Trentino: Bär? Kuh?
Wer die Einsamkeit sucht, darf den Bären nicht fürchten. Auf dem Parkplatz am Ende einer sich endlos windenden Straße weist eine Tafel darauf hin, was Wanderer bei einer Begegnung tun sollten. Es gibt viele Eskalationsstufen, die letzte lautet sinngemäß: „Sollte das Tier Sie mit seiner Pranke erwischt haben, legen Sie sich auf den Bauch und versuchen Sie, Ihren Nacken mit dem Rucksack zu schützen.“ Und so verbringen wir die Wanderung, die uns in die Ruhe führen sollte, mit lautem Reden und Singen, die Tochter dreht die Musik auf dem Smartphone hoch. Denn Lärm, so die Tafel, vertreibe den streunenden Bären. Etwa 100 Exemplare sollen in der Gegend leben. Kanada? Karpaten? Nein: Italien, Region Trentino, Naturpark Stilfserjoch, im Val di Pejo, weit weg von den Touristenmassen in Südtirol. Eher einfache Unterkünfte, bäuerliches Essen, eine Welt, in der das 21. Jahrhundert noch nicht angekommen ist. So wurde hier der grandios schöne Film „Vermiglio“ gedreht, der Ende des Zweiten Weltkriegs spielt. Viel umbauen musste die Crew nicht. Die alte Scheune steht am Wegesrand, die kleine Kirche wirkt wie eingepflanzt auf einer Anhöhe. Auf dem Weg hinab von unserer Wanderung um einen wickblauen Stausee erschrickt der Sohn: Zwei Augen hätten ihn aus dem Unterholz angestarrt. Ein Riesenvieh habe sich erhoben. Der Bär? Es war zum Glück nur: eine Kuh. Oliver Creutz
© Stefano Springhetti / Mauritius Images