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Nordseeküsten-Radwanderweg: Grenzenloses Vergnügen

Wer sich auf die längste Radwanderroute der Welt wagt, strampelt von Hamburg nach Norwegen, fährt hinüber nach Schottland und über Holland zurück - auch Freizeitradler können das Abenteuer genießen.

Fünf Kilo für drei Wochen - mehr passt nicht rein. Fünf Unterhosen, drei T-Shirts, zwei Paar Socken, Zahnbürste und Zahncreme, Duschgel, eine Regen- und eine Fleece-Jacke. Die Wollmütze, Schal und Handschuhe. Dann wird es eng. Und der dicke Pullover? Mist, Übergewicht. Bleiben Traubenzucker und Müsliriegel zu Hause. Stattdessen kommt die wasserdichte Hose drauf. Dann ist Schluss. Da hilft kein Drücken und Quetschen mehr. Die Gepäcktasche ist voll.

Die Herausforderung beginnt vor dem Kleiderschrank. Mehr als eine kleine Tasche geht nicht ans Mountainbike. Ein Rucksack wäre nur Ballast. Bei jedem Anstieg müsste ich doppelt in die Pedale treten. Unnötiger Kräfteverlust. Da wird Frau schnell vernünftig - und uneitel. Muss ich ab und zu mal ein T-Shirt im Waschbecken durchspülen. Morgen früh geht's los: Mit dem Fahrrad von Hamburg bis auf die schottischen Orkney-Inseln. Drei Wochen Tag für Tag mindestens 160 Kilometer. Bei Wind und Wetter acht Stunden im Sattel. Gut, dass die Tube Kamillosan gegen wunde Stellen am Radler-Po nur hundert Gramm wiegt. In Hamburg beginnt der Nordseeküsten-Radwanderweg. Eine Route durch Norddeutschland hinauf nach Dänemark, Schweden und Bergen in Norwegen. Mit der Fähre hinüber auf die Shetland-Inseln, die Orkneys und nach Schottland, das Ziel meiner Reise. Mehr schaffe ich beim besten Willen nicht. Ich will ja nicht für die Tour de France trainieren. Der längste Radwanderweg der Welt führt aber weiter durch Großbritannien, die Niederlande und zurück an die Elbe. Durch sieben Länder einmal um die Nordsee. Insgesamt 5942 Kilometer, eröffnet im Sommer 2001. Städte, Kreise, Verkehrsämter und Regionen haben zusammengearbeitet. Vorhandene Wege wurden über die Grenzen hinweg zusammengelegt und ausgeschildert. Geht doch, Europa. Hamburg - Glückstadt - Büsum - St. Peter- Ording - Thyborön - Hanstholm - Blokhus - Lönstrup - Hirtshals - Skagen 917 Kilometer, sechs Tage. Platte Landschaft - manchmal langweilig, aber ideal zum Warmfahren.

Skagen stinkt. Einige Kilometer vor der dänischen Kleinstadt hat sich der Geruch von vergammeltem Fisch in die Luft geschlichen. Sogar die feinen Tropfen des Nieselregens riechen ranzig. Fischreiche Gründe - hier vereinen sich Ost-und Nordsee miteinander. Hinter Kühlhäusern in einer Gasse steht eine Fischmehlfabrik. Auf der schleimigen Asphaltstraße vor dem grauen Gebäude liegen unzählige Fischköpfe und Gerippe. Eine Arena für Möwen, die flügelschlagend und schnabelhackend um ihr Fressen streiten. Aufgescheucht werden die Vögel nur von den Traktoren, die im Fünf-Minuten-Takt vorfahren. Ohne Unterlass. Sogar sonntags. Und immer steigen dickbäuchige Fahrer in Latzhosen aus, die mit einer Stange die Ladeklappen der Anhänger aufstoßen. Spritzend plätschert eine breiige Masse in ein Loch am Boden. Immer dann beginnt Skagen zu stinken. Skagen - Frederikshavn - Grena - Göteborg -Lysekil-Frederikstad-Moss, 416 Kilometer, drei Tage. Zwei Stunden mit der Fähre, danach abwechslungsreiche Berg- und-Talfahrt. Vorbei an Fjorden, Badeseen und durch Wälder Abends massiert Jan Stevens seiner Angela die Beine. Zwei Fläschchen Massageöl hat der 26-Jährige dabei. Verstaut in einer kleinen Tasche am Sattel. "Um die unterzukriegen, habe ich einen Teil des Flickzeugs zu Hause gelassen", sagt Jan. Und schiebt hinterher: "Jetzt dürfen wir nicht mehr als einen Platten kriegen." Jan und Angela sind auf Hochzeitsreise. Mit den Fahrrädern die schwedische Küste entlang - von Göteborg bis nach Strömstad und zurück. Knapp 400 Kilometer. Übernachten in Jugendherbergen. Mehr können sich der Architekturstudent und die Medizinisch-Technische Assistentin nicht leisten. Am Morgen nach der kirchlichen Trauung haben sie sich auf die Reise gemacht. Erst mit dem Zug von ihrer Heimatstadt Essen nach Frederikshavn, dann mit der Fähre nach Göteborg. Seit vier Tagen strampeln sie nun täglich 50 Kilometer. Kleine Etappen.

