschank von Alkohol sind verboten. Nichtmuslime dürfen aber bis zu zwölf Dosen Bier und zwei Flaschen "Liquor" einführen. Die malaysische Grenze liegt eine halbe Stunde Autofahrt entfernt. Im ebenfalls islamischen Nachbarstaat darf Alkohol verkauft werden. "Wir schicken Angestellte, die keine Muslime sind, hinüber, und die kommen mit den erlaubten Höchstmengen zurück", sagt der Hotelmanager. "Allerdings servieren wir die Drinks in blauen Gläsern, sodass die religiösen Gefühle von niemandem verletzt werden."

Am Grenzübergang Kuala Lurah ist die Autoschlange über einen Kilometer lang. Es scheint erstaunlich viele Ungläubige in Brunei zu geben. Direkt jenseits der Kontrollstellen herrscht in den Holzhütten angeheitertes Leben. Prost! Wir kaufen sechs Dosen Tiger-Bier aus Singapur und wechseln nach zehn Minuten Malaysia zurück in des Sultans nüchternes Märchenland. "Haben Sie Alkohol dabei?", fragt die Grenzbeamtin. "Ja, sechs Dosen." - "Was, nur sechs? Sie dürfen doch zwölf mitbringen", sagt sie mütterlich und hat ein ungläubiges Lächeln im Gesicht unter dem schicken Kopftuch.

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