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Bundesliga-Check: Borussia Dortmund: Die Bayern-Angstmacher

Der Paukenschlag der Winterpause gelang Borussia Dortmund mit der Verpflichtung von Marco Reus. Für die Rückrunde ändert das noch nichts, der BVB wird nach der Investition von 17 Millionen Euro aber anders wahrgenommen. Kann das Titel-Pendel in Richtung Gelb-Schwarz ausschlagen?

Das berühmte Sommerloch mit aufgebauschten Meldungen gibt es auch in der fußballlosen Zeit im Winter. Borussia Dortmund wollte da nicht mitmachen und produzierte mit der frühzeitig bekanntgegebenen Verpflichtung von Marco Reus einen wahren Paukenschlag.

Sofort war Fußball-Deutschland in mehrere Lager gespalten. Die einen erkannten schon wieder Großmannssucht, wie sie den BVB Anfang des Jahrtausends fast in den Bankrott getrieben hätte. Auf dieser Seite wurde zum Beispiel viel darüber diskutiert, wie die Borussia schon wieder 17 Millionen Euro aufbringen könne. Andere wiederum sprachen von einem wichtigen Transfer, um dem FC Bayern dauerhaft die Stirn bieten zu können. Und die Dortmunder Fans träumen ohnehin wieder von Goldenen Zeiten.

Ob in München wegen der Reus-Nachricht tatsächlich ein wenig Nervosität aufgekommen ist, ist nur schwer zu ermitteln. Immerhin forderte Manager Christian Nerlinger die Kollegen aus seiner Geburtsstadt auf, die Bescheidenheit der letzten Jahre abzulegen. Und im Kicker war zu lesen, die Bayern hätten Reus wegen einer geforderten Stammplatzgarantie nicht verpflichtet.

Für die kommende Rückrunde hat der Reus-Transfer allerdings noch keine sportlichen Auswirkungen, BVB-Trainer Jürgen Klopp muss mit den gleichen Spielern wie in der Vorrunde auskommen, auf dem Winter-Transfermarkt schlugen die Gelb-Schwarzen nicht zu. Nach derzeitigem Stand wird auch Lucas Barrios bleiben, der Stürmer äußerte seine Unzufriedenheit und bekam positive Wechsel-Signale, bisher ging aber noch kein realistisches Angebot für Barrios ein.

Die Winterpause kam für die Dortmunder trotz der grandiosen Serie von elf Spielen ohne Niederlage zum richtigen Zeitpunkt, der Sieg im Achtelfinale des DFB-Pokals bei Fortuna Düsseldorf erfolgte quasi auf dem Zahnfleisch. Nun sind wieder alle Spieler an Bord, Klopp kann zum Auftakt beim Hamburger SV aus dem Vollen schöpfen.

Falschester Satz aus dem Sommer-Check

Über Shinji Kagawa schrieben wir vor der Saison, er habe "das Potenzial zum Spieler der Saison". Tatsächlich fing sich der Japaner im Laufe der Hinrunde, ein solches Gütesiegel verdiente sich Kagawa dann aber doch nicht. Der Spielmacher brauchte nach einer starken Vorbereitung lange, bis er aus dem körperlichen Tief fand – immerhin fiel er zuvor wegen eines Mittelfußbruches fast ein halbes Jahr aus.

Nach der Verpflichtung von Reus träumen viele Fans bereits von einer offensiven Dreierkette mit Kagawa, Reus und Mario Götze. Ob sich Klopp in der nächsten Saison dann tatsächlich für die drei Leichtgewichte entscheidet, ist fraglich. Zumal sich der kampf- und laufstarke Kevin Großkreutz nicht so einfach wird verdrängen lassen. Für Kagawa könnten deshalb entscheidende Monate anstehen.

Größte Enttäuschung

Ohne in argumentative Schwierigkeiten zu kommen, könnten wir nun über Ilkay Gündogan schreiben. Der Neuzugang vom 1. FC Nürnberg wollte nie mit Nuri Sahin verglichen werden – und genau so spielte er auch über weite Strecken. Zwischenzeitlich nahm Klopp seinen neuen Strategen sogar ganz aus dem Kader, die Verletzungssorgen auf der Doppelsechs brachten ihn gegen Ende der Hinrunde wieder ins Team.

"Am Anfang war das alles ein bisschen zu viel für mich", bestätigte Gündogan dann auch in einem Interview mit dem "Reviersport". Und wirklich fair ist der Titel "Größte Enttäuschung" für Gündogan dann auch nicht, immerhin ist er erst 21 Jahre alt und die Fußstapfen von Sahin, dem besten Bundesliga-Spieler der vergangenen Saison, waren doch sehr groß.

Somit kommen wir nicht an einer Champions League-Rüge vorbei. Es geht gar nicht darum, dass ein Deutscher Meister immer den Anspruch haben muss, zumindest das Achtelfinale zu erreichen. Auch für die Fünfjahreswertung der Uefa hatte die schlechte Gruppenphase der Dortmunder kaum einen Einfluss. Es ist aber total unverständlich, wie groß die Diskrepanz zwischen die Leistungen in der Bundesliga und der Champions League tatsächlich war.

In den sechs Spielen gegen den FC Arsenal, Olympique Marseille und Olympiakos Piräus war – den Heimsieg gegen das griechische Team mal ausgenommen – keinerlei Weiterentwicklung zu erkennen. Der BVB spielte meist gut mit, vergab in fast jedem Spiel gute Torchancen, leistete sich dafür aber haarsträubende individuelle Fehler und schied völlig verdient aus. Nimmt man die sechs Europa- League-Spiele der vergangenen Saison hinzu, so zahlt der BVB schon seit zwölf internationalen Partien Lehrgeld – Klopp sollte sich die Frage stellen, ob das nicht doch eine Frage der Qualität ist.

Hoffnungsträger

Viele Experten waren mit Klopp einer Meinung: Robert Lewandowski kann eigentlich alles, er zeigt es nur viel zu selten. So war das in der letzten Saison, als er meist im Mittelfeld auflief und trotz schwankender Leistungen immerhin acht Tore erzielte. So war es auch in der Anfangsphase dieser Saison, als er den verletzen Lucas Barrios in der Spitze vertrat, aber zu viele Großchancen ausließ und immer mal wieder mit einer schlechten Körpersprache auffiel.

Doch seit Lewandowski gegen Augsburg drei Tore erzielte, ging beim Polen der Knopf auf. Seitdem entwickelte er sich zu einem der besten Stürmer der Bundesliga – und das nicht nur wegen seiner zwölf Tore und sechs Vorlagen. Lewandowski ist technisch sehr beschlagen, in Zweikämpfen kaum zu schlagen und mittlerweile hat er auch die Nervosität vor dem Tor abgelegt.

Für eine erfolgreiche Rückrunde wird der BVB wieder einen Lewandowski in Topform benötigen, Lucas Barrios zeigt zwar gute Trainingsleistungen, in Spielen wirkt der Paraguayer aber meist gehemmt. Lewandowski spielte dagegen eine starke Vorbereitung - und bekam ein dickes Lob von Franck Ribéry: "Wenn ich auf Dortmund schaue, fällt mir Robert Lewandowski auf. Er ist ein richtig guter Spieler", erzählte der Franzose des FC Bayern der "Sportbild".

Prognose

Wenn die Darbietungen in der Champions League auch Besorgnis erregend waren, für die Bundesliga und die dortigen Ambitionen war das Ausscheiden sicherlich gut. Drei Punkte Rückstand auf den FC Bayern sind schnell aufgeholt, der BVB wird unserer Meinung nach bis zum Schluss im Meisterrennen bleiben.

Kommen die Münchner ihrem Traum, dem Finale der Königsklasse im eigenen Stadion, immer näher, könnte das Titel-Pendel sogar in Richtung Gelb-Schwarz ausschlagen. Wichtig wird sein, ob der BVB in der Chancenverwertung zulegen kann, nimmt das Klopp-Team auch noch die einfachen Tore mit, könnte die immer noch fehlende Qualität im Vergleich zu den Bayern ausgeglichen werden.

Marcus Krämer

sportal.de / sportal

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