Meist fährt Jan vorweg, und Angela folgt mit ein paar Metern Abstand. Wenn eine Steigung für sie zu steil ist, steigt auch er ab und schiebt beide Räder. Trotzdem haben die Strapazen bei Angela erste Spuren hinterlassen. "Ich kann nur noch breitbeinig laufen - wie Django. Kein Wunder, seit zehn Jahren sitze ich zum ersten Mal wieder im Sattel." Damals habe sie noch ein Bonanza-Fahrrad gehabt - mit geschwungenem Lenker und Fähnchen am Hinterrad. Warum jetzt eine so große Tour? "Das war Jans Traum - und ich wollte ihn nicht alleine fahren lassen." Damit sie durchhält, massiert er ihr abends die Beine. Moss - Horten - Sandefjord - Larvik - Kragerö - Arendal - Grimstad - Kristiansand 381 Kilometer, dreieinhalb Tage. Die Strecke führt durch kleine Dörfer und wechselt bei Arendal in den Wald. Danach gekieselte Wege, steile Anstiege und rasante Abfahrten - mit bis zu 18 Prozent Gefälle Erst ist es nur ein Rascheln. Dann bewegen sich die Blätter. Zwei Meter seitlich vom schmalen Weg. Niemand zu sehen. Wer sollte auch in dieser gottverlassenen Gegend durch das Dickicht stapfen? Aber dann steht er auch schon da. Groß. Breit. Braun. Und kauend. Ein Elch. Bremsen! Das Hinterrad rutscht auf dem weichen Waldboden weg. Patsch. Krachend lande ich auf der Seite. Elch-Test eben. Das Tier lässt sich nicht beirren. Wendet noch nicht einmal den Kopf. Trottet federnd weiter und verschwindet auf der anderen Seite im Wald. Zurück bleiben nur zwei kleine Schürfwunden und ein Rascheln im Grün. Kristiansand - Farsund - Flekkefjord-Egersund - Stavanger 409 Kilometer, vier Tage. Anspruchvollster Teil der Route. Lange Anstiege. Die schnellen Abfahrten reichen kaum, um wieder zu Kräften zu kommen David und Ewald Huber müssen alles gemeinsam machen. Seit fünf Tagen sitzen die Österreicher auf einem Tandem. Ewald vorne, David hinten. Treten gleichmäßig in die Pedale, verlagern gleichzeitig das Gewicht, wenn sie sich in die Kurve legen, und bremsen gemeinsam - manchmal so stark, dass die Funken sprühen. "Geht es länger bergab, glühen die Bremsen", erklärt David. Sohn David und Vater Ewald sind auf großer Tour. Von Kristiansand nach Flekkefjord - mit vielen Abstechern in die Berge. Knapp 900 Kilometer in acht Tagen. "Ein Trainingslager, für unsere Fahrt von Klosterneuburg bis ans Nordkap und zurück nächstes Jahr", sagt David stolz. "6500 Kilometer in acht Wochen", ergänzt Ewald.

Seit fünf Jahren sind die Hubers regelmäßig im Sommer unterwegs. Zu Anfang noch jeder mit seinem eigenen Fahrrad. Seit 1999 mit dem Tandem. "Jetzt kommen wir schneller voran, und es ist interessanter, weil wir quasseln können", sagt der 19-jährige David. Kreuz und quer durch Frankreich und Österreich sind sie so geradelt. Haben Kilometer geschrubbt und geredet. Vater-Sohn-Gespräche eben. Diesmal mussten sie allerdings aufgeben. 100 Kilometer vor Flekkefjord. Ein Pedal war gebrochen. "Nicht zu reparieren. Ersatzteile für ein Tandem sind in Norwegen kaum zu kriegen", sagt Ewald. Jetzt sind sie auf dem Weg nach Hause. Erst mit der Fähre, dann per Bahn. David ist dennoch glücklich. "Bei einer Generalprobe muss was schief gehen." Stavanger - Skudeneshavn - Haugesund - Leirvik - Os - Bergen. 214 Kilometer, eineinhalb Tage. Wilde Berglandschaft. Vor Bergen ein kräfteraubender Anstieg. Zur Belohnung ein gigantischer Blick über den Fjord Einsamkeit. Erschöpfung, die einen am Straßenrand sitzen lässt, ohne einen Gedanken fassen zu können. Oberschenkel, die sich zusammenkrampfen. Augen, die sehen - aber nicht wahrnehmen. Zusammenkauern. Nicht bewegen. Der Versuch, Sauerstoff in die brennenden Lungen zu pressen. Und die Entspannung zu spüren, wenn der Schmerz aus dem Brustkorb und den Beinen kriecht. Dann das Gefühl, es geschafft zu haben. Sich besiegt zu haben Glück.

Schon seit zehn Kilometern geht es bergauf. Serpentinen entlang. Nur nicht aus dem Tritt kommen! Nicht stehen bleiben! Ein metallisches Krachen später ist die Kette vom Zahnkranz geflogen. Der nächste Tritt geht ins Leere. Warum muss ich mich ausgerechnet an der steilsten Stelle verschalten? Fluchend justiere ich die ölige Kette. Dann geht es weiter. Wieder in den Tritt kommen. Den Rhythmus finden - damit die Kraft bis zum Ende des Anstiegs reicht. Noch fünf Kilometer. Und wieder das metallische Krachen. Noch mal die Kette. "Verdammt!" Am liebsten würde ich das Fahrrad in den Graben schmeißen, wie einst Bjarne Riis. Der damalige Spitzenfahrer des Team Telekom hatte sich 1997 während einer Etappe der Tour de France furchtbar aufgeregt, weil an seinem Rennrad immer wieder was kaputt ging - und pfefferte kurz vorm Ziel das 15000 Euro teure Ding in den Graben. Mir fehlt dafür die Kraft. Mit geflicktem Gefährt geht es weiter. Eine halbe Stunde später sitze ich am Straßenrand. Geschafft! Dann geht es nur noch bergab. Bergen - Lerwick - Kirkwall - Iverness 560 Kilometer, sechs Tage. Zehn Stunden mit der Fähre von Bergen nach Lerwick. Danach Rundkurs auf den Shetland-Inseln, weiter mit der Fähre auf die Orkneys. Unbedingt Regenklamotten mitnehmen .

Auf den Orkneys stehen die Bäume schief. Die langen Stämme stecken schräg im Boden, die Wipfel berühren fast das Gras. Der unablässig blasende Wind hat sie in diese Form gezwungen. Jetzt droht er, mich zu besiegen. Mal pustet er von der Seite und wirft das Rad fast um. Dann gnadenlos von vorne und bremst jeden Schwung. Von hinten schiebt er nie. So werden 60 Kilometer zu einem schier endlosen Kampf. Vorbei an riesigen Schafherden, mystischen Steindenkmälern und Burgruinen. Was sonst drei Stunden dauert, gerät jetzt zum scheinbar endlosen Kräftemessen. Nach acht Stunden komme ich vor einem kleinen Hotel an. Bin durchgezauselt. Verschwitzt. Gleichzeitig verfroren und nass. Freue mich auf eine heiße Dusche. Und habe Glück. "Gestern", sagt der Mann an der Rezeption, funktionierte der Boiler nicht, weil ein Baum auf die Stromleitung gestürzt war." Seit heute früh aber läuft alles wieder. Eine warme Dusche - so lange, bis die Haut schrumpelt.

Alexandra Kraft

Wissenscommunity