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GESPERRT! Sebastian Vettel Mit 300 Sachen in die Herzen


Als jüngster Fahrer der Geschichte gewann Sebastian Vettel, 21, ein Formel-1-Rennen - und dies auf einem hoffnungslos unterlegenen Auto. Die Experten preisen schon lange sein Talent, die deutschen Fans jubeln. Wer ist dieser Bursche?
Von Rüdiger Barth und Elmar Brümmer

Das Asphaltband von Monza ist eine ehrwürdige Piste, "eine Strecke mit einer alten Seele", so hat er sie mal genannt, aber ehrfürchtig nähert sich Sebastian Vettel ihr nicht. Aus seinem Wohnort Walchwil am Zugersee in der Schweiz kommt er mit einem Quad angebraust, seine Eltern fahren die Klamotten hinterher. Noch sind es drei Tage bis zum größten Rennen seiner Karriere, "zum schönsten Tag in meinem Leben", wie er bald sagen wird, die Sonne scheint über Norditalien, und Vettel schlappt in Latschen, Shorts und T-Shirt herum, ohne Sonnenbrille.

Mit seiner Umhängetasche sieht er aus wie ein Fan, der sich ins Fahrerlager der Formel 1 verirrt hat. Ordner prüfen immer wieder seinen Ausweis, und dann grinst Vettel sein großformatiges Vettel-Grinsen. Man muss ihn nicht kennen; sein Team, Toro Rosso, ist das langsame Schwesterteam von Red Bull, das sogar noch langsamer ist. Vettel ist ein Nachzügler, ein Bubi, einer dieser Träumer von den hinteren Cockpits.

Drei Tage später, über Monza hängen dunkle Wolken, es regnet feine Tropfen, die seinen Overall tränken, gewinnt dieser Kerl sein erstes Rennen. Er ist 21, so jung war noch nie ein Sieger in der Formel 1. Es ist die alte Geschichte vom Außenseiter, der siegt; die Faszination, dass das Unwahrscheinliche wahr werden kann.

Die Geburtsstunde

Alle paar Jahre vielleicht ist so ein Moment einer Sportnation vergönnt, dass die Menschen vor dem Fernseher spüren, wie da etwas geboren wird. Dass da einer aufleuchtet, einer, der richtig gut ist und zugleich, was selten ist, richtig viel Herz hat. Das war 1985 im Tennis so, Boris Becker in Wimbledon, auch 1992 bei Michael Schumachers erstem Sieg. Plötzlich fühlt sich die Formel 1 nicht mehr so fremd an. Die Deutschen werden demnächst wieder Fingernägel knabbernd vor dem Fernseher sitzen. Sie werden wieder Angst um einen Fahrer haben. Vettel könnte den schumilosen Deutschen die Formel 1 zurückbringen, das Gefühl, dass dies nicht nur ein Wettbewerb hochnäsiger junger Streber ist, sondern ein Sport voller Leidenschaft.

Er kommt aus Heppenheim an der Bergstraße, zwischen Heidelberg und Darmstadt gelegen, hier wachsen gute Weine, und die Menschen babbeln in einem Hessisch, das ins Kurpfälzische ragt oder umgekehrt. Vettel ist der Sohn eines Zimmermanns und einer Hausfrau; er hat zwei ältere Schwestern und einen zwölf Jahre jüngeren Bruder. In den meisten Augenblicken sieht er aus, als machte er gerade erst seinen Mofa-Führerschein, aber sein 780 PS starkes Monster von einem Auto steuerte er über die Rutschbahn von Monza mit einer Präzision, wie eine Standuhr ihr Pendel schwingt.

Im Regen schnell sein, das können nur wenige. Man muss ein wundersames Gefühl fürs Auto und seine Grenzen haben, das Gefühl im Hintern, wie die Fahrer sagen. Vettel liebt es von jeher; einfach nur so im Kart auf dem Hof herumzukurven reichte ihm schon als Knirps nicht aus: Der Papa musste einst Pylone aufstellen und ein paar Eimer Wasser auskippen, damit die Angelegenheit auch rutschig genug wurde. Seinen Stil fürs Nasse beschreibt er so: "Tanzen und spielen mit dem Auto."

Humorvoller Taktiker

Und der Tanz kommt gerade zur rechten Zeit. Nach Schumachers Abgang 2006 dümpelt die Formel-1-Begeisterung in Deutschland vor sich hin. Vettels Fahrt sahen am Ende knapp sieben Millionen Deutsche, fast eine Million mehr als beim Start. Da ist endlich wieder einer, der die coole, aufgeblasene Welt mit Leben füllt. Wenn Vettel seine Rennstrategie erläutert, wenn er übers Setup des Wagens redet, eine Wissenschaft für sich, wirkt er zunächst älter, als er ist. Aber schnell bricht immer wieder dieses welpenhafte Lachen durch, bis das ganze Gesicht nur noch aus diesem Lachen zu bestehen scheint.

Der lockere Umgang bei Toro Rosso entspricht seiner Art, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Er mag englische Standup-Comedians, und seine Sätze sind mit Augenzwinkern garniert. Warum er keine Vegetarier mag? "Die essen das Futter für mein Steakfleisch weg." Und in einem Fragebogen antwortete er auf die Frage: Bart oder glatt rasiert? "Glauben Sie wirklich, ich habe die Wahl?"

Auf der Strecke gilt er als reifer Taktierer, stößt präzise und entschlossen vor, wenn er die Chance sieht. Natürlich: Er hatte Glück in Monza. Auf einem Toro Rosso gewinnt man sonst nicht. Es hatte geregnet, im Qualifying, das ihm Startplatz eins einbrachte, es hatte geregnet vor dem Rennen, sodass ihm das Flimmern des Augenblicks erspart blieb, das immer entsteht, wenn fast zwei Dutzend Höllenmaschinen auf den Trichter der ersten Kurve zurasen. Nach dem fliegenden Start zog er seine Runden da vorne mit Tempo 300, der Asphalt trocknete, es hieß, es werde wieder regnen, darauf setzten die namhaften Rivalen, aber es regnete nicht mehr, Vettels Strategie ging auf. Ohne Zittern bis ins Ziel.

Jugend im Wohnmobil

In seinem Überschwang hob er gar an, auf dem Podium die italienische Hymne, die zu Ehren des siegreichen Rennstalls erklang, zu dirigieren, was sich Ferrari- Champion Michael Schumacher erst spät in seiner Karriere getraut hatte. Vettel darf das. Nun werden oft die Parallelen zu Schumachers Karriere zitiert, die Kindheit im Gokart, derselbe Förderer Gerhard Noack, eine ähnlich motorsportverrückte Familie, denn eine Wahrheit des Rennsports ist: Nach ganz oben schafft man es nicht, wenn die Eltern sich nicht jahrelang die Wochenenden im Wohnmobil an der Rennstrecke herumschlagen, das Leben untermalt ist von einem ewigen Wrumm.

Sein erstes Kart-Rennen bestritt er mit acht, mit 14 galt er als begnadetes Talent und wurde Europas Champion, mit 17 siegte er in der Formel BMW in 18 von 20 Rennen, an der Wand des Kinderzimmers hing ein Schumi-Foto. Nur dass Schumacher, auch nach seinem ersten Sieg, mit 23, seinen Panzer nie ablegte, dass er stets vorsichtig wirkte und ein wenig verkrampft. 2006 war Vettel der jüngste Testfahrer der Formel-1-Geschichte und fuhr gleich Bestzeit. 2007 durfte er als Ersatzpilot im BMW ran und holte sofort einen Punkt. 2008, sein erstes Jahr als Stammfahrer, begann mit Unfällen, doch dann schaffte er zweimal den fünften Platz. Es regnet oft in dieser Saison, das ist die einzige Chance, wenn man in so einem Auto sitzt.

Solides Gefährt

Früher hieß Toro Rosso Minardi, und die von Minardi waren jahrzehntelang der Witz der Branche; die, die immer als Erste überrundet wurden, die, bei denen man sich fragte, warum sie überhaupt dabei sein dürfen, die 170 Mann aus Faenza in der Emilia-Romagna. Seit Sonntag weiß man, warum. Red Bull liefert mittlerweile das Chassis, Ferrari den Motor, ein solides Ding. Vettel hat sich zu Saisonbeginn nicht verunsichern lassen, als er wieder mal ausgeschieden war, wenn die Kollegen hinten Autoscooter spielten in ihrer wilden Verzweiflung, gleich nach dem Start ein paar Plätze gutzumachen. Erst zum sechsten Rennen kam das neue Modell des Toro Rosso. Und seitdem geht es ab.

Vettel mag es, wenn sich an Testtagen jene seltsame Stille über die Boxengasse legt, die nur zu hören ist, wenn gerade der letzte Motor ausgestellt wurde, eine Stille, die aus der Betäubung kommt. Dann beginnt die Feinarbeit, und Vettel arbeitet gern. Anders als etwa Weltmeister Kimi Räikkönen besitzt er die Geduld, nächtelang gemeinsam mit Mechanikern und Ingenieuren zu tüfteln.

Nun heißt es schon, Vettel sei ein kommender Champion. Sein Jahresgehalt wird auf 1,5 Millionen Euro geschätzt, er hat keinen Manager, telefoniert indes regelmäßig mit Michael Schumacher. BMW hat ihn entdeckt, gefördert, dann an Red Bull freigegeben, wo er 2009 ein Cockpit übernehmen soll. Doch noch immer wird gemunkelt, dass BMW eine Option besitze. BMW sehnt sich schon sehr lange nach einem deutschen Siegfahrer; Nick Heidfeld jedenfalls ist es nicht. Nun aber dürften die Gerüchte bald hochkochen. Hat nicht doch Ferrari Interesse? Oder McLaren-Mercedes, die schon einmal anfragten?

"Sebastian kann auch Titel gewinnen"

Vettel selbst macht sich nicht viele Gedanken über seinen Stellenwert. Nicht mal darüber, dass er perfekt in das Konzept des österreichischen Brauseherstellers Dietrich Mateschitz passt, dessen Traum vom eigenen Renn-Konzern auch die Idee enthält, sich bei Red Bull einen Weltmeister großzuziehen. Dafür lässt Mateschitz weltweit Talente erspähen, auch Vettel genießt seit zehn Jahren Fördergelder. "Ohne die wäre ich nicht hier", sagt er. Sein Chef Gerhard Berger, Toro-Rosso-Mitbesitzer und selbst früher erfolgreicher Fahrer, prophezeit: "Sebastian kann auch Titel gewinnen." Vettels Fähigkeiten? "Er ist charismatisch, gescheit, ein unglaubliches Talent und ein ganzheitlicher Fahrer. Nicht nur schnell, sondern auch interessiert."

Wenn Vettel so gelobt wird, reagiert er fast verlegen - oder überspielt es mit einem Witz. In seiner kompromisslosen Zielstrebigkeit ähnelt er dem Briten Lewis Hamilton, 23, der sich aber unnahbarer gibt. Vettel ist locker, dabei nicht oberflächlich. Allein das macht ihn besonders. Die anderen deutschen Rennfahrer: Heidfeld zu grüblerisch, Glock zu still, Sutil zu überheblich, Rosberg zu glatt. Vettel ist im Wesen großzügiger. Und schneller offenbar auch.

Schumis Anerkennung

Michael Schumacher lobt ihn nicht sehr oft und nicht sehr laut. Aber der siebenfache Weltmeister spricht über Vettel voller Anerkennung, beinahe Zuneigung. Selbst der sonst mit Vorliebe grantelnde Großchampion Niki Lauda lobte den Frischling nach dessen Vorstellung: "Sebastian denkt mit dem Auto mit."

Noch einmal so lange wie das Rennen dauerte es in Monza, bis Vettel den letzten Gesprächswunsch erfüllt hatte. Kein anderer Fahrer redet so gern und so ausdauernd wie er. Meistens sprach er in der Wir-Form, lobte sein kleines Team, bedankte sich bei allen. Er erinnerte daran, dass er schon viele gute Rennen gefahren sei, aber meist wurde da eben um Platz 15 gekämpft: "Ich war trotzdem stolz darauf."

Seinen Triumph inszenierte er nicht mit zuvor zurechtgelegten Posen, wie man es von jungen Fußballstars kennt. Früher, als Kind, hat er nach einem Sieg mit dem Gokart mal den Pokal mit in die Schule genommen - als die anderen ihn "Angeber" riefen, hat er es wieder sein lassen. "Ich bin ein bodenständiger Mensch", sprach er in Italien in jedes Mikrofon. Bodenständig zu bleiben in dieser Welt, das wäre das zweite Wunder.

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