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100 Jahre Königsblau: Eine kurze Geschichte von Schalke

Vom "wilden" Arbeiterverein der Jahrhundertwende zum professionellen Fußballunternehmen der Gegenwart: Wie kein zweiter deutscher Klub lebt Schalke 04 noch heute von seinen Geschichten und Legenden. Ein Streifzug in vier Kapiteln.

Von Christoph Marx

I. Die Wurzeln des Mythos: 1904- 1933

Wie jede Religion, hat auch Schalke seine Legende. In deren Anfang stand nicht das Wort, sondern eine Wiese. Uneben soll sie gewesen sein, am zerfallenen Herrschaftssitz "Haus Goor" gelegen, in Gelsenkirchen, dort, wo die Luft nach Kohle roch und das Leben harte Maloche war. Hier trafen sich im Frühling 1904 ein paar jugendlichen Arbeiter zum Fußballspielen und gründeten in einem Lokal einen Verein: Westfalia Schalke.

Einen Verein, der keine Zukunft zu haben schien. Geld war keins da – nicht für einen eigenen Platz, anfangs nicht einmal für einen eigenen Ball. Dazu verweigerte der bürgerlich orientierte Verband die Anerkennung - Westfalia galt als "wilder" Verein, als saufende Arbeiterclique, als proletarisches Produkt der Straße. Nur dem ungebrochenen Willen und den Anstrengungen der Mitglieder war es zu verdanken, dass man sich 1912 dem örtlichen Turnverein anschließen durfte. Als der Erste Weltkrieg die männliche Jugend an die Front zwang, wurde im Gelsenkirchener Vorort der Fußball zur Nebensache.

"Schalker Kreisel"

Er wäre Nebensache vielleicht geblieben, hätte der Schalke 04, wie der Verein offiziell ab 1924 heiß, 1920 nicht einen Spieler gewonnen, der wie keiner zum Inbegriff des Schalke-Mythos wurde: Ernst Kuzorra. Der echte Schalker Junge, dem die Eltern das unsittliche Fußballspielen verbieten wollte, wurde mit seinen perfekten Dribblings und seinen gefährlichen Torschüssen für zwei Jahrzehnte der Mannschaftskapitän der Schalker.

Zusammen mit seinem kongenialen Spielpartner Fritz Szepan, der nebenbei auch sein Schwager war, sorgte er für den sportlichen Aufstieg: Kreismeister, Ruhrgausieger, Westdeutscher Kreisligameister - die Kuzorra-Elf revolutionierte mit dem berühmten "Schalker Kreisel" die Spieltechnik in Deutschland. Die Mannschaft hatte den von den Brüdern Ballmach erlernten "schottischen Flachpass" perfektioniert. Statt den Ball weit nach vorne zu schießen, wurde er mit kurzen, flachen Pässen zum besser positionierten Mitspieler gespielt, bis die gegnerische Abwehr in Verwirrung geriet.

Bündnis von Fußball und Bergbau

Die Zuschauer litten und feierten mit der Mannschaft wie nirgendwo anders in Deutschland. Fans und Team kamen aus derselben Lebenswirklichkeit. Der Bergbau war das einigende Band. "Die 1. Mannschaft ist restlos aus Schalke, keiner Spieler wohnt weiter als 30 Pfennig mit der Straßenbahn entfernt. Wir sind fast restlos aus der Jugendmannschaft hervorgegangen." (Kuzorra). Die 1927 errichtete Sportstätte wurde nach dem Gruß der Bergleute "Glückauf-Kampfbahn benannt. Der Mythos der "Knappen" war geboren.

Wenn Schalke siegte, sah sich auch die wenig verwöhnte Arbeiterschaft als Sieger. Fußball - vielfach noch Privileg höherer Schichten - war zu jener Zeit auch immer "Klassenkampf mit anderen Mitteln", wie die "Zeit" formulierte.

II. Die Glanzzeit: 1933-1942

Mit dem Sieg des Nationalsozialismus 1933 brach über Deutschland politisch die Nacht ein, für Schalke begann dagegen eine Zeit der Triumphe. Die Mannschaft dominierte jahrelang den deutschen Fußball, erreichte bis 1942 neunmal das Finale um die nationale Meisterschaft und errang dabei sechs Titel. Ein Verdienst, das besonders dem langjährigen Trainer "Bumbes" Schmidt zu verdanken war, einem ehrgeizigen Franken, der der Mannschaft effektives Abwehrverhalten lehrte, ohne ihr die Brillanz des Kombinationsspieles zu nehmen.

Mit letzter Kraft schießt Kuzorra Schalke zum Meister

Der endgültige Durchbruch gelang 1934. Die Knappen hatten sich erstmals ins Finale im Berliner Poststadion gekämpft. Der Gegner war der scheinbar übermächtige Rekordmeister 1. FC Nürnberg. Die Ausgangsposition war denkbar ungünstig: Ernst Kuzorra ging mit schwerem Handikap ins Spiel - er hatte sich in den Meisterschaftsspielen einen Leistenbruch zugezogen. Dazu gelang den Franken schnell der Führungstreffer, den Szepan erst kurz vor Schluss ausgleichen konnte. In der 90. Minute dann das Wunder, das heute noch die Schalker Herzen höher schlagen lässt: Kuzorra erläuft sich unter Schmerzen einen Steilpass, dringt mit letzter Kraft in den Strafraum und trifft unhaltbar ins linke untere Eck. Dann bricht er zusammen - aber Schalke ist Meister!

"Beste Vereinmannschaft aller Zeiten"

Eine Stadt steht kopf und feiert überschwänglich seine Helden. "Ein Hochrufen, ein Rufen, Schreien und Wehren ist auf dem Bahnsteig, ... Frauen fallen in Ohnmacht, und werden die Treppen heruntergetragen. Sie sind wieder da, sind wieder in der Heimat, und die Minute steht ihnen bevor, da die Stadt, diese vielen tausend Menschen ihnen Dank abstatten wollen dafür, dass die dem Namen der vielverufenen Stadt solche Ehre heimbrachten... Aus allen Kehlen brennt es ihnen entgegen: ‚du bist unser, ihr seid unser’", schrieb damals im Pathos der Zeit die "Gelsenkirchner Allgemeine Zeitung".

Der "Schalker Kreisel" beginnt Fußball-Deutschland zu regieren. Die Gruppenspiele werden teilweise zweistellig gewonnen. Spielerischer Höhepunkt: das 9:0 im Meisterschaftsfinale 1939 gegen Admira Wien. Noch nie hat zuvor eine Meisterelf so hoch gewonnen – und wird es auch nicht mehr. Hans Klodt im Tor, in der Abwehr Hans Bornemann und Otto Schweißfurth, beide Schalker Eigengewächse, davor im Mittelfeld Tibulski, Gellesch und Berg, im Sturm zurückhängend Szepan und Kuzorra, im Zentrum Kalwitzki, Urban und Eppenhof: So hießen die Helden, die auch als die "beste Vereinsmannschaft aller Zeiten" bezeichnet wurde. Der "Mythos Schalke" stand im Zenit, - die glorreiche Zeit faszinierte die späteren Generationen und schuf die Basis für die riesige Anhängerschaft heute.

Nazis beuten Schalke-Mythos aus

Unglücklicherweise instrumentalisierten die Nazis den Schalker Erfolg für ihre Zwecke. Hitler selbst soll Anhänger von Schalke gewesen sein. Zu gut passte der Schalke-Mythos vom Sieg des Helden, der von unten kommt, in die verlogene NS-Ideologie vom "Triumph des Arbeiters", der sich zum Wohl der "Volksgemeinschaft" nach oben kämpft.

Siegte Schalke, feierte die Partei immer mit, stilisierte Kuzorra &Co. zu nationalsozialistischen Musterknaben. Das fiel ihr umso leichter, als sich der Verein schon immer politisch neutral gab. "Wir wollten Fußballspielen und sonst nichts", war Kuzorras Einstellung. Was allerdings nicht hieß, dass Spieler den Schmeicheleien der Machthaber nicht zugänglich waren: Szepan wurde in den "Führerrat des Reichsfachamtes Fußball" berufen und 1938 im Zuge der "Arisierung" der deutschen Wirtschaft Eigentümer eines ehemaligen jüdischen Kaufhauses in Gelsenkirchen.

Der Verein hat zum 100-jährigen Geburtstag eine Untersuchung zum Verhältnis des gesamten Vereins zum Nationalsozialismus in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sollen im Herbst der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

III. Zwischen Kult und Chaos: 1946-1994

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Schalker nicht an die Erfolge der 30er-Jahre anzuknöpfen. Die glorreiche Kuzorra-Generation trat langsam ab, und den jungen, neuen Spielern waren die Schuhe ihrer Vorgänger zu groß. Niederlagen häuften sich. 1949 drohte sogar der Abstieg aus der Oberliga. Nur die kurzfristige beschlossene Aufstockung der Liga rettete Schalke.

In der Folgezeit konnten sich die Knappen wieder in der Spitzengruppe der Oberliga West etablieren. Aber nur noch einmal wurde die Deutsche Meisterschaft gewonnen. 1958 besiegte die von Edi Frühwirth trainierte Mannschaft um Kapitän Bernhard Klodt den Hamburger SV mit 3:0.

Fans halten Schalke die Treue

Dank der Tradition, weniger aufgrund sportlicher Leistungen gehörte Schalke 04 zu den Gründungmitgliedern der Bundesliga 1962. Den Verein plagten schon damals große Geldsorgen. Schalke tat sich schwer mit der beginnenden Professionalisierung des Sports. Spieler kamen zunehmend wegen der Gehälter und nicht wegen des kriselnden Bergbaus nach Schalke. Die Knappen spielten die ersten zehn Jahre meist gegen den Abstieg spielten. Dennoch pilgerten die Fans in Massen in die Glückauf-Kampfbahn. 1966 ist die Zuschauerzahl mit über 30.000 im Schnitt die höchste in der Bundesliga.

Ende der 60er Jahre formierte sich um den legendären Rechtsaußen Stan Libuda, einem genialen Dribbler erneut eine vielversprechende junge Elf. 1972 wurde Schalke knapp hinter den Bayern Zweiter und holte im selben Jahr zum zweiten Mal den DFB-Pokal. Aber die Beteilung am Bundesliga-Skandal 1971, in dem Spiele gegen Geld "verschoben wurden", leitete den langsamen, aber steten Niedergang ein. Die Mannschaft zerfiel wieder.

"Schalker Verhältnisse"

In den 80er Jahren entwickelte sich Schalke zur einer "Fahrstuhlmannschaft". Dreimal – 1981, 1983 und 1988 –muss die Mannschaft den Gang in die zweite Liga antreten. Immer wieder gelang der Wiederaufstieg, aber vor allem die chaotischen Zustände an der Vereinsspitze bestimmten die Schlagzeilen: "Schalker Verhältnisse" wurde sprichwörtlich für Inkompetenz, Geldgier und skrupelloses Machtringen. Extremstes Beispiel: "Sonnenkönig" Günter Eichberg. Der Präsident (1989-1994) verstand wenig von Fußball, dafür umso mehr vom eigenen Profit. Er vergoldete für sich den Mythos und verschwand plötzlich in die USA. Als letzten Gruß hinterließ er Millionen Mark Schulden.

Mehr als ein Mal schrammte der Verein knapp an der Pleite vorbei. Letztendlich waren es die Fans, die den Verein retteten. Auch in der Zweiten Liga kamen ins Parkstadion mehr Zuschauer als bei den meisten Bundesligisten.

Ruhe kam erst 1994 in den Verein, als eine neue Satzung die direkte Wahl des Vorstands durch die Mitglieder abschaffte.

IV. Der Weg nach Europa: 1994-2001

"Entweder ich schaffe Schalke oder Schalke schafft mich", hatte Manager Rudi Assauer 1994 bei seinem Amtsantritt noch skeptisch gesagt. Aber mit dem Mann mit der Zigarre - von Dortmunds Manager Michael Meier mal im Zorn als "Cashemere-Hooligan" tituliert - kam der Erfolg nach Gelsenkirchen zurück: Unter Präsident Rehberg konsolidierte sich der Verein finanziell und sportlich. 2001 gelang sogar der Sprung in Europas Königsklasse - die Champions League.

