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Sebastian Vettel: Das deutsche Männleinwunder

714 Tage nach Michael Schumacher in Shanghai hat Deutschland wieder einen Formel-1-Sieger. Sebastian Vettel triumphierte ausgerechnet auf dem High-Speed-Kurs von Monza - als jüngster Pilot überhaupt und mit einem Auto, das eigentlich nicht konkurrenzfähig ist. Die Experten sind sich einig: Vettel hat das Talent zum Weltmeister.

Von Elmar Brümmer, Monza

"Grande, Grand, Grandissimo!" Es gibt keine emotionalere Sprache als Italienisch, um Hochgefühle über den knisternden Boxenfunk herauszubrüllen. Und keinen besseren Ort als das Autodromo Nationale in Monza. Zumindest der Motor von Ferrari hatte es dort am Samstag auf die Pole-Position beim Großen Preis von Italien geschafft, aber das Auto gehört der kleinen Scuderia ToroRosso - und der Triumph dem Heppenheimer Sebastian Vettel.

Und am Sonntag beim Großen Preis von Italien setzte er noch mal einen drauf: Mit einer cleveren Strategie sicherte er sich in seinem 22. Formel-1-Rennen seinen ersten Grand-Prix-Sieg - und die nächste Bestmarke. Er ist nicht nur der erste Deutsche seit Michael Schumacher, der den besten Startplatz und einen Sieg erobern konnte, sondern im Alter von 21 Jahren und 73 Tagen auch der jüngste Pilot der Formel-1-Geschichte, der diesen Erfolg geschafft hat. Bislang war diese Bestmarke von Fernando Alonso (22 Jahre und 26 Tage) gehalten worden. Erbarmen, zu spät - der Hesse kommt.

Schlüssel zum Erfolg ist Vertrauen

Der Schlüssel zum Erfolg ist für Sebastian Vettel immer das Vertrauen. Vertrauen ins Auto, Vertrauen in sich. "Wer kein Vertrauen hat, der wagt nichts", sagt der Grand-Prix-Junior. Eine Karriere im Zeitraffer: 2006 das Debüt als Testfahrer von BMW, 2007 ein Gaststart als Kubica-Ersatz und gleich den ersten WM-Punkt, im Sommer dann der Einstieg bei Toro Rosso, und im Herbst der vierte Platz in Shanghai. In diesem Jahr vor der Sensation von Monza zwei fünfte Plätze - jeweils in Regenrennen. Die Fachbibel "autosport" schreibt über seine Vita als Berufsbezeichnung "Formel-1-Wunderkind".

"Ich habe noch nie einen Fahrer erlebt, der in diesem Alter schon so weit war", sagt Toro-Rosso-Mitbesitzer Gerhard Berger. Und die Formel 1 hat schon lange keinen Piloten erlebt, der dabei so gelassen und witzig ist. In Monza war aber selbst Vettel, der in der Jüngsten-Wertung Fernando Alonso abgelöst hat, verblüfft. Bernie Ecclestone hat ihm längst bescheinigt: "Sebastian hat das Zeug zum Weltmeister."

Langsam wird der Erfolg von ihm und Toro Rosso zum Problem innerhalb des Red-Bull-Konzern: Denn im kommenden Jahr wird das Talent als Ersatz für David Coulthard planmäßig zu Red Bull befördert, doch ob die großen Bullen tatsächlich das bessere Team sind als die von Gerhard Berger geführte Nachwuchstruppe? Trotz schmalem Etat und dem drohenden Verkauf läuft die Toro Rosso-Truppe, das ehemalige Minardi Team, dem Krösus Red Bull Racing den Rang ab - wohl auch wegen des Ferrari-Motors. Vettel war ein Faustpfand für Toro Rosso, aber es gab sogar Spekulationen, dass er bei den vier ausstehenden Überseerennen schon das Team wechseln soll. Ob jetzt oder später: Es könnte ein Kulturschock für Vettel werden.

Vettel braucht lockere Atmosphäre

"Ich habe schon erwartet, dass sich Sebastian gut schlägt", sagt sein Förderer Mario Theissen, "aber man konnte nicht erwarten, dass das Team so stark wird." Der BMW-Motorsportdirektor musste das Talent ziehen lassen, wie zuvor die deutschen Testfahrer Nico Rosberg und Timo Glock: "Wir können leider nur zwei Stammfahrer haben... " Ob in Vettels Kontrakt eine Rückkehrklausel enthalten ist, gehört zu den größten Geheimnissen der Formel 1. Im letzten Winter wollte McLaren-Mercedes ihn unbedingt haben. "Vielleicht kommt er zu uns zurück, wenn er 31 ist", unkte Theissen. Harte Arbeit, sonst nichts, steckt laut Vettel hinter dem Aufschwung von Toro Rosso.

Sebastian Vettel braucht eine lockere Atmosphäre, er muss sein sonniges Gemüt ausleben können. Gefragt, mit welchen fünf Persönlichkeiten er gern zu Abendessen würde, nannte er neben Roger Federer, Ayrton Senna, Hugh Grant, Neil Armstrong und Pablo Picasso auch Jenna Jameson: "Am liebsten hätte ich ja nur Pornostars genannt, aber ihr Name ist der einzige, an den ich mich erinnern kann." Nach Monza reiste er auf einem Quad-Motorrad an, die Eltern fuhren die Koffer im Auto hinterher. Vater Norbert hatte die Karriere auf der Rennstrecke früh gefördert, und ein Kart gekauft - eigentlich für die ältere Schwester: "Mir war wichtig, dass die Kinder weg von der Straße sind..."

Als Regenspezialist sieht er sich nicht. Auf dem Weg zum letzten Rennen in Belgien machte er auf der Kartbahn in Kerpen Station und fuhr im Nassen ein paar Runden mit profillosen Slicks. Alle erklärten ihn für verrückt - aber er bestand auf das Extremtraining. Der Erfolg gibt ihm Recht, und jetzt hat er sie wieder, die ungeliebten Vergleiche und Spitznamen: Baby-Schumi, Bubi-Schumi, Bonsai-Schumi. Als ob der Rekord-Weltmeister aus ihm sprechen würde, gab er zur historischen Pole-Position zu Protokoll: "Ich mache mir nichts aus Statistik, irgendwann kommt ein noch Jüngerer. Mir ist es wichtiger, dass ich von ganz vorne starten kann." Mit Michael Schumacher telefoniert er regelmäßig - von Wahl-Schweizer zu Wahl-Schweizer. "Ja, ich denke, da gibt es noch ein paar weitere Träume über die Pole-Position hinaus", sagt Sebastian Vettel. Schon ziemlich trocken hinter den Ohren, der Junge. Ein deutsches Männlein-Wunder.

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