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Champions League: Bayern München - Wer könnte Heynckes-Nachfolger werden?

Löw, Klopp, Favre, Slomka, Mourinho... für den Trainerjob bei Bayern in der Zeit nach Jupp Heynckes werden viele Namen ins Gespräch gebracht. Doch wir haben große Zweifel, dass überhaupt einer von ihnen tatsächlich in der Lage wäre, in München eine langjährige Trainer-Ära zu begründen. Der Vorstand ist einfach zu dominant.

Jupp Heynckes war als Übergangslösung für Bayern gedacht. Nach den Turbulenzen unter Van Gaal hatte er den FC Bayern wieder in ruhigere Fahrwasser bringen sollen, um nach zweijähriger Amtszeit an einen Nachfolger zu übergeben, der dann eine langfristige Ära einleitet. Doch wir haben große Zweifel, dass Löw, Klopp, Slomka, Favre oder wem auch immer das gelingen kann.

"Unerhörten Gerüchte-Journalismus" wollen wir ebenso wenig betreiben wie schlechte Stimmung vor dem Champions League-Spiel gegen Basel schüren. Doch die Diskussionen der letzten Wochen um die Zukunft von Bayern-Trainer Jupp Heynckes haben uns an einen unserer Artikel von vor ziemlich genau einem Jahr erinnert, in dem wir der Frage nachgegangen waren, warum bei den Bayern seit Ottmar Hitzfelds erster Amtszeit kein Trainer mehr langfristig hat arbeiten dürfen.

Bei aller vorhandener Mitschuld der letztlich gescheiterten und wenig stilvoll entlassenen Trainer Felix Magath, Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal lasteten wir die seit Jahren fehlende Kontinuität auf der Bayern-Bank aber vor allem Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß und ihren internen Machtkämpfen, übergroßen Egos, fehlender Selbstkritik, aber auch der riesigen Erwartungshaltung an (Heynckes überstand 1988 als einziger Coach der letzten 25 Jahre 1988 eine titellose Einstandssaison ohne Entlassung). Daher hatten wir prophezeit, dass wir diesen Artikel 2012 "wohl nur geringfügig abändern müssten, um ihn der aktuellen Lage anzupassen".

Et voilà, da sind wir, 12 Monate später und mittendrin in einer erneuten Trainerdebatte bei Bayern München. Doch diesmal ist die Situation anders gelagert. Kritik an Heynckxes kommt vornehmlich von außen, von Fans und Medien, auch wenn hinter den Kulissen heiß diskutiert worden sein soll, zumindest öffentlich hält sich der Vorstand diesmal zurück. Stattdessen drohte er Journalisten, die über Entlassungsgerüchte berichten, mit einem gerichtlichen Nachspiel. Fragwürdig. Ob diese Rückendeckung wirklich nur der Hoeneß-Freundschaft zu Heynckes geschuldet ist und ob sie bis zum Vertragsende 2013 Bestand haben wird, wird der weitere Saisonverlauf zeigen.

Bayern-Trainer: Die schönste Aufgabe der Welt?

Der Job als Bayern-Trainer ist laut Hoeneß "die schönste Aufgabe der Welt, weil es keinen Club gibt, wo ein Trainer so viel Unterstützung und Verständnis, so viel Wärme und Backup kriegt." Doch die bekommt man in dieser Funktion nur, solange man auch wie vom Vorstand gewünscht funktioniert. Mittel- bis langfristige Entwicklung ist das Ziel, kurzfristige Erfolge jedoch Grundvoraussetzung, um überhaupt im Amt bleiben zu dürfen. "Über zwei, drei, vier Jahre eine Mannschaft formen", wie Hoeneß einst die Vorstellung eines idealen Bayern-Coaches umriss, durfte seit Hitzfeld bei Bayern keiner mehr.

Blieben Erfolge in den letzten Jahren aus, setzte sich in München der immer gleiche Teufelskreis in Bewegung. Die Medienlandschaft wurde unruhig, übte Druck auf den Club aus, spätestens dann schrillten bei Hoeneß und Co. die Alarmglocken. Geduldiges Abwarten? Fehlanzeige, Aktionismus regierte. Dem Trainer wurden notfalls auch öffentlich wohlgemeinte Hilfestellungen gegeben, um ihn - bei weiter ausbleibenden Resultaten - für "beratungsresistent" zu erklären und einen neuen zu installieren.