Typen statt Eitelkeiten

Ein glückliches Händchen bewies Assauer bei den Neueinkäufen. Mit Olaf Thon wurde der "verlorene Sohn" aus München zurückgeholt. Der belgische Stürmer Marc Wilmots, der tschechischen Mittelfeldkämpfer Jiri Nemec und der holländischen Youri Mulder waren keine Stars, sondern ehrgeizige, bodenständige Typen, mit denen sich die Fans identifizieren konnten. Dazu kam mit Huub Stevens ein Trainer, der neben fachlicher Kompetenz auch Gespür für die besondere Schalker Atmosphäre hatte. Die Mischung stimmte wieder.

"Steht auf, wenn ihr Schalker seid"

1996 gelang zum ersten Mal nach 19 Jahren wieder die Qualifikation für den UEFA-Cup. Doch es kam noch besser: Nach Siegen über Roda Kerkrade, Trabzonspor, den FC Brügge, CF Valencia, CD Teneriffa und dem Endspielsieg über Inter Mailand holte sich Schalke sensationell den UEFA-Cup. In einem dramatischen Elfemterschießen am 21. Mai 1997 im Mailänder San-Siro-Stadion verwandelte Marc Wilmots den entscheidenden Strafstoß. Gelsenkirchen war wieder im Freudentaumel – der Pott war tatsächlich im Pott. Mit ihren überragenden kämpferischen Qualitäten sicherte sich das Team um Kapitän Thon als "Eurofighter" einen Ehrenplatz in der Vereinsgeschichte.

Vier-Minuten-Meister

"Der Riese war erwacht", schrieb eine Zeitung. Schalke orientierte sich jetzt an den Großen der Branche. 2000 war aus dem ehemaligen Bergmann-Verein eine Aktiengesellschaft geworden. Und Deutscher Meister ist Schalke tatsächlich geworden. Im dramatischsten Bundesligafinale aller Zeiten erfüllte sich für vier Minuten der Lebenstraum einer ganzen Schalke-Generation. Dann traf in der Nachspielzeit in Hamburg ein Freistoß der Bayern die Schalker mitten ins Herz - das Münchner Ausgleichstor in buchstäblich letzter Minute entriss den Knappen die sicher geglaubte Meisterschale. Der Gewinn des DFB-Pokals eine Woche später war für den "Meister der Herzen" ein schönes Trostpflaster.

In den hochgesteckten Zielsetzungen fühlte sich die Vereinsführung allerdings bestärkt. 2002 öffnet der modernste deutsche Fußballtempel seine Pforten: die "Arena AufSchalke".

V. Aufbruch in ein neues Jahrhundert: seit 2001

Schalke als dritte Kraft im deutschen Fußball – hinter Bayern und Dortmund: Das erklärte Ziel Rudi Assauers zementiert sich seit 2001 in Schalkes neuer Heimat, der Arena "Auf Schalke": Kein gewöhnliches Stadion, sondern wahrlich ein Fußballpalast, voll mit technischem Schnickschnack: ausfahrbaren Rasen, verschließbaren Dach, verschiebbarer Südtribüne, VIP-Logen und an der Decke einem großen Videowürfel als Anzeigetechnik. Die wahrscheinlich modernste Sportstätte Europas, die gleichzeitig den eigenen Mythos pflegt. Ein Schalke-Museum erinnert an die vergangenen Helden und eine eigene Kapelle (!) bietet Raum für Besinnung und Kontemplation.

Zwischen Big Business und Nostalgie

Schalke ist endgültig ein wichtiger Spieler im Big Business Bundesliga geworden. 2002 lag der Jahresumsatz des Vereins bei 117 Mio. Euro, die Personalkosten bei 56, 5 Mio. Euro. Gezahlt an professionelle Söldner, die aus allen Herren Länder kommen, nicht nur aus dem Pott. Die letzten echten Ruhrpottspieler waren Olaf Thon und Ingo Anderbrügge.

Ist das noch der Verein, der vor 100 Jahren gegründet wurde? Der seine Faszination aus der Idee des kleinen Bergmanns sog, der sich mit harter, ehrlicher Arbeit nach oben kämpft und nur durch Missgunst und Frevelwerk an seinem Triumph gehindert werden kann?

Die Fans sagen: ja. Sie bleiben dem Verein treu. Knapp 30.000 sind Mitglied der "Schalke-Kirche". Sie "leben" noch Schalke, ein Schalke, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. Genauso wenig wie die Zechen in Gelsenkirchen.

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