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Vulkanasche über Großbritannien: Kriegsschiffe werden zu Touristen-Bombern

Cobra, übernehmen sie: Großbritanniens Regierungschef Gordon Brown hat einen Notfallplan ersonnen und will nun gestrandete Landsleute mit schwerem Kriegsgerät nach Hause holen. Denn die Vulkanasche und deren Auswirkungen trifft die Insel besonders hart.

Von Cornelia Fuchs, London

Sie warten an den Fährhäfen von Calais, St. Malo und Bilbao. Sie besteigen Nachtzüge von Istanbul über Bukarest bis nach Paris und nehmen Taxis über hunderte von Meilen. Nach Tagen des Abwartens hat jetzt auch die britische Regierung erkannt, dass sie ihren wegen des Flugverbots im Ausland gestrandeten Bürgern helfen muss, wieder nach Hause zu kommen.

Und Großbritannien wäre nicht Großbritannien, wenn angesichts dieser logistischen Herausforderung nicht an Kriegszeiten erinnert würde, genauer gesagt an die Schlacht von Dünkirchen. Damals, Ende Mai 1940, gelang es den Briten 330.000 Soldaten vom Festland zu evakuieren. Ganze Heerscharen von privaten und militärischen Booten brachen von britischen Häfen auf, um ihre Armee vor den heranrückenden deutschen Truppen zu retten.

TV-Moderator will Gestrandete übersetzen

Am Sonntag war es ein einsamer Fernseh-Moderator, der sich mit fünf Motorbooten auf den Weg nach Calais machte. Über Twitter hatte er seine Aktion angekündigt, Dan Snow wollte den ganzen Tag Gestrandete nach Dover übersetzen. Doch die französischen Hafenbehörden verhinderten die PR-Aktion des Hobby-Historikers, der erst gerade im Fernsehen eine Dokumentation über Dünkirchen präsentiert hatte. Nur 25 Menschen konnte er verladen. Danach durften nur noch kommerzielle Anbieter Passagiere aufnehmen, Kopfpreis für eine Überfahrt im Schnellboot: 60 Pfund.

Allein in den USA warten über 70.000 Briten auf ihre Rückreise. Sie sollen nach Wunsch der britischen Regierung zunächst in Spanien landen, hier sind die Flughäfen offen. Von dort soll es dann mit Bahn oder Bus weiter Richtung Fährhäfen gehen. Schon werden in Calais Frachtschiffe eingesetzt, um die Massen zu transportieren. Die Zahlen der Verzweifelten sind auch deshalb so hoch, weil in der vergangenen Woche noch Schulferien waren. Auch Paul McCartney hatte seine Tochter Bea zum Urlaub nach New York ausgeflogen. Die beiden stecken dort immer noch fest.

3800 Euro für 15-Stunden-Taxifahrt

In den Zeitungen überbieten sich derweil die Heimkehrer mit Horror-Geschichten. Der Komiker und Monty-Python-Veteran John Cleese bezahlte 3800 Euro für eine 15-stündige Taxifahrt von Oslo nach Brüssel. Touristen in Spanien berichten von Mietautos, die plötzlich bis zu 1000 Euro pro Tag kosten sollen. Und um noch Platz auf den ausgebuchten Fähren zu bekommen, kauften sich einige Findige Fahrräder - denn Bordkarten für Zweiräder waren noch zu haben.

Auch bei den Lebensmitteln deuten sich erste Ausfallerscheinungen an. Zwar kommt nur ein Prozent davon per Flugzeug in britische Supermärkte, allerdings vor allem leicht verderbliche Ware - wie Trauben und Spargel - könnte bald knapp werden. In Kenia mussten bereits über eine Million Rosen wieder aus wartenden Flugzeugen ausgeladen werden, zehntausende Arbeiter könnten ihren Job verlieren.

Angesichts von den Massen, die auf Hilfe warten, hat Gordon Brown nach Tagen der Untätigkeit nun den Notfallausschuss "Cobra" zusammengerufen. Als Ergebnis werden jetzt drei Kriegsschiffe nach Spanien und Frankreich beordert. Die allerdings werden frühestens Dienstagmorgen ankommen - und auch nur höchstens 3500 Menschen mitnehmen können. Großbritannien wird schmerzhaft daran erinnert, dass es eine Insel ist.

"Der Trick ist, erst gar nicht nüchtern zu werden"

Mike Jones war einer der Glücklichen, der Platz fand auf einem der kleinen Boote, die auszogen, ihren Landleuten zu helfen. Er hatte sich auf einer 17-stündigen Fahrt in drei Zügen von Wien bis Calais durchgeschlagen, fühlte sich furchtbar, aber dennoch optimistisch: "Der Trick ist, erst gar nicht nüchtern zu werden."

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