Ein großes Dilemma, schließlich stellt alles unterhalb des Titelgewinns bei einem erfolgsverwöhnten Club wie Bayern schon eine Enttäuschung dar. Und da Hoeneß bei nachlassendem Erfolg sofort körperliche Schmerzen beklagt, ist der Spielraum eines jeden Trainers, das Team nicht nur auf das nächste Spiel vorzubereiten, sondern auch mit einer zukunftsträchtigen Philosophie auszurüsten, begrenzt.

Spielerische Varianten brauchen Zeit

Leverkusens Trainer Robin Dutt erklärte das kürzlich in der FAZ am Beispiel seiner täglichen Arbeit so: "Man kann sich zum Beispiel im Training auf zwei, drei offensive Varianten konzentrieren und immer wieder üben, bis sie wirklich sitzen. Das wird gegen 70 Prozent der Mannschaften auch reichen. Aber in einem Spitzenduell, wo Dortmund eben zehn Varianten hat, wird es eng für uns."

Um irgendwann aus einem ebenso großen Varianten-Fundus schöpfen zu können, brauche man daher vor allem Zeit. "Also stellt sich die Frage für den Trainer: Konzentrierst du dich auf drei Varianten und holst 70 Prozent der Punkte oder riskierst du eben vielleicht nur 60 Prozent der Punkte zu machen, weißt aber, dass du morgen 90 Prozent holen kannst", so Dutt.

Auf Bayern übertragen heißt das: Soll die Mannschaft variantenreicher auftreten und attraktive Spielweise und erfolgreichen Fußball verbinden können, muss der Trainer auch die Möglichkeit bekommen, entsprechende Maßnahmen einzuleiten, um auch für die Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben - auch wenn das zu Lasten kurzfristiger Resultate geht. Jürgen Klopp hat Dortmund schließlich auch nicht in einer Saison erbaut, sondern den BVB mittelfristig in der Bundesliga-Spitze etabliert und als langfristiges Ziel Europa im Auge - bei zugegeben deutlich weniger Erfolgsdruck.

Heynckes konservativ statt visionär

Bayern war 2010 eigentlich auf einem guten Weg. Bei aller berechtigten Kritik an Van Gaals Sturheit, die im zweiten Jahr unter seiner Führung in einigen sportlich fragwürdigen Entscheidungen mündete, aber möglicherweise auch nur der Provokation von Hoeneß diente, in der ersten Saison hatte er großen Erfolg, formte zudem die Talente Thomas Müller und Holger Badstuber zu Nationalspielern und Bastian Schweinsteiger zur Weltklasse.

Der Niederländer hatte ein Konzept, deswegen war ja auch sein Vertrag vorzeitig verlängert worden. Im zweiten Jahr erwies er sich für Hoeneß als nicht mehr lenkbar. Der Erfolg hatte ihn noch sturer gemacht, auf einmal widersetzte er sich den Anordnungen der Chefs, versuchte mehr auf Grundlagenarbeit als Basis für langfristige Erfolge zu setzen. Van Gaal wurde zum Abschuss frei gegeben, womit nach Klinsmann binnen zwei Jahren auch das zweite visionäre Konzept gescheitert war. Mit Heynckes entschieden sich Hoeneß und Rummenigge für den Schritt zurück, wollten mit konservativen Methoden den kurzfristigen Erfolg sichern. Ausgang noch ungewiss.

Will Bayern aber entsprechend der eigenen Erwartungshaltung und Anspruch sich wirklich langfristig in Europas Spitze etablieren, muss die Mannschaft zukunftsfähig gemacht werden. Der FC Barcelona und vor allem Manchester United zeigen, was Kontinuität und ein tragfähiges Konzept letztlich bewirken können. Dazu müsste aber ein dauerhaftes Umdenken in der Führung her, auch einmal trotz öffentlicher Widerstände an einem Trainer festzuhalten. Wie das Beispiel Chelsea zeigt, ist der große Wurf sonst einfach nicht möglich.

Favre, Slomka, Löw - Wer wird nächster Bayern-Trainer?

Möglicherweise muss dazu erst das Ende der Ära Hoeneß/Rummenigge abgewartet werden. Vorher wird der kaum zu realisierende Spagat aus langfristiger Entwicklung des Teams und kurzfristigem Erfolg weiter versucht werden. Nur mit wem? Potentielle und fachlich kompetente Kandidaten für die Heynckes-Nachfolge gibt es angeblich viele. Doch kann irgendeiner von ihnen tatsächlich die enormen Anforderungen bei Bayern München erfüllen? Schließlich müsste er nicht nur perfekt im Umgang mit der Presse sein, auf Anhieb in allen Wettbewerben erfolgreich sein und zudem die Mannschaft auch noch begeisternden Fußball spielen lassen.

Die Medienarbeit würde der eloquente Mirko Slomka locker meistern, er hat sich zudem in Hannover einen starken Ruf erspielt und wäre jemand, der nicht ein bestimmtes taktisches Konzept durchdrücken will, sondern sich am vorhandenen Spielermaterial orientiert. Aber hätte er das nötige Standing, um sich zwischen den Alphamännchen in München behaupten zu können? Oder Rummenigge-Freund Lucien Favre, angeblich der derzeitige Favorit. Fachlich über jeden Zweifel erhaben, gilt er als akribischer Arbeiter, bemängelte aber erst kürzlich, dass perspektivisches Arbeiten in der Bundesliga unter dem riesigen Erfolgsdruck leide. Warum sollte er dann zu Bayern gehen, wo er doch außerdem nicht unbedingt Fan von ausladender Pressearbeit ist?

Oder Jogi Löw im Falle eines EM-Siegs? Unwahrscheinlich. Zum einen wäre die Zeit zwischen EM-Ende und Bundesliga-Start zu kurz, um sich auf diese Arbeit vorzubereiten. Zum anderen würde sich Löw jegliche Einmischung in seine Arbeit von Seiten der Vorgesetzten verbieten. Ein Grund, der auch gegen die Lösung Matthias Sammer oder eine ohnehin eher unwahrscheinliche Verpflichtung von José Mourinho oder Pep Guardiola sprechen würde.

Beide würden im Falle eines Club-Wechsels sicher eher andere Ziele als die Bundesliga bevorzugen. Außerdem favorisiert man bei Bayern seit Giovanni Trapattonis Zeiten eher fließend Deutsch sprechende Trainer. Womit auch Rafa Benitez, Fabio Capello oder der bei Chelsea gescheiterte Andre Villas Boas ausscheiden und wir bei Arséne Wenger wären. Doch an dem missfiel Hoeneß laut n-tv.de schon vor ein paar Jahren, dass "der noch nie einen internationalen Titel gewonnen hat".

Klopp ohne Interesse an Bayern-Bank?

Der angebliche Bayern-Wunschkandidat Jürgen Klopp hat erst kürzlich seinen Vertrag bis 2016 beim BVB verlängert. Angesichts des stetig voranschreitenden Entwicklungsprozesses und der angenehmen Arbeitsbedingungen dort gäbe es eigentlich auch keinen Grund für ihn, den Vertrag zu brechen, um nach München zu wechseln. Oder haben sie Aki Watzke oder Michael Zorc Klopp schon einmal via TV Aufstellungstipps geben hören?

Beim BVB gehen die Uhren etwas anders. Und wenn die Bayern-Bosse ihr Prozedere nicht ändern, bleibt ihnen wohl nur das, was Franz Beckenbauer vor einem Jahr nach dem Rausschmiss von Van Gaal bei sky90 erklärt hatte: "Irgendwo in Niederbayern gibt es einen Holzschnitzer. Wir sollten uns einen Trainer schnitzen − das ist die beste Lösung." Denn der Trainer, der im Stile einer Eierlegenden Wollmilchsau alle Ansprüche der derzeitigen Bayern-Bosse auch wirklich erfüllen kann, muss wohl erst noch geboren werden.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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