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Bundesliga-Trend Umschaltspiel: Mit wenig Ballbesitz und Kontern zum Erfolg

Sheraldo Becker
Sheraldo Becker
© Getty Images
Die Bundesliga im Vergleich zu den anderen Top 5 Ligen Europas: Weniger Ballbesitz und schlechtere Passquoten als Erfolgsrezept, dank des Umschaltspiels.

The Trend is your Friend. Der Freund der Bundesliga scheint derzeit Umschaltfußball mit weniger Ballbesitz zu sein. Union Berlin ist hierfür das beste Beispiel. Im internationalen Vergleich wird extrem deutlich, wie sehr die deutsche Elite-Liga derzeit auf dieses Stilmittel setzt.

"Es ist ein Trend. Die, die über die spielerische Komponente kommen, haben Probleme - Bayern einmal ausgenommen", sagte Niko Kovac Ende August (via kicker).

Zu diesem Zeitpunkt legte der Rekordmeister einen furiosen Start hin, gewann - natürlich mit viel Ballbesitz - 6:1 in Frankfurt, 2:0 gegen Wolfsburg, 7:0 gegen den VfL Bochum und spielte gegen Gladbach nur 1:1, weil sich Yann Sommer als schier unüberwindbar zeigte.

Doch seither steckt nicht nur der Ballbesitz-König der Liga im Ergebnis-Loch. Auch Teams wie Bayer Leverkusen oder RB Leipzig (Rang vier in der Ballbesitz-Tabelle) finden sich deutlich weiter unten in der Tabelle wieder, als gedacht.

Im Gegensatz zu den Ballbesitz-Teams steht derzeit Tabellenführer Union Berlin. Die Eisernen legen wenig Wert auf eigenen Besitz des Balles - er ist für ihr Spiel häufig sogar kontraproduktiv. Stattdessen baut Union auf eine stabile Defensive, Ballgewinne und schnelle Umschaltmomente. Nur die Abstiegskandidaten Augsburg und Schalke hatten in dieser Saison weniger den Ball als Union (41 Prozent).

Der SC Freiburg auf Rang drei, liegt mit 45 Prozent Ballbesitz in dieser Wertung ebenfalls im unteren Drittel. Zeigt sich hier also tatsächlich ein Trend, wie es Wolfsburgs Trainer Niko Kovac schon Ende August erklärte?

Vergleich der Top 5 Ligen: Bundesliga mit schwacher Passquote und viel Umschaltaktionen

Für die Bundesliga mag das durchaus gelten und derzeit ein veritables Erfolgssystem sein. Im internationalen Vergleich wird deutlich, wie sehr die Bundesligisten auf Umschaltfußball setzen.

In den vier anderen Top 5 Ligen Europas (Premier League, La Liga, Serie A und Ligue 1) liegt die Passquote bei durchschnittlich 81 bis 83 Prozent. Die Bundesliga hinkt da mit 78,25 Prozent kräftig hinterher (Daten via kicker).

Noch deutlicher wird das mit dem Blick auf die Pass-Tabelle aller 98 Teams dieser Ligen. Sechs der letzten acht Plätze belegen deutsche Mannschaften. Tabellenführer Union Berlin liegt mit 71,71 Prozent auf dem 96 Rang, der FC Augsburg ist mit deutlichem Abstand Letzter (66,27 Prozent).

In der oberen Hälfte der Pass-Tabelle liegt nur der FC Bayern unter den besten 25 Teams auf Rang sieben. Das Treppchen bilden PSG, Manchester City und Real Madrid.

Auch der Anteil an langen Bällen ist mit 14,7 Prozent in der Bundesliga so hoch wie in keiner anderen Liga aus den Top 5. Mit dem VfL Bochum (22,8 Prozent), dem FCA (21,4 Prozent) und Union Berlin (19,8 Prozent) stehen drei Bundesliga-Teams an der Spitze aller 98 Mannschaften der Top 5 Ligen was den prozentualen Anteil an langen Bällen pro Spiel betrifft.

Auf der anderen Seite haben die Bundesliga-Teams im Vergleich die meisten Umschaltaktionen.

Was bedeuten die Werte für die Bundesliga und den internationalen Vergleich?

Kann man die Statistiken für Ballbesitz und Passquoten völlig wertfrei betrachten? Beide bedingen sich jedenfalls. Denn wer weniger Ballbesitz hat, setzt fast zwangsläufig eher auf Konter, bei denen häufiger Risiko-Pässe gespielt werden, die schneller nicht beim Mitspieler ankommen.

Dass diese Spielphilosophie erfolgreich sein kann, wissen wir nicht erst seit den ersten Auftritten von RB Leipzig in der Bundesliga. Eine Light-Version davon hatte schon die TSG Hoffenheim im Aufstiegsjahr 2008/09 gezeigt, als man in der ersten Saisonhälfte an der Tabellenspitze stand.

Der Vorteil dieser Taktik: Der Gegner hinterlässt deutlich größere Räume, die man nach Ballgewinn gegen ein ungeordnetes Team leichter bespielen kann. Chancen aus dem eigenen, kontrollierten Ballbesitz zu kreieren ist dagegen die schwierigste Übung im Fußball. Und schon Trainer-Ikone Giovanni Trapattoni hat gesagt: Es sei nicht wichtig wer den Ball hat, sondern wo der Ball ist.

Das schnelle Spiel in die Gefahrenzonen des Gegners ist riskant und führt häufiger zu Fehlpässen. Mit Blick auf die Bundesliga scheint es derzeit aber deutlich erfolgsversprechender zu sein.

Über die Qualität des Fußballs lässt sich dadurch eher keine fundierte Aussage treffen. Schließlich ist vielen Fans auch deutlich lieber, wenn das Spiel schnell ist und mit viel Dynamik versucht wird, vor das gegnerische Tor zu kommen. Ballzirkulationen wie zu besten Guardiola-Tagen empfinden viele dagegen eher als langweilig.

Dennoch muss man aufpassen, dass dieses Konterspiel nicht auf die Spitze getrieben wird. Wenn sich die Fehlpässe immer mehr häufen, weil alle Team nur noch auf Konter lauern, ist das auch nicht sonderlich schön anzuschauen. Union Berlin zeigt jedenfalls, dass es mit dieser Taktik sehr gut möglich ist, mit vielleicht etwas weniger individueller Qualität an die Tabellenspitze zu kommen. International betrachtet, hat Eintracht Frankfurt in der vergangenen Saison die Europa League gewonnen - und dabei tendenziell weniger Ballbesitz gehabt als der Gegner.

Insgesamt ist es mehr eine Frage der eigenen Mittel und der Spielphilosophie denn der generellen Qualität des Fußballs. Und Trends haben wir im Fußball in den letzten Dekaden immer wieder beobachten können.

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Dieser Artikel wurde ursprünglich auf 90min.com/de als Bundesliga-Trend Umschaltspiel: Mit wenig Ballbesitz und Kontern zum Erfolg veröffentlicht.

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