Alpen: Geht gut!
Niemand muss ein Sabbatical nehmen, um zu sich selbst zu pilgern, habe ich herausgefunden. Acht freie Tage reichen aus, um zu Fuß die Alpen zu überqueren und verändert zurückzukehren. Ich laufe los am Tegernsee, der Rucksack kaum schwerer als zehn Kilo und damit leichter als meine Gedanken. Liebeskummer habe ich und das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Also setze ich einen Schritt vor den anderen, gehe am See entlang Richtung Kreuth und weiter bis nach Sterzing in Südtirol. Es ist die kürzeste Route übers Hochgebirge, eine der leichtesten. Keine der sieben Etappen ist länger als 22 Kilometer, etwa sechs Stunden wandere ich täglich. An einem der ersten Tage prasselt Starkregen auf mich ein, bis ich durchnässt bin und laut vor mich hin weine. An anderen Tagen folge ich schmalen Pfaden durch dichten Wald. Ich nicke Kühen und Gekreuzigten zu und verneige mich vorm türkis schimmernden Achensee. Ich rede mit Vögeln und schweige, wenn Wandergruppen vorbeiziehen. Einsam fühle ich mich zu keiner Zeit. Nachts schlafe ich in holzvertäfelten Pensionen und weiß, die ersten Schritte am Morgen werden die steifsten, aber glücklichsten sein. Etwas in mir löst sich, als ich nach sechs Tagen Italien erreiche. Sattgrüne Wiesen, die Luft ist milde. Vor mir liegt das Pfitschtal wie ein Versprechen: Komm runter, hier unten wird alles gut, ruft es. Und während ich absteige und ins Dörfchen San Giacomo laufe, fühle ich, dass es stimmt. Lisa Frieda Cossham
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