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Champions League: Die Zeit nach Jose Mourinho - Chelsea und Inter in der Krise

Nach dem großen Erfolg kommt der große Kater. Vor allem die Clubs von José Mourinho scheinen nach seinem Weggang in die Krise zu schlittern. Chelsea verschliss seit dem Mourinho-Abgang 2007 fünf Trainer, bei Inter waren es gar fünf in nur zwei Jahren. Hinterlässt Mourinho verbrannte Erde?

Trotz des vermutlichen Erfolges von Chelsea im Viertelfinale der Champions League durchlebt der Verein eine Krisen-Saison. Nicht die erste, seit dem Abgang von José Mourinho. Die Post-Mourinho-Bilanz ist auch bei Inter Mailand zumindest in Sachen Kontinuität ein Desaster.

Chelsea verschliss sechs Trainer seit dem Abgang des Portugiesen 2007. Bei Inter waren es gar fünf Trainer in nur zwei Jahren nach dem Titelgewinn in der Champions League 2010. Hinterlässt Mourinho verbrannte Erde? Wir haben uns die Krise bei Chelsea und Inter angesehen und fragen uns, welchen Anteil der ehemaligen Erfolgscoach daran hat.

Chelsea unter José Mourinho (2004–2007)

Zeitgleich mit der Verpflichtung von José Mourinho setzte 2004 ein Umbruch an der Stamford Bridge ein, der bis heute seine Spuren trägt. Viele alte Recken verließen damals den Verein. Die Zeiten von Marcel Desailly, Jimmy Floyd Hasselbaink, Emmanuel Petit, Mario Stanic und Winston Bogarde waren vorbei. Die Neuverpflichtungen hießen Didier Drogba, Ricardo Carvalho, Alex, Paulo Ferreira, Arjen Robben und Petr Cech.

Mit den bereits ein Jahr zuvor geholten Joe Cole und Claude Makélélé bzw. Frank Lampard (2001 verpflichtet) und John Terry (kam 1999 als 18-Jähriger aus der eigenen Jugend) war das neue Chelsea geboren. Unter Mourinho holten die Blues zwei Meistertitel (2005, 2006), den FA-Cup (2007) und zwei Mal den Ligapokal (2005, 2007). In der Champions League erreichte Mourinho zwei Mal das Halbfinale (2004/05 und 06/07), scheiterte einmal im Achtelfinale (05/06).

Seine insgesamt erfolgreiche Zeit endete zwar ohne den ersehnten Champions League-Titel. Als der Club sich von ihm trennte, hinterließ er jedoch eine intakte und starke Mannschaft. Als Mourinho Chelsea verließ, war das Gerüst der Mannschaft im besten Alter: Petr Cech (25 Jahre), Ashley Cole (27), Ricardo Carvalho (29), John Terry (27), Michael Essien (25), Frank Lampard (29), Joe Cole (26) und Didier Drogba (30). Einzig Claude Makélélé (35) beendete die Karriere und Michael Ballack (31) und Andriy Shevchenko (31) gehörten zu den älteren Spielern.

Die Post-Mourinho-Ära

Mit No-Name-Coach Avram Grant verpasste Chelsea nur ein Jahr nach Mourinho um ein paar Grashalme den Champions League-Sieg. Im Elfmeterschießen scheiterte John Terry, nachdem er ausgerutscht war und Manchester United holte den Titel. Chelsea war also auch in der Post-Mourinho-Ära erfolgreich, holte 2009, 2010 dem FA-Cup und wurde 2010 erneut Meister. Der Umbruch wurde also später verpasst, nicht unter Mourinho.

Derzeit ist das Grundgerüst des Chelsea-Teams überaltert: John Terry (31), Ashley Cole (31), Paulo Ferreira (33), Frank Lampard (33), Florent Malouda (31), Didier Drogba (34). Zwar wurde der Anfang für eine neue Spieler-Generation durch einige Transfers gemacht, doch blockieren die alten Haudegen die Stammplätze bzw. die Entwicklung einer neuen Hackordnung innerhalb des Teams.

Die Newcomer des Teams um Daniel Sturridge (22), Ramires (25), Oriol Romeu (20), Gary Cahill (26), David Luiz (24) und Fernando Torres (28) werden noch durch die Platzhirsche beherrscht. Der taktischen Radikalkur des vor Kurzem entlassenen Trainers André Villas-Boas verweigerten sich die defensiv orientierten ehemaligen Mourinho-Spieler erfolgreich. Der fehlende Umbruch, das Trainerchaos nach Mourinho (sechs Trainer seit 2007) sind wohl die Hauptgründe für die derzeitige Misere.

Inter Mailand unter José Mourinho (2008-2010)

Am 2. Juni 2008 vermeldete Inter Mailand die Verpflichtung von José Mourinho als Trainer für die kommende Saison. Vorgänger Roberto Mancini hinterließ eine erfolgreiche Mannschaft, die drei Mal in Folge den Meistertitel geholte hatte (2005,2006,2007). Das Team bestand im wesentlichen aus den Spielern Iván Córdoba , Cristiano Zanetti, Esteban Cambiasso, Julio Cruz, Adriano, Júlio César, Wálter Samuel, Dejan Stankovic, Luís Figo, Maicon, Patrick Vieira und Zlatan Ibrahimovic.

Mourinho tätigte im ersten Jahr keine wesentlichen Neuverpflichtungen. Die eingespielte Mannschaft wurde auch unter Mourinho zwei Mal Meister (2008, 2009). Den italienischen Pokal, den Mancini zuvor zweimal gewann (2004, 2005), konnte der Portugiese nur einmal hinzufügen (2010).

Zur Saison 2009/10 nahm Mourinho einen Schnitt vor. Luís Figo beendete seine Karriere, der Vertrag mit dem Angreifer Adriano wurde aufgelöst und Zlatan Ibrahimović ging zum FC Barcelona. The Special One tätigte in diesem Jahr einige Schlüsseltransfers. Er holte Lúcio, Thiago Motta, Wesley Sneijder, Samuel Eto'o und Diego Milito. Mit den neuen Spielern und dem alten Gerüst gelang dem Champions League-Sieger