Burgenland: Über alle Hügel
Mag der Massentourismus vielerorts für Groll bei Einheimischen sorgen – im Burgenland freut man sich noch über jeden Gast. Denn Österreichs jüngstes und bevölkerungsärmstes Bundesland wurde gewissermaßen zur Bescheidenheit erzogen. Nicht nur, dass es lange von Armut und Abwanderung gebeutelt war. Anders als Tirol oder das Salzburger Land muss es zudem ohne hohe Berge und Alpenidyll auskommen – burgenländische Schönheit wirkt auf den zweiten Blick. So hat sich in der Pannonischen Tiefebene über die Jahrhunderte ein atypisches Österreich entwickelt. Bereits der Wiener Adel der k. u. k. Monarchie bereiste die nahe Sommerfrische und erfreute sich an ihrer Natur und Weite, an zahlreichen Sonnenstunden und zugewandten Menschen. Vieles von damals ist geblieben, manche Orte haben sich Besuchern inzwischen geöffnet. Auf Burg Bernstein etwa können sie übernachten – in Räumen, die einst László E. Almásy und seine Familie bewohnten. Der Abenteurer diente als Vorbild für den Roman und Film „Der englische Patient“. Weiter nördlich dann der Neusiedler See, wo rund 350 Vogelarten rasten, brüten, überwintern oder permanent leben. Früher verlief der Eiserne Vorhang durchs flache Gewässer, der ungarische Teil ist heute ebenfalls ein Nationalpark. Regenwasser speist den Steppensee, einen der wenigen in Europa. Um ihn herum verteilen sich salzhaltige Weiher, die im Sommer austrocknen. Wie das Watt der Nordsee sind sie voller Krebse und Wasserflöhe – Nahrung für Zugvögel. Alles hängt miteinander zusammen. Auch das lernt man hier im Burgenland. Gunnar Herbst
© Reiner Riedler / stern