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Nico Rosberg Wie aus einem braven Mama-Söhnchen ein Champion wurde

Nico Rosberg, Formel 1 Weltmeister, bejubelt mit seiner Frau Vivian Sibold seinen Titel
Hat sich einen Lebenstraum erfüllt: Nico Rosberg bejubelt mit seiner Frau Vivian Sibold seinen Weltmeistertitel in der Formel 1
© Andrej Isakovic/AFP
Nico Rosberg ist Formel-1-Weltmeister. Dafür hat der Deutsche 206 Rennen gebraucht - so viele wie keiner vor ihm. Doch er ist ein würdiger Champion, weil er in einer langen Saison das Genie Hamilton niedergerungen hat.

Es war eine Erlösung. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nico Rosberg hat sich in Abu Dhabi zum Formel-1-Weltmeister gekrönt. Er benötigte zehn Jahre und 206 Grand Prix, um sein Lebensziel zu erreichen. So lange hat vor ihm noch nie ein Pilot gebraucht, um die Krone in der Königsklasse des Rennsports zu erringen. Rosberg schrie nach der Zieldurchfahrt über Bordfunk ein sich überschlagendes "Yeeesss! World-Chaaaaaampion", das sich ziemlich heiser und verkrampft anhörte. Er sprach mit seiner Frau Vivian ("Wir haben es geschafft"), dann ließ er sein Dienstauto mit viel Qualm kreiseln. Irgendwann später, als er im Warteraum vor der Siegerehrung endlich den Helm vom Kopf nahm, waren seine Augen ganz wässrig. Und das blieben sie auf seiner Gratulationstour: Das Team, die Ehefrau, die Mutter, seine Freunde - Rosberg umarmte alle. Der 31-Jährige hatte den ganz großen Triumph gelandet. Und vor allem: Er hatte das Formel-1-Genie Lewis Hamilton besiegt, seinen Teamkollegen bei Mercedes. Und sein härtester Rivale.

Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn Rosberg auf den letzten Runden einer langen Saison den Titel an Hamilton verloren hätte. Rosbergs Image als zwar talentierter, aber zu höflicher Fahrer, dem das Zeug zum Champions fehlt, wäre wohl für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt gewesen. Das ist es jetzt nicht. Rosberg ist wie sein Vater Keke vor 34 Jahren Champion - und das wurde er, weil er sich zu einem Piloten ohne Nerven entwickelt hat. Druck hält der Mann definitiv aus.

Nico Rosberg: Es fühlt sich unwirklich an

Das bewies Rosberg auf den letzten Kilometern auf dem Yas-Marina-Circuit auf beeindruckende Weise. Erst startete er ein (vollkommen überflüssiges) Überholmanöver gegen das neue Supertalent Max Verstappen, das sich über mehrere Kurven hinzog und das sowohl dem Team am Kommandostand, als auch den Rosberg-Fans den Atem stocken ließ. Der gebürtige Wiesbadener wollte wohl seinen Kritikern zeigen, dass er unter extremem Druck ein Racer ist. Denn es wurde ihm ja immer vorgeworfen, dass er zu vorsichtig fahre und zu wenig Risiko gehe. Im Gegensatz zu seinem Teamkollegen Hamilton oder im Gegensatz zu Verstappen, der schon in seiner ersten Saison für seine waghalsigen Manöver gefürchtet ist.

Dann ließ er sich von Hamiltons Bummel-Taktik an der Spitze nicht aus der Ruhe bringen. Der Brite nahm das Tempo raus, damit Sebastian Vettel und Verstappen Rosberg von hinten unter Druck setzen. Rosberg hätte mit einem vierten Platz den Titel an Hamilton verloren. Ein völlig aufgelöster Rosberg gestand später in der Pressekonferenz: "Es fühlte sich unwirklich an. Und es war so intensiv." Auch in diesem Moment vor den Journalisten hatte er Tränen in die Augen.

Diese letzten Runden auf der arabischen Halbinsel waren ein Spiegelbild der Saison. Es gibt mehrere Faktoren, warum Rosberg diesmal über den dreifachen Weltmeister Hamilton triumphierte. Er blieb in Abu Dhabi nicht nur wie über die gesamte Weltmeisterschaft cool und fehlerlos. Konstanz und Hartnäckigkeit gehörten schon immer zu Rosbergs Stärken. Sondern er zeichnete sich in diesem Jahr durch mehr Wettkampfhärte aus. In Barcelona und Spielberg fuhren sich die beiden Erzrivalen gegenseitig ins Auto, was vor allem daran lag, dass Rosberg nicht mehr zurückzog, wenn es darauf ankam. Rosberg nahm zum ersten Mal den Kampf an. Er riskierte den Crash und die Strafen durch die Rennleitung.

Hamilton ist kein guter Verlierer

Der neue Rosberg ist das Ergebnis einer eingehenden Analyse mit seinem Team. Was muss ich besser machen? Wie kann ich daran arbeiten? Fahrerisch und mental hat sich er sich in seinem sechsten Jahr bei Mercedes noch mal verbessert. Niederlagen steckte er besser weg. Er war eine zeitlang der bessere Starter, Hamilton konnte so seine Überlegenheit im Qualifying in einer entscheidenden Phase der Saison nicht nutzen. Und: Rosberg hatte mehr Glück. In den vergangenen beiden Jahren hatte er mehr mit technischen Problem zu kämpfen, diesmal war es Hamilton, dem der Motor in Malaysia explodierte, wodurch der Brite 25 Punkte verlor.

Ob Hamiltons Niederlage im WM-Kampf auch daran lag, dass Mercedes vor der Saison die Mechanikerteams der beiden Piloten austauschte, wird wohl nie zu klären sein. Laut Mercedes-Teamchef Toto Wolff war der Tausch lange zuvor abgesprochen, um beiden Piloten absolut gleiche Bedingungen zu gewährleisten. Hamilton benutzt den Tausch, um Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, die seine Niederlage erklären sollen. Man könnte Hamilton für einen schlechten Verlierer halten. Dass der Brite sich für den besseren Fahrer hält, ist kein Geheimnis.

Was Hamilton übersieht: Mercedes hat von Beginn an alles dafür getan, dass beide Piloten tatsächlich gleich behandelt wurden. Es gab keine Teamorder, keine Absprachen, keine Nummer eins und zwei. Der Rennstall mit Hauptsitz im englischen Brackley formulierte nur klare Regeln. Zum Beispiel: Der Pilot, der im Rennen in Führung liegt, darf zuerst zum Boxenstopp und die Taktik bestimmen. Mercedes hat sich unabhängig vom WM-Stand immer an diese Regel gehalten. Das Credo der Gleichbehandlung hat maßgeblich dafür gesorgt, dass die Formel 1 trotz der Dominanz der Silberpfeile nie langweilig war.

Das Duell hat epische Ausmaße

Das Duell Rosberg gegen Hamilton bekommt durch den Erfolg des Deutschen epische Ausmaße. Die Redewendung vom "Krieg der Sterne" hat schon länger einen festen Platz im Formel-1-Vokabular. Besonderen Reiz hat das Duell auch, weil beide fast gleich alt sind. Seit sie 14 bzw. 15 sind kennen sich die beiden. Sie waren Freunde. Rosberg hat das am Beginn ihres Engagements bei Mercedes oft betont. Das tut er jetzt nicht mehr. Von Freundschaft redet keiner der beiden mehr, die vollkommen unterschiedliche Charaktere sind. Hier der höfliche und kopfgesteuerte Jungvater Rosberg, der seiner Mutter öffentlich zum Geburtstag gratuliert, dort der tätowierte Bauchmensch Hamilton, der sich zum globalen Jetset zählt.

Es wäre für diesen Sport nicht auszudenken, wenn es wie einst bei Vettel und Mark Webber zugegangen wäre. Vettel schlug seinen Teamrivalen im WM-Kampf bekanntermaßen vier Mal in Folge. Im Gegensatz zu Webber, der nie an Vettel heranreichte und dem jedes Mal in den entscheidenden Momenten die Nerven versagten, ist Rosberg an Hamilton gewachsen und nicht zerbrochen. Das war die Erlösung.


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