Bayreuth: Die Kunst, sich zu häuten
Die Bayreuther Festspiele werden 150 – und das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Kaum ein Ort hat die unterschiedlichen Systeme und ihre jeweiligen Anführer, die Deutschland seit Wagners Zeiten durchlief und überdauerte, derart fasziniert wie dieses halbreligiöse Opernfestival. Erst kamen Könige und Kaiser zu Richard Wagners musikalischer Selbstbeweihräucherung. Während noch Vertreter der Weimarer Republik auf den Premieren winkten, hatte schon der „Onkel Wolf“ genannte Freund des Hauses, Adolf Hitler, im Wohnzimmer der Komponistenfamilie Platz genommen. Nun also Präsidenten und Bundeskanzler, von Lübke bis Merz, ganz besonders aber als Stammgast die treue Altkanzlerin. Bayreuth ist zum Synonym für Anpassung geworden, für Überlebenswille, aber auch für die Kunst, sich zu häuten und zu definieren. Das oberfränkische Städtchen erstrahlt alljährlich in besonderem Glanz, die Musiker, Künstler und Aficionados bevölkern die lauschigen Gastgärten im August. Zum Jubiläum kippt Festspielchefin Katharina Wagner nun das angestammte Programm, um den Kanon um eine weitere Wagner-Oper zu erweitern. Ein selten aufgeführtes Frühwerk des „Meisters“, der ihr Urgroßvater war, wird gegeben. Es heißt „Rienzi“ und erzählt die Geschichte eines Volkstribuns, der den Sturz wagt und am Ende selbst untergeht. Auch das hat man in Bayreuth so ähnlich erlebt – bloß nicht als Oper. David Baum
© Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele