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Borowski-Transfer: Trennung ohne Tränen

Der FC Bayern hat Nationalspieler Tim Borowski auch deshalb verpflichten können, weil Werder nicht gewillt war, die extrem hohen Gehaltsforderungen zu erfüllen. An der Weser hält sich das öffentliche Wehklagen über den Wechsel in Grenzen - auch wegen Borowskis Hang zur Selbstüberschätzung.

Von Frank Hellmann und Klaus Bellstedt

Mitunter wirkte es bei Werder Bremen im Trainingslager an der türkischen Riviera wie im Urlaub. Sportchef Klaus Allofs blinzelte in kurzer Hose am Trainingsplatz in die Sonne, die Spieler vergnügten sich im Ohrenschnipsen, wenn einem beim Kreisspiel zu oft der Ball versprang. Und bei Testspielen verlustierte sich Mediendirektor Tino Polster als Stadionsprecher. Harmonie pur. Bis zum Sonntagabend.

Da eröffnete Tim Borowski, ein im vereinseigenen Internat ausgebildetes Eigengewächs des Klubs, der Vereinsführung im Rixos Premium Hotel, dass er seinen Vertrag nicht verlängern werde. Mehr noch: Er wechselt zum 1. Juli ablösefrei zum FC Bayern. "Ich sehe das als große sportliche Herausforderung. Im Sommer werde ich 28 Jahre alt, und für mich stand deshalb fest, wenn ich noch einmal etwas Neues mache, dann jetzt", erläuterte Borowski seine Beweggründe vor dem Testkick der Bremer in Belek gegen den russischen Erstligisten Saturn Ramenskoje.

"Wir wollten uns in einem gewissen Rahmen bewegen"

Am Montag bestätigte auch Münchens Manager Uli Hoeneß aus Marbella, dass Borowski einen Dreijahresvertrag erhalte. Der 27-Jährige ist sowohl auf der rechten und linken Halbposition im Mittelfeld einsetzbar - und damit neuer Konkurrent für Bastian Schweinsteiger und Hamit Altintop. "Die Verträge werden in den nächsten Wochen unterschrieben", so Hoeneß, der sich über den Spieler schon in den vergangenen Jahren Gedanken gemacht hat. "Die Möglichkeit, ihn ablösefrei zu verpflichten, hat uns gereizt." Nichts lieben die Bayern-Bosse mehr, als Nadelstiche gegen die direkte Konkurrenz. "Die Bayern holen halt immer die Besten zusammen - wenn sie viele von uns kaufen, ist das ein Zeichen für die Qualität unserer Mannschaft", entgegnete Werder-Klubboss Jürgen L. Born mit feiner Ironie, um dann noch artig anzufügen: "Ein Spieler von dieser Güteklasse zu verlieren, tut natürlich weh." Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Werder war in der Causa Borowski partout nicht gewillt, die über dessen Berliner Agenten Jörg Neubauer vorgetragenen Gehaltsforderungen zu erfüllen. Borowski wollte auf einer Stufe mit Diego oder Torsten Frings verdienen - rund vier Millionen Euro jährlich. Diese Summe wird ihm nun offenbar in München garantiert plus eines erklecklichen Handgelds. "Wir wollten uns in diesem Fall nur in einem gewissen finanziellen Rahmen bewegen", gesteht Sportchef Klaus Allofs.

Abgetaucht in der Königsklasse

Ergo: Wie schon bei Andreas Herzog (1995), Mario Basler (1996), Claudio Pizarro (2001), Valérien Ismael (2005) oder jüngst Miroslav Klose erliegt ein Leistungsträger den Lockrufen der Bayern, die daran basteln, wieder der bedeutendste Lieferant der DFB-Auswahl zu werden: Borowski wird siebter Nationalspieler des FCB und ist erklärter Lieblingsspieler des kommenden Trainers Jürgen Klinsmann, auch wenn Hoeneß da keinen direkten Zusammenhang hergestellt haben will. "Wir haben Jürgen das letzte Woche mitgeteilt, er hat diese Verpflichtung begrüßt." Und Borowski ergänzte: "Dass Klinsmann kommt, ist natürlich positiv für mich." Die gegenseitige Wertschätzung ist groß und der Kontakt zwischen beiden nie abgerissen - der einst als "Mini-Ballack" titulierte Neubrandenburger wurde in jeder WM-Partie eingesetzt, was Klinsmanns Musterschüler mit einer Torvorlage und einem verwandelten Elfmeter im Viertelfinale gegen Argentinien dankte.

Genau wie die Münchner WM-Helden plumpste Borowski nach dem Sommermärchen ins Leistungsloch. Mit Mitspielern feierte "Boro" im Sommer 2006 noch seine rauschende Hochzeit mit seiner langjährigen Freundin Lena, doch danach prägten Verletzungen und Formschwankungen sein Wirken. Seit 2006 hat der 1,94-Meter-Mann nur 26 Bundesligaspiele bestritten. Und vor allem in der Champions League tauchte der 31-fache Nationalspieler mit erschreckender Regelmäßigkeit ab. Nicht nur die unendliche Leidensgeschichte hemmte den Profi, sondern auch ein ausgeprägter Hang zur Selbstüberschätzung. Auch deshalb hält sich das öffentliche Wehklagen an der Weser über den Wechsel in Grenzen.

Spießrutenlauf wahrscheinlich

Borowski fühlte sich oft falsch beurteilt - erst recht, nachdem ihn sein langjähriger Förderer Thomas Schaaf zum Hinrundenausklang gegen Leverkusen (5:2) nach leidenschaftslosen 31 Minuten vom Feld holte. Wie ein beleidigter Schuljunge stapfte der blonde Beau in die Kabine - und forcierte hernach die Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Es bedarf keine prophetische Gabe, um den ohnehin vom Bremer Publikum kritisch beäugten Mittelfeldmann einen Spießrutenlauf vorauszusagen - speziell zum Auftakt am 3. Februar gegen den VfL Bochum. Man müsse davon ausgehen, glaubt gar Allofs, dass Borowski keine angenehme Rückrunde zu erwarten hätte. Einen vorzeitigen Wechsel schließt der (Noch-)Werder-Spieler selbst aus.

Fakt ist: Werder hat die Suche nach einem Borowski-Nachfolger sicher nicht erst seit Bekanntwerden des Tranfers gestartet. Wer Klaus Allofs kennt, der weiß, dass der findige Manager längst seine Fühler nach einem hochkarätigen Mittelfeldmann ausgestreckt hat. Indirekt bestätige der Sportchef das bereits: "Wir werden sicher etwas Interessantes für die neue Saison bieten."

Die Verhandlungssituation für einen anderen Werder-Spieler hat sich durch den Borowski-Weggang übrigens schlagartig verbessert: Der Däne Daniel Jensen, dessen Vertrag am Ende der Saison ausläuft, darf nun auf ein stark verbessertes Angebot der Bremer hoffen. Jensen, zuletzt einer der Leistungträger der Grün-Weißen, gilt im Mittelfeld als flexibel einsetzbar. Sollte auch Jensen den Verein nach der Rückserie verlassen, hätte Werder in der Tat eine Mittelfeld-Baustelle.

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