Albanien: Im Neuland
Wohin fahren wir in die Ferien, fragt mein Sohn. Hören will er: Dubai, fünf Sterne. Ich sage: Albanische Alpen, zu Fuß. Danach redet mein Sohn lange nicht mit mir. Im Flugzeug nach Tirana zeige ich ihm ein paar Highlights auf Instagram: „Hidden gem“, „stunning views“, „secret spot“, so beschreiben Influencer ihre Erlebnisse. Ganz nice, sagt der Sohn. Auf ihren Fotos balancieren die Wanderwilden über steile Bergklippen. Was ich meinem Sohn lieber nicht zeige, ist, dass der Pass, der das Tal Valbona mit dem kleinen Dorf Theth verbindet, etwa 17 Kilometer lang und am höchsten Punkt 1800 Meter hoch ist. Schon die Anreise ist mühsam. Mit dem klapprigen Kleinbus fahren wir zweieinhalb Stunden von der nordalbanischen Stadt Shkodra zu einem Fähranleger am Fluss Drin, in einem Bötchen tuckern wir durch buchengrüne Täler ins europäische Nirgendwo bis nach Valbona. Am nächsten Morgen wandern wir los, erst durch ein steiniges Flussbett, dann steil bergauf. Es ist warm, ein paar Influencer kreuzen unsere Wege, sie hecheln. Nach drei Stunden stehen wir auf dem Scheitel. Auf der anderen Seite geht es runter ins Örtchen Theth. Die Bergkuppen zeichnen furchige Konturen in den Himmel. So nah. Eine Reihe Berge, dahinter die nächste und wieder die nächste. So weit. Mein Sohn nickt und pfeift durch die Zähne. Albanien, fünf Sterne. Isa von Heyl
© Isa von Heyl / stern