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Formel 1: Der Schweiger aus dem Wald

Er ist der große Unbekannte der Formel 1 und entspricht jedem Klischee, das von Finnen existiert: Weltmeister Kimi Räikkönen redet wenig, geht gern in die Sauna, und wenn er trinkt, dann bis zum Umfallen. Eine Spurensuche zum Start in die neue Saison.

Von Elmar Brümmer und Anja Haegele

Kurutie ist das finnische Wort für Schluchtweg, und eine Schlucht ist es auch, durch die die kleine Straße führt, felsig und dicht bewachsen, mitten durch die Wälder von Espoo. Ein paar Hundert Meter weiter brandet die Autobahn von Helsinki nach Turku vorbei. Hier kommt er her, der Champion mit der Tarnkappe: Kimi Räikkönen, 28 Jahre, Ferrari-Pilot, geschätzte 25 Millionen Euro Jahresgage. Es waren Straßenarbeiter, die in den 30er Jahren diese Siedlung gründeten, Straßenarbeiter wie Kimis Vater und Großvater. Dunkelrot ist das Elternhaus, aus Holz, man sieht, es wurde frisch renoviert, die Veranda ist neu und das Dach, längst gibt es ein Innenklo, aber das typisch finnische Plumpsklo gibt es draußen auch noch. Und daneben, da steht diese Garage aus Wellblech, groß wie ein Dreifamilienhaus, aus der einen Geruch nach Vollgas strömt. Der Tempel der Räikkönens.

Es ist eine knorrige Welt, aus der der Weltmeister stammt. Der letzte große Unbekannte in der grell ausgeleuchteten Formel 1, einem Sport, in dem man von allen Helden alles zu wissen glaubt - darin Räikkönen, der so freundlich aussieht und so maulfaul ist, ein grauer Star. Und ein Typ wie aus einem Film von Aki Kaurismäki, seinem Landsmann. Dort treiben sich in dunklen Nächten grauenvoll gekleidete Menschen herum, mit zerfurchten Gesichtern, schweigsam vor Schwermut.

"Ist mir doch wurscht"

Ist er womöglich nur rasend schüchtern? Sein früherer Chef Ron Dennis taufte ihn Der Triumph: einst "Iceman", viele halten ihn für cool, andere für kalt. Seine Auftritte abseits der Piste nach dem Sieg jedenfalls misslingen ihm konsequent. Wie in São Paulo, Anfang 2008; Ferrari hat traditionell zum Skicamp nach Madonna di Campiglio eingeladen, früher parlierte Signore Schumacher, nun hockt da der Kimi. Die Fototapete sensationell mit den Dolomitengipfeln in seinem Rücken lässt ihn schmächtig wirken. Am Abend zuvor hat er sich beim Fackellauf ohne Licht den steilen Hang hinuntergestürzt, im Ziel tankte er ordentlich voll, es ist etwas spät geworden. Jetzt kämpft er offenbar mit fremden Stimmen im Kopf, die Simultanübersetzung wird qbgebrochen. Gefühlte 16 von 17 Fragen beantwortet er mit "Ei Donn Kähr". Das ist nicht Englisch, nicht Finnisch, sondern Kimisch, für: Mir doch wurscht.

"Typisch Kimi", sagt Rami Räikkönen, 31, sein älterer Bruder, "aber das ist nicht verstockt, er ist einfach ein Finne. Wir sagen nur etwas, wenn wir etwas zu sagen haben." Finnen hassen Small Talk. Wer freundlich ist, gibt, dass er nichts zu sagen hat. Man hat sich Kimi Räikkönen mithin als einen sehr höflichen Menschen vorzustellen.

Sein Bruder führt den Besuch in die Garage, darin logiert der Fuhrpark der Familie. "Unsere Spielzeuge", sagt Rami und zeigt stolz: einen Truck zum Transport der Rallyeautos, Schneemobile, einen Hummer, drei "Legend-Cars", Miniaturnachbauten historischer Modelle, mit denen Kimis Vater Matti selbst Rennen fährt, dazu Werkzeug, Reifen, Ersatzteile.

Rami ist ein Mechaniker mit eigener Tuning-Werkstatt, mit 1,85 Metern zehn Zentimeter größer als Kimi. Er deutet in den Garten, der in den Wald übergeht: "Hier haben wir angefangen, Rennen zu fahren, mit winzigen Motocrossrädern", erzählt er. "Wir haben aus allem einen Kampf gemacht. Natürlich ging es darum, wer schneller fährt, aber auch, wer es länger in der Sauna aushält oder weiter pinkeln kann. Kimi ist so ehrgeizig, das kann man sich kaum vorstellen. Er hat, obwohl er kleiner und schwächer war, viel öfter gewonnen als ich. Und wenn er einmal nicht gewann, hat er trainiert, bis er besser war."

Familie Räikkonen lebt für den Rennsport

Finnen nennen diese Beharrlichkeit, die man im Volkscharakter verankert glaubt, "sisu" - und Kimi hat mehr sisu als die meisten. Er gibt immer alles, und er gibt niemals auf. Das erzählt sein Vater, der sich, als sein Sohn im vorigen Oktober Weltmeister wurde, die silbergrauen Haare abrasieren ließ. Schon zum dritten Mal lief er mit einer Glatze herum, er macht das bei jedem Karrieresprung von Kimi.

Inzwischen sind die Haare wieder gewachsen, der Schnitt erinnert nun an die Frisur eines Playmobilmännchens. Vom Papa haben die Jungs die Lücke zwischen den Schneidezähnen. Seinen Job hat er gekündigt, er verwaltet jetzt Kimis Häuser in Finnland. Matti Räikkönen ist ein Mann wie ein Bär, er raucht Kette und trägt Turnschuhe, grobe Cordhosen, ein kariertes Flanellhemd. Aber in Finnland laufen so auch Professoren rum. Paula, die Mutter, blonde Strähnchen im Haar, zeigt ihre diamantgefasste Rolex: "Ein Geschenk von Kimi!" Auch sie, die frühere Angestellte einer Pensionskasse, ist längst bei ihrem Sohn angestellt, "er kümmert sich rührend um uns, er sagt immer, er will uns zurückgeben, was wir für ihn getan haben".

Es ist eine Familie, die früh für den Rennsport lebte, ähnlich wie die Schumachers. An den Wochenenden reisten sie in ihrem alten Wohnmobil mit Anhänger durchs Land, hintendrin die Karts der Jungs. "Das hat uns zusammengeschweißt", sagt die Mutter. Das Hobby der Buben war außergewöhnlich teuer. Deshalb reparierte der Vater schwarz Autos, arbeitete nachts als Türsteher. Jeden Heller investierten Paula und Matti Räikkönen in ihre Söhne - einmal, als endlich das Geld für eine Innentoilette zusammengespart war, war einer der Karts kaputt. Keine Frage, was angeschafft wurde: "Was bedeutet ein Klo im Vergleich zu zwei glücklichen Jungs?", sagt Matti Räikkönen. "Jahre zuvor", erinnert sich die Mutter, "Kimi war ungefähr acht, hat er sich eines Abends an mich gekuschelt und gesagt, Mama, ich werde mal Weltmeister. Aber ich weiß noch nicht, in welcher Sportart."

Das hat er jetzt in der Formel 1 vollbracht, er triumphierte in einer Saison, in der die Ideallinie eine Schlangenlinie zu sein schien. 26 Punkte Rückstand hatte Räikkönen im Sommer, weil sein Ferrari zu oft zickte. Immer noch 7 vor dem letzten Rennen gegenüber Lewis Hamilton, 3 auf Fernando Alonso. Am Ende behielt er die Nerven, kam auf 110 Punkte, beide Rivalen auf 109. Die Fans sprechen schon vom WM-Finale des Jahrhunderts.

Der Null-Bock-Weltmeister

Wenn nun am 16. März in Melbourne die neue Saison beginnt, wird Räikkönen zeigen müssen, ob er auf der Piste das Format eines Weltmeisters weiter hält und den Erwartungen gerecht wird. Seine Frau Jenni, ein früheres Model, ist selten bei Rennen dabei - ein Affront. Der WM-Pokal, der ihm im Dezember überreicht wurde, verstaubte wochenlang in der Ferrari-Fabrik von Maranello. Und nach dem Endspurt von 2007 sagte er: "Ich habe alles erreicht, alles Weitere ist nur ein Bonus."

Kündigte er da etwa den Rücktritt an? Zwei Jahre läuft sein Vertrag noch, bei Ferrari war man geschockt. Geschäftsführer Jean Todt beeilte sich zu sagen: "Ich bin sicher - so weit man sich in diesem Punkt sicher sein kann -, dass Kimi bei Ferrari glücklich ist." Eine merkwürdige Beziehung, dieses Nord-Süd-Bündnis. Die Ferraristi verehren Räikkönen, sie versuchen mit aller Herzlichkeit, ihn zu knacken, aber dass er sich nicht knacken lässt, das imponiert ihnen. Seine Vertrauten sagen, es sei ihm tatsächlich völlig egal, was die Welt von ihm denke. Und so benimmt er sich auch. Wie ein Null-Bock-Weltmeister.

Dieses Image ist für die Formel-1-Bosse eine Katastrophe. Und Räikkönens beste Waffe. Ihm steht kein reizbarer Stolz im Weg wie dem Spanier Alonso, Renault, er hat nicht den inneren Zwang, es allen recht machen zu wollen wie der glatte Brite Hamilton, McLaren-Mercedes.

Sein Selbstbild entspricht der in Finnland üblichen Bescheidenheit. "Punainen tupa ja perunamaa" - ein rotes Häuschen und einen Kartoffelacker, das wünscht man sich dort zur Hochzeit, ein Sinnbild fürs kleine Glück. Etwas Besonderes sein zu wollen gilt als unschicklich. Räikkönen lebt in der Schweiz, in einem Haus mit Garten, nicht im glitzernden Monaco wie viele Konkurrenten, dort wäre es ihm zu eng. Er koche selbst, sagt seine Mutter.

Rennfahrer, sonst nichts

So simpel tickt er auch auf der Piste: Man muss ihm nur ein schnelles Auto hinstellen, dann fährt er auch schnell. Bei Ferrari ist dafür Michael Schumacher zuständig, der siebenfache Weltmeister. Der liebte einst stundenlange Fachsimpeleien mit den Ingenieuren, sein Nachfolger ist an jedem Arbeitstag einer der Ersten, der die Rennstrecke verlässt. Anfangs fragte Räikkönen mal erstaunt aus dem Cockpit: "Was ist denn das für ein Knopf?" Die Techniker antworteten: "Den wollte Michael." Wäre Räikkönen noch besser, wenn er sich mehr für Technik, für Strategie interessieren würde? Mercedes-Sportchef Norbert Haug erlebte ihn während fünf vergeblicher Titelanläufe. "Kimi ist wie eine Festplatte, die nicht mal zur Hälfte gefüllt ist", sagt er. "Viele Fahrer sind mit dem, was sie bringen müssen, völlig ausgelastet. Er nicht." Doch bis heute ist es so, dass die Ferrari-Ingenieure Altmeister Schumacher fragen, wenn sie wissen wollen, in welche Richtung sie das Auto weiterentwickeln sollen.

Räikkönen schert das wenig. Nachdem er vor Jahresfrist auf Anhieb siegte, reichte ihm der beseelte Jean Todt auf dem Siegespodium das Handy. Ein beseelter Michael Schumacher war dran, doch Räikkönen gab das Telefon schnell zurück: "Ich konnte ihn so schlecht verstehen." Ungerührt bis zur Teilnahmslosigkeit - das sollte man bloß nicht persönlich nehmen, sagt Rami Räikkönen. "Es ist nicht so, dass er nur in Interviews nicht viel redet. Mit ihm gibt es lange Momente des Schweigens." Ist Kimi im Ferienhaus des Bruders zu Gast, und es wurde ein lustiger Abend, findet Rami am nächsten Morgen schon mal ein leeres Bett vor. Kein Zettel, nichts. "Wenn es ihm langweilig wird, verschwindet er einfach. Kimi kann nicht gut still sitzen, er braucht immer einen Plan." Die ewige Flucht nach vorn. Was sollte so einer auch anderes werden als Rennfahrer?

Dass Kimi Räikkönen tatsächlich ein Herz für den Rennsport hat, zeigt sich nur zu Hause – in der Garage. An der Decke hängt, von Scheinwerfern beleuchtet, ein Silberpfeil, den er früher selbst fuhr. Den besten Blick auf den McLaren-Mercedes hat man aus dem Obergeschoss. Hier wartet eine Bar aus Glas und Chrom, samt Flipper, Billardtisch und altem Kicker.

Eine Couchgruppe umstellt den Glastisch, auf dem alle Formel-1-Strecken eingraviert sind. Darüber hängt ein Flachbildschirm, drei Meter breit, fast zwei Meter hoch. Man kann ihn drehen, in Richtung der Sauna, die nebenan liegt und ein großes Fenster hat. Der ganze Raum: die Erfüllung eines Jungen-Traums. Und getrunken wird aus Pfandbechern vom Nürburgring.

Räikkönens Freunde erzählen, Kimi esse am liebsten im Burgershop an der Tankstelle um die Ecke. Und beim Feiern folge er der Männerweisheit: „Arbeite hart und trinke hart.“ Viele Finnen finden, dass es sich nicht lohnt, wenn sie mal trinken, nur ein bisschen zu trinken. Alkohol ist teuer – warum sollte ihn bezahlen, wer keinen Rausch will?

Es ist also grundsätzlich keine Schande, wenn ihr Meister an einem Abend eine ganze Flasche Wodka trinkt. Und wenn er besoffen vom Oberdeck einer Yacht stürzt, gehört das eben dazu. „Mein Gott, es war Sommer, die Jungs feierten ein bisschen“, sagt sein Vater lächelnd. „Was glauben Sie, wo ich überall betrunken runterfiel, als ich jung war?“

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