Edinburgh: Die Tante
Manchmal stelle ich mir vor, was eine Stadt für ein Mensch wäre. London etwa verbinde ich mit einer Frau zwischen 25 und 35. Sie ist laut, voller Energie, originell, schlagfertig, kreativ und weltoffen. Es macht Spaß, sich von ihr mitreißen zu lassen. Diese Frau hat eine Tante. Deutlich älter, lebensklug und noch immer neugierig: Edinburgh. Eine in Würde gealterte Schönheit, herzenswarm und niemals zynisch. Diese Tante ist sehr gastfreundlich. Einige Tage in Edinburgh sind eine wunderbare Zeitreise. Nicht von ungefähr gehören die Stadtteile Old Town und New Town seit 1995 zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen. Hier die Enge der mittelalterlichen Gassen mit Pubs wie dem „Sheep Heid Inn“ von 1360, dort die neoklassizistischen und georgianischen Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert, Schauplätze für Ausstellungen, Konzerte und Lesungen. Unmöglich, beim Flanieren nicht an Harry Potter zu denken, dessen Schöpferin Joanne K. Rowling hier Inspiration für ihre Romane fand. Beste Reisezeit ist zwischen Juni und September, wenn sich ein Kulturfestival an das nächste reiht. Das wohl wichtigste ist das „Edinburgh Festival Fringe“: Vom 7. bis 31. August platzt die Stadt zwar aus allen Nähten, aber eine größere Vielfalt von kreativen Veranstaltungen ist kaum vorstellbar. Die schottische Tante hat halt unglaublich viele Talente. Tobias Schmitz
© Robert Ormerod / The New York Times / Redux / Laif