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Wolfsburg-Star Kevin De Bruyne: Er will doch nur spielen

Kevin De Bruyne gilt als bester Fußballer der Saison. Nun hat er den DFB-Pokal gewonnen. Wer ist der Mann, den alle europäischen Topklubs jagen?

Von Mathias Schneider

Mit der Genialität ist das so eine Sache: Bei manchem Künstler bricht sie durch in ungebremsten Schüben, gefolgt von andauernden Schaffenskrisen. Der Fußballer Kevin De Bruyne dagegen versteht sich darauf, Samstag für Samstag punktgenau ­tolle Spielzüge auf den Rasen zu zaubern. Dazwischen? Ruht der Meister im Energiesparmodus, umgeben von denen, die regelmäßig von seinem Werk profitieren.

Wie das aussehen kann, lässt sich an einem Mittwochvormittag im Mai auf dem Trainingsgelände des VfL Wolfsburg bestaunen. Der Trainer Dieter Hecking übt mit seiner Mannschaft das schnelle Vordringen in die Spielhälfte des Gegners. De Bruyne ist mit dem Stürmer Bas Dost in vorderster Linie eingeteilt. Sein Part: Torabschluss nach Querpass. Frei aus fünf Metern jagt De Bruyne den Ball über den Schutzzaun hinterm Tor. Normalerweise folgt auf ein solches Missgeschick großes Gelächter unter den Spielern. Doch hier: Stille. Der Schöpfer der filigranen ­Pässe bleibt vom Flachs befreit.

Jahrhundertdribblings und Teilnahmslosigkeit

Danach fungiert De Bruyne als Pass­geber auf die Stürmer. Läuft ein Angriff einmal nicht über seine Seite, fällt sein Kopf in den Nacken, als klage er lautlos den Himmel an. Hecking beobachtet das Schauspiel aus den Augenwinkeln, verkneift sich den Tadel. In Wolfsburg sagen sie, De Bruyne sei ein bisschen eigen.

Der Belgier braucht mittlerweile die große Bühne für sein Werk. Das hat er mit dem enigmatischen Lionel Messi vom FC Barcelona gemein; auch Messi ist so ein Genie, das auf dem Feld zwischen seinen Jahrhundertdribblings in Teilnahmslosigkeit versinken kann. Nun verbietet sich jeder Vergleich mit dem großen Messi, doch man greift nicht zu hoch, wenn man behauptet, dass De Bruyne der abgelaufenen Bundesligasaison seinen Stempel aufgedrückt hat wie wenige neben ihm.

DFB-Pokal krönt die Saison

Die Bayern aus München sind erneut Meister geworden mit ihrem Superkader; den besten Spieler der Saison stellen sie aber nicht. Der kommt aus Wolfsburg: ein junger introvertierter Rotschopf, 23 Jahre alt, mit einem trotzigen Zug um den Mund, gebürtig aus Drongen am Stadtrand von Gent. Er war es, der einen mit Millionen aufgemöbelten Kader durch seine Pässe bis auf den zweiten Tabellenplatz führte. 21 Vorlagen in 34 Spielen: Bundesligarekord. Mit dem Sieg im DFB-Pokalfinale hat De Bruyne die Saison gekrönt. Es ist Wolfsburgs zweiter großer Titel nach der Meisterschaft 2009. Sein Titel.

Ausgerechnet gegen Dortmund. Die Westfalen hatten 2013 alle Hebel in Bewegung gesetzt, um De Bruyne zu verpflichten. Viel hat nicht gefehlt. Wurde das Pokalfinale dadurch noch etwas delikater? "Nö", antwortet er mit tiefer Stimme, die voller klingt, als man es bei einem Mann Anfang 20 erwartete. Er sitzt im ersten Stock der Geschäftsstelle seines Vereins, im lässigen Trainingsanzug zu weißen Basketball­stiefeln. "Es ist manchmal so, dass man Ver­eine hat, die interessiert sind. Für mich ist das Spiel deshalb aber nichts Besonderes", fährt er in sehr gutem Deutsch fort. Er klingt, als referiere er über einen Geschäftsvorgang.

Bloß kein Risiko

Er ist nicht unhöflich, und doch umgibt ihn eher stiller Zweifel als Zugewandtheit. Er mag sich nicht vereinnahmen lassen. Fragen zu seiner Karriere beantwortet er meist knapp: Spaß am Spiel wolle er haben. Geld bedeute ihm nicht alles. "Sonst wäre ich mit 19 Jahren nach Russland gewechselt. Dort hätte ich das Dreifache verdienen können." Auf welcher Position er am liebsten spiele? "Egal, ich habe in meinem Leben auf sechs Positionen gespielt. Überall habe ich immer meinen Weg gefunden." So geht das eine ganze Weile.

Bloß kein Risiko. In Belgien haben sie mal geschrieben, er fühle sich nicht wohl in der Fremde; er spielte damals in Bremen. Falsch zitiert, Übersetzungsfehler, nuschelt er jetzt und zieht sich noch ein bisschen tiefer in sich zurück. Nur wenn es nicht um Fußball geht, öffnet er sein Visier und zeigt ein gelöstes Lächeln.

Er wirkt abgeklärt, eher fünf Jahre älter, als er ist. Mit 14 verließ er das Elternhaus, zog ins Jugendinternat des KRC Genk, wo er es bis in die erste Mannschaft und zu Meisterschaft und Pokalsieg brachte. Danach: Bremen, der FC Chelsea, jetzt Wolfsburg. Man kann sich in jungen Jahren keine größeren Gegensätze zumuten.

Er überrannte die Bayern

Er galt schon in Gent als Riesentalent, doch bei seinem Gastspiel in der Saison 2012/13 bei Werder Bremen wurde deutlich, dass da einer aufgetaucht war, wie ihn die Nachwuchsakademien der Bundesligisten nur selten hervorbringen.

Überragender Spielgestalter im offensiven Mittelfeld, versehen mit außergewöhnlicher Ballbehandlung, Tempodribbling und einem starken Abschluss - ein unwiderstehliches Paket. Nicht allein seine technischen Fertigkeiten machen ihn zu einem der begehrtesten Spieler auf einem fiebrigen Fußballmarkt. Denn wenn es zählt, lodert ein mächtiges Feuer in ihm: Im ersten Spiel nach dem Unfalltod seines Freundes und Mannschaftskameraden Junior Malanda nach der Winter­pause überrannte er die Bayern förmlich. Zwei Treffer erzielte er selbst - als Beweis dafür, dass er sich auf dem Weg nach oben nicht aufhalten lässt.

Solche Auftritte führen dazu, dass ein Trainer wie Hecking über seine sanfte ­Exzentrik hinwegsieht. De Bruyne mag kein Mann für die Mitte einer Elf sein, statusbewusst ist er schon. Heckings Regeln der totalen Hingabe in jedem Training mag er bei sich nur in homöopathischen Dosen angewandt sehen. Auf dem Feld aber ­genießt er Narrenfreiheit. Alle - vom Klubmanager Klaus Allofs bis zu den Kollegen - fassen ihn mit Samthandschuhen an.

Am Wochenende kommen die Eltern

Im Gegenzug aber dürfen sie keine Liebesbekundungen erwarten.

De Bruyne, Handlungsreisender des Spiels, betrachtet Wolfsburg als Zwischenstation. Bloß keine Wurzeln schlagen. ­Deshalb akzeptiert er auch einen Umzug von London, der Heimat seiner Mutter, nach Mörse, einen verschlafenen Stadtteil von Wolfsburg. "Es fällt mir leicht, ­irgendwohin zu gehen und mich auf Fußball zu konzentrieren." Das liege wohl in seiner Natur.

Mit seiner Freundin aus Genk lebt er nun in einer Wohnsiedlung. Sie absolviert ein Fernstudium und soll ihm auch bei den kommenden Karrierestationen Halt geben. Er sagt, er könne allein sein. "Aber ich bin es nicht immer gern." Sind mal ein paar Tage frei, fährt er in die belgische Heimat, am Wochenende kommen die Eltern samt Freunden nach Niedersachsen; er hat eine Loge für sie im Stadion gemietet.

Ein Bekenntnis zum VfL gibt er nicht ab. Gefragt, ob er in der kommenden Saison auf jeden Fall noch in Wolfsburg spielen werde, zuckt er mit den Schultern. Er ­strebe nach dem Optimum in seiner Karriere, sagt er. Worin das Optimum genau besteht, lässt er offen. Am Ende dürfte es ein üp­piges Gehalt in einem der großen Klubs Europas sein.

Undank oder Ehrlichkeit?

Man kann diese bewusste Distanz als undankbar einem Verein gegenüber bezeichnen, der ihn mit offenen Armen empfangen hat. Oder als die ehrliche Haltung eines Mannes, der in einem Geschäft ­voller falscher Absichtserklärungen niemandem etwas vormachen mag. Gab es bei ihm mal Sentimentalitäten, so sind sie unterwegs zwischen Genk, Bremen, London und Wolfsburg verloren gegangen.

Sein Vertrag läuft bis 2019 - ohne Ausstiegsklausel. Doch weder der Manager Allofs noch der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn appellieren an seine Pflichten. Als könnte allein die Androhung von Vertragszwang De Bruyne in die in­nere Emigration treiben. "Die Hoffnung ist sehr groß, dass er bei uns bleibt", sagte Winterkorn neulich. Das klang, als sei es an De Bruyne, zu entscheiden.

Sie werden sein Gehalt großzügig erhöhen. Noch ist Kevin De Bruyne größer als ein Verein, der zum zweiten Mal in seiner Geschichte in die Champions League einzieht. Dafür brauchen sie ihn als ihre Lebensader auf dem Feld. VW will schließlich glänzen mit seinem ­Marketing-Tool VfL.

Adrenalin ab Anpfiff

Zumindest in diesem Sommer sei ein Angriff des FC Bayern München nicht zu befürchten, sagt einer, der bei Verhandlungen mit am Tisch sitzt. Zu teuer: Unter 70 Millionen würde Wolfsburg wohl nicht einmal zucken. Also lauert die Konkurrenz. In Madrid. In Barcelona. In Manchester. ­Kevin De Bruyne sagt, er könne sich jede große Liga vorstellen. Er schränkt seinen Markt nicht ein. Würde er nie tun. Er verspüre keinen Druck. Habe er nie verspürt. Auch nicht, als der VfL Wolfsburg 25 Millionen für ihn, den Auswechselspieler beim FC Chelsea, auf den Tisch gelegt habe. Wenn sie so viel für ihn bezahlten, sei das eben so, sagt er. Er trennt da zwischen den Forderungen der anderen und dem, was er selbst von sich erwartet.

Am Samstag in Berlin konnte ihm Fußball-Deutschland ein letztes Mal in dieser Saison auf seine so schnellen Füße gucken. Er war bereit für die große Bühne und schoss das wichtige 2:1 gegen Dortmund.

Ab wann spürt er an so einem bedeutenden Tag das ­Adrenalin pochen? Bei dieser Fragt blickt er erstaunt auf. "Wenn der Schiedsrichter anpfeift." Und davor? "Null. Ich bin wahrscheinlich der entspannteste Spieler in der gesamten Mannschaft."

Dieser Text stammt aus ...

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