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1. Bundesliga Videobeweis in der Bundesliga? Eine Fallanalyse


Felix Magath fordert ihn, Theo Zwanziger will ihn zumindest nicht ausschließen - den Videobeweis im Fußball. Aber welchen Sinn hätte eine solche Technik? Wir haben vier Situationen des Bundesligawochenendes auf ihre Video-Eignung hin untersucht. Ergebnis: Macht nicht immer Sinn. Aber manchmal schon.

Für Felix Magath war die Sache wieder mal klar. Nach dem nicht gegebenen Tor von Patrick Helmes gegen den FC Bayern forderte der Wolfsburger Trainer einmal mehr den Videobeweis. Wir haben diese Option anhand von vier umstrittenen Szenen des 2. Spieltags mal auf die Probe gestellt.

Generell muss gesagt werden, dass - anders als bei der Frage, ob der Ball die Torlinie überquert hat - die unkomplizierteste und naheliegendste Technologie, der Chip im Ball, in keinem der Streitfälle des Wochenendes etwas bewirkt hätte. Wir reden hier also vom traditionellen Videobeweis. Aber was hätte er im Einzelnen gebracht?

1.) VfL Wolfsburg - Bayern München, Abseitstor von Patrick Helmes

Sachverhalt
39. Minute, Spielstand 0:0 - Marcel Schäfer flankt in den Strafraum des FC Bayern, Marco Russ verlängert auf Patrick Helmes, der nickt am langen Pfosten ein. Schiedsrichter Knut Kircher entscheidet auf Abseits.

Richtig/falsch?
Eine klare Fehlentscheidung des Gespanns. Bei der Ballabgabe von Russ befand Helmes sich noch einen ganzen Schritt hinter dem letzten Bayern-Feldspieler.

Spielentscheidungsfaktor
Potenziell hoch. Bayern gewann durch ein Tor in der Nachspielzeit mit 1:0. Bis zur umstrittenen Szene war Wolfsburg zudem die bessere Mannschaft, die Fehlentscheidung schien den Wölfen einen Knacks zu geben.

Was hätte ein Videobeweis gebracht?
Zuletzt geriet Felix Magath nach einem nicht gegebenen Tor von Marcelo Bordon für Schalke in Freiburg in Rage. Damals kostete die Fehlentscheidung des Schiedsrichters Schalke zwei Punkte. Diesmal hätte es schon eines unabhängigen Videogremiums bedurft, um die Szene zu entscheiden. Der Vorteil: Das Spiel war - wegen der falschen Abseitsentscheidung - ohnehin angehalten. Hier hätte entweder eine Challenge-Regel greifen können (jeder Trainer darf zum Beispiel zwei Mal pro Halbzeit eine Entscheidung überprüfen lassen), oder ein zusätzliches Videoschiedsgericht könnte in Fällen von objektiven Fehlentscheidungen eingreifen, wenn spielentscheidende Folgen vorliegen. Im Wolfsburger Fall lag auch keine 50/50-Entscheidung vor. Die Situation war in der Zeitlupe eindeutig sichtbar, ohne Toleranzspielraum.

Fazit
Magaths Forderung würde große Umwälzungen des Fußballs erfordern. Anders als beim Chip im Ball müsste der ganze Ablauf eines Spiels verändert werden, eine höhere Autorität als der Schiedsrichter würde eingeführt. Das heißt aber nicht, dass das Spiel permanent unterbrochen werden müsste. Es lag eine Spielunterbrechung vor, und es ging um eine entscheidende Szene. Wenn technisch möglich, dann hätte hier der TV-Beweis Sinn gemacht - das Tor hätte einfach nachträglich anerkannt werden können, zwei Minuten später Wiederanstoß beim Stand von 1:0.

2.) SC Freiburg - Mainz 05, Abseitsstellung von Andreas Ivanschitz

Sachverhalt
Erste Halbzeit, Spielstand 0:0 - Weiter Abschlag von Keeper Heinz Müller, Andreas Ivanschitz ist frei durch und wird auf dem Weg Richtung Freiburger Tor von Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer wegen Abseits zurückgepfiffen. Der Österreicher nimmt den Ball frustriert in die Hand.

Richtig/falsch?
Auch das eine klare Fehlentscheidung. Ivanschitz hatte bei der Ballabgabe seines Torhüters noch nicht einmal die Mittellinie passiert. Zudem standen noch zwei Freiburger Abwehrspieler näher zum eigenen Tor.

Spielentscheidungsfaktor
Beim Stand von 0:0 sind solche Szenen natürlich immer relevant. Andererseits war Ivanschitz zwar frei durch vor Oliver Baumann, aber ein sicheres Tor war es damit noch lange nicht. Schließlich gewann Mainz am Ende ja ohnehin in Freiburg.

Was hätte ein Videobeweis gebracht?
Auf den Punkt gebracht: gar nichts. Das Spiel war angehalten, die Konstellation ließe sich auch nach Prüfung der TV-Bilder ohnehin nicht rekonstruieren. Zwar war die Fehlentscheidung zweifelsfrei nachzuweisen, aber da kein Tor erzielt wurde, hilft das ja auch nichts.

Fazit
Genau das war eine Szene, die den Gegnern des Videobeweises Recht gibt. Für falsche Abseitsentscheidungen, nach denen das Spiel unterbrochen ist, aber kein Tor erzielt wurde, bietet keine Technologie der Welt eine Lösung. Es sei denn, der Schiedsrichter würde immer prophylaktisch weiterlaufen lassen und abseits vom TV-Gericht nachträglich klären lassen. Aber das kann nun wirklich niemand wollen.

3.) Borussia Mönchengladbach - VfB Stuttgart, Foulelfmeter für Marco Reus

Sachverhalt
65. Minute, Spielstand 0:0 - Reus kommt im Laufduell mit William Kvist im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Manuel Gräfe entscheidet auf Foulelfmeter für die Borussia und zeigt Gelb gegen Kvist.

Richtig/falsch?
Eine sehr harte Entscheidung des Unparteiischen, denn im Laufduell hatte Kvist den Arm eigentlich angelegt, Reus ging zumindest sehr leicht zu Boden und nahm den Körperkontakt dankbar an. Andererseits lehnte der Stuttgarter sein Gewicht etwas in den Gegenspieler, so dass man nicht von einer glasklaren Fehlentscheidung sprechen kann.

Spielentscheidungsfaktor
Hoch. Stuttgart war in der zweiten Halbzeit die bessere Mannschaft und hatte das Spiel eigentlich im Griff. Durch den Strafstoß kam die Borussia dann zum unverhofften Führungstreffer. Zwar konnte der VfB kurz darauf ausgleichen, aber ohne den Elfmeter wäre sicher mehr als ein Punkt drin gewesen.

Was hätte ein Videobeweis gebracht?
Wenig. Natürlich ließen sich verhängte Elfmeter theoretisch vor der Ausführung kurz per Video verifzieren. Aber der Zweikampf im vorliegenden Fall war nicht so eklatant falsch beurteilt, dass es sinnvoll gewesen wäre, den Schiedsrichter nachträglich zu überstimmen. Es handelte sich um eine Auslegungssache.

Fazit
Foulelfmeter bieten sich nur in den seltensten Fällen für eine nachträgliche Korrektur an. Klar gibt es krasse Fehlentscheidungen wie Andreas Möllers Schwalbe gegen Karlsruhe. In den meisten Fällen aber gibt es einen gewissen Interpretationsspielraum. Nun könnte man, wenn man denn unbedingt wollte, verfügen, dass glasklare Fehlentscheidungen durch ein unabhängiges Gremium korrigiert werden können, bevor der Strafstoß ausgeführt wird. Neben der Problematik, die Fälle fest zu legen, in denen das gegeben ist, tritt aber auch die Schwierigkeit auf, dass zu Unrecht nicht gegebene Elfmeter so gar nicht erfasst werden könnten. Bei der nächsten Spielunterbrechung prüfen geht nicht, denn was ist, wenn die andere Mannschaft inzwischen ein Tor erzielt hat? Bliebe nur die eigenmächtige Unterbrechung durch das TV-Gericht. Und die ist wohl in der Durchführung zu heikel.

4.) Schalke 04 - FC Köln, Handelfmeter gegen Kevin McKenna

Sachverhalt
41. Minute, Spielstand 0:1 - Nach einer Schalker Ecke köpft Kyriakos Papadopoulos den zwei Meter vor ihm im Kölner Strafraum stehenden Kevin McKenna an, der den Ball an den Arm bekommt. Schiedsrichter Guido Winkmann entscheidet auf Handelfmeter und Gelb gegen McKenna.

Richtig/falsch?
Eine Szene, um die es Diskussionen gab - aber keine Fehlentscheidung. Gelb vielleicht etwas hart, denn Absicht war nicht klar zu erkennen. Aber angelegt hatte McKenna seinen Arm nicht wirklich, und die Distanz war zumindest nicht so dicht, dass er keine Chance gehabt hätte, aus dem Weg zu gehen oder mt der Brust zu stoppen.

Spielentscheidungsfaktor
Bei einem 1:5 wirkt es absurd, die Schuld im Nachhinein beim Schiedsrichter zu suchen. Dennoch gab Winkmann dem Spiel mit seinem Elfmeter eine andere Richtung. Drei Minuten vor der Pause führte Köln, drei Minuten nach der Pause stand es 3:1 für Schalke.

Was hätte ein Videobeweis gebracht?
Im Grunde haben wir es mit der gleichen Situation zu tun wie in Mönchengladbach. Elfmeterpfiffe sind in den seltensten Fällen hundertprozentig klar - und wenn doch, dann sind das meistens nicht die Szenen, in denen der Schiedsrichter falsch entscheidet. Die genaue Definition eines Handspiels ist so kompliziert, dass es an vielen Stellen Auslegungsspielraum gibt: Lag eine "unnatürliche Handbewegung" vor? Wurde die Körperfläche vergrößert? Konnte der Spieler überhaupt ausweichen? Nicht gerade ideal für einen Videobeweis.

Fazit
Zu der generellen Schwierigkeit, strittige Elfmeterentscheidungen am Bildschirm zweifelsfrei zu bewerten (in unserer Redaktion gab es bei beiden hier diskutierten Szenen unterschiedliche Meinungen), kommt bei Handelfmetern wie in Gelsenkirchen noch das umgekehrte Problem: Was tun, wenn ein klares Handspiel nicht erkannt wird? Spiel anhalten? Das würde den Fußball wirklich massiv verändern. Nachträglich ahnden? Geht nicht, siehe Gladbach. Was, wenn in der gleichen Spielsequenz andere relevante Dinge passieren?

Videobeweis - ja oder nein?

Meistens argumentieren Gegner technischer Hilfsmittel so: Entweder seien Diskussionen über Entscheidungen "gerade das Schöne am Fußball", oder es sei unpraktikabel, das Spiel "immer anzuhalten". Das erste Argument ist für Spieler oder Fans, die von einer klaren Fehlentscheidung betroffen sind, nur schwer zu akzeptieren. Das zweite Argument stimmt natürlich für manche Fälle - wie drei der oben dargestellten Situationen.

Warum aber technische Hilfsmittel generell abgelehnt werden, nur weil sie nicht immer und überall helfen, ist uns nicht ganz klar. Im Fall der Torlinientechnologie etwa kann die Antwort doch nur sein: Wenn mit dem Chip im Ball Tore immer zu hundert Prozent klar erkannt werden können, wer wollte dann ernsthaft die Einführung der entsprechenden Maßnahmen ablehnen?

Komplizierter wird es, wenn es nicht um das Überschreiten der Torlinie, sondern um Abseitsstellungen geht. Diese können oft schon deshalb nicht klar beurteilt werden, weil niemand mehr durchschaut, wann eine passive Abseitsstellung vorliegt, was eine "neue Spielsituation" ist etc. Es gibt aber auch Fälle, in denen völlig klar und objektiv zu sehen ist, dass ein Tor zählen müsste (wie bei Helmes' Tor gegen Bayern) oder deutlich sichtbar ist, dass ein Tor nicht zählen dürfte (Beispiele: Carlos Tevez' Tor gegen Mexiko bei der WM 2010 oder Miroslav Kloses Treffer gegen Fiorentina in der Champions League 2010).

Das heißt eben nicht, dass man alle Abseitsfragen auf einmal gelöst hat. Ein kluger Einsatz des Videobeweises könnte aber:
1.) verhindern, dass aus klarer Abseitsposition erzielte Tore gewertet werden
und 2.) verhindern, dass eindeutig reguläre Tore wegen vermeintlicher Abseitsstellung aberkannt werden.

Was er nicht leisten kann, ist:
1.) strittige Elfmeterentscheidungen umwerten, nachdem der Pfiff entweder ausgeblieben ist oder zu Unrecht gegeben wurde.
2.) Falsche Abseitspfiffe rückgängig machen, die einen Angriff vor dem Torabschluss unterbunden haben.

Angenommen, man möchte die positiven Aspekte von TV-Entscheidungen trotzdem mitnehmen. Wie könnte man sie organisieren? Wenn wir uns einig sind, dass keine externe Instanz ein laufendes Spiel unterbrechen darf, sondern nur der Schiedsrichter, dann bleiben nur zwei Optionen:

1.) Eine Art Video-Oberschiedsrichter betrachtet das Spiel, und kann sich einschalten, wenn zweifelsfrei eine Fehlentscheidung vorlag, die zu einem Tor oder einem Elfmeter geführt hat, oder wenn ein reguläres Tor nicht anerkannt wurde.
2.) Die Trainer beider Mannschaften haben eine fest gelegte Anzahl von "Challenges", wie im Tennis, und können so wenige strittige Entscheidungen pro Spiel überprüfen lassen.

Da es aus unserer Sicht das Hauptziel des Videobeweises sein sollte, dass Pfiffe, die Millionen TV-Zuschauer als falsch erkennen können, nicht wichtige Spiele entscheiden sollten, würden wir eine neutrale Instanz bevorzugen, da Trainer den Einsatz ihrer Anfechtungen sicher taktisch nutzen würden, was die Glaubwürdigkeit des ganzen Mechanismus in Frage stellte.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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