Essaouira: Frei und unbeschwert
Wir sprechen kein Arabisch und auch keine Berber-Sprachen. Aber dass Essaouira an Marokkos Atlantikküste seiner trotzigen Stadtmauern wegen übersetzt „Die Eingeschlossene“ heißen soll, halten wir für ein Gerücht. Nirgendwo sonst fühlt sich Nordafrika so frei an, so luftig und unbeschwert. Das liegt an der feinsandigen Bucht, deren Dünenberge sich bereits nach wenigen Kilometern in eine ausgewachsene Wüste verwandeln, und am Mosaik aus munteren Bars und Restaurants. Der Hafen riecht nach Fisch vom Kutter, in der Altstadt regieren die Katzen. Essaouiras Flair nährt sich zudem aus der Mischung von Einheimischen und Gästen: Erholungsuchende und Zivilisationsmüde, Surfer und Hippies, Galeristen und Künstler, die sich von den Salzwinden des Atlantiks Inspiration erhoffen. Essaouira, die Entspannte. Jimi Hendrix und die Macher von „Game of Thrones“ waren auch schon da. Im Trend liegt es ohnehin. Vor Kurzem konnte Marokko sogar Ägypten überholen als beliebteste Destination auf dem afrikanischen Kontinent. Vielleicht, weil Gastfreundschaft hier schon historisch ein kostbares Gut war gegenüber Reisenden, die zuvor das Mittelmeer überwunden hatten oder die Sahara. Man fühlt sich sicher, aufgehoben. Selbst die Straßenhändler halten sich mehr zurück, auch in den Medinas. Während Königsstädte wie Fes, Rabat und Marrakesch immer mehr ersticken am Verkehr und der eigenen Begehrtheit, lehnt sich der Ort mit allen Vokalen im klingenden Namen entspannt zurück. Man schläft bestens im hingebungsvoll geführten Riad „Malaïka“ in der Rue Zayan, verbummelt den Tag in einer Liege der Tapas-Bar „Beach & Friends“ an der Avenue Mohammed V. Vor dem Essen im feinen Restaurant „D’Orient et d’Ailleurs“ in der Rue Touahen bummelt man zum Platz Moulay Hassan, benannt nach dem Kronprinzen. Jeden Abend versammelt sich dort die halbe Stadt zum Sonnenuntergang und lässt sich die Seele einfärben. Schöner kann Kitsch kaum sein. Matthias Schmidt
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