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Analyse

Champions League: Top-Teams versinken im Taktiksumpf: Warum Real und Co. den Titel nicht verdienen

Es war zum Gähnen langweilig, was Real Madrid und Manchester City im Achtelfinale der Champions League an taktischen Spielchen vollführten. Auch andere Top-Teams schwächelten. Eine Analyse.

Champions League: Real-Kapitän Sergio Ramos trottet über den Rasen des Estadio Bernabeu

Real-Kapitän Sergio Ramos trottet vom Platz. Wegen einer vermeintlichen Notbremse hatte ihn der Schiedsrichter kurz zuvor des Feldes verwiesen.

Getty Images

Die Hinspiele des Achtelfinals der Champions League sind Geschichte. Acht Partien – mit dabei die selbst ernannte Crème de la Crème des europäischen Klubfußballs. Real Madrid, Juventus Turin, Paris St. Germain, Manchester City, FC Barcelona – um fünf davon zu nennen. Doch was die Top-Teams zum Auftakt der K.o.-Phase zustande brachten, war allenfalls fußballerische Magerkost.

Zum unrühmlichen Höhepunkt gerieten die ersten 45 Minuten des Spiels zwischen Real Madrid und Manchester City. Ausgebremst von ihren Taktik verliebten Trainern erstarrten die Königlichen und die Citizens am Mittwochabend im Estadio Bernabeu in Ehrfurcht voreinander. Mutloses, uninspiriertes Ballgeschiebe ohne einen Hauch von Spielwitz. Mickrige drei Torannäherungen zählten die Statistiker. Wer vor dem Fernseher (verständlicherweise) kurz weggenickt sein sollte, hat nichts verpasst. Dabei standen überragende Kicker wie der aktuelle Weltfußballer Luka Modric, Ilkay Gündogan, Karim Benzema oder der Ex-Wolfsburger Kevin De Bryne auf dem Rasen.

Zu Tode taktiert: Real und ManCity enttäuschend

Ohne einen einzigen Stürmer wollte City-Coach Pep Guardiola die Königlichen zu Tode taktieren. Und auch Zidane war offensichtlich eher darauf bedacht, kein Tor zu kassieren, als selbst eins zu erzielen. Und so wurde aus dem vermeintlichen Leckerbissen ein zäher Kick auf sehr überschaubarem Niveau. Kaum vorstellbar, dass eines dieser beiden Teams am 30. Mai den begehrten Henkelpott in den Himmel von Istanbul reckt. Auch wenn Manchester nach dem 2:1-Sieg die deutlich besseren Karten auf's Weiterkommen hat.

Zum ersten Mal seit 2015 wird Cristiano Ronaldo die Champions League nicht gewinnen.

Real Madrid und Manchester City standen am Abend beispielhaft für den Rest der Titelanwärter. Nur zwei Tore brachten die vier Teams aus der Premier League zustande. Auch das Quartett aus Spanien, das die Fünf-Jahres-Wertung der Uefa komfortabel anführt, drängte sich mit nur drei Treffern nicht wirklich für die weiteren K.o.-Runden auf. Allein Athletico Madrid und Trainer Diego Simeone, die Titelverteidiger FC Liverpool mit 1:0 in die Knie zwangen, schönten die ansonsten dürftige Ausbeute die Primera Division. Der FC Barcelona enttäuschte beim schmeichelhaften 1:1 in Neapel, Valencia ließ sich von Champions-League-Neuling Atalanta Bergamo regelrecht vorführen. Womit wir bei den vorläufigen Gewinnern des Achtelfinals wären.

And the winners are: Dortmund, Leipzig und Bayern

Und das sind neben erfrischend aufspielenden und torhungrigen Kickern aus der Lombardei ohne Zweifel die drei Teams aus der Fußball-Bundesliga. Ja, es ist noch nichts gewonnen. Doch was Dortmund, Leipzig und der FC Bayern seinen Fans in den Hinspielen geboten haben, war bärenstark. Weitgehend losgelöst von taktischen Fesseln setzten sie in erster Linie auf ihre eigenen Stärken, statt sich – wie Real, Paris oder Barcelona – zunächst mit denen der Gegner zu befassen. Der BVB legte gegen Paris und Ex-Trainer Thomas Tuchel vor. Dass die Borussia mit einem 2:1 ins Rückspiel gehen würde, hatte man für möglich gehalten – doch dass die Favre-Elf dem Starensemble um Mbappe, Neymar und Cavani spielerisch den Zahn zieht, war so nicht zu erwarten.

Ohne Scheuklappen und übertriebenen Respekt klopfte auch RB Leipzig schon im Hinspiel bei Vorjahresfinalist Tottenham Hotspur an die Tür zum Viertelfinale. Auch wenn den Spurs zwei Schlüsselspieler fehlten: Die Sachsen zogen an der White Hart Lane ihr aggressives Spiel gegen den Ball durch – statt sich zu verstecken und auf das Rückspiel zu hoffen. Und die Nagelsmann-Truppe belohnte sich für ihren Mut, ihr Selbstverständnis und den Siegeswillen mit einem für Tottenham sogar noch schmeichelhaften 1:0-Auswärtserfolg.

Und auch der FC Bayern, zuletzt 2013 Gewinner der Champions League, gaben sich im Achtelfinal-Hinspiel keine Blöße. Als hätte es das "Drama dahoam" nie gegeben, legte sich der Rekordmeister die Blues an der Stamford Bridge zunächst zurecht, um sie in Persona von Serge Gnabry und Robert Lewandowski nach der Pause in ihre Einzelteile zu zerlegen. Der Einzug ins Viertelfinale ist nach dem souveränen 3:0 natürlich nur noch Formsache. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, wie die Münchner nach mühsamen Pflichtaufgaben wie zuletzt in Paderborn, die Lichter anknipsen, sobald die Hymne der Champions League erklingt. Stand jetzt geht der Titel in der Königsklasse in dieser Saison nur über den FC Bayern München. 

Mit Teamgeist und Risiko gegen Taktik-Geplänkel

Drei Siege, 6:1 Tore. Das Bundesliga-Trio geht als klarer Punktsieger aus den Hinspielen des Achtelfinals hervor. Und zwar nicht nur wegen der nackten Zahlen. Mit risikoreichem Offensiv-Fußball und viel Teamgeist erwischten die Deutschen ihre mutlosen und teils destruktiven Gegner auf dem falschen Fuß. Dass sich auch viele andere Top-Teams zunehmend in taktischen Fallstricken verheddern, spielt Flick, Favre und Nagelsmann in die Karten. Vorläufig haben sie die passende Antwort gefunden. Und im Sinne des Fußballs und der Fans kann man nur hoffen, dass der Henkelpott am 30. Mai nicht in den Händen von Sergio Ramos, Giorgio Chiellini oder Luis Fernández landet.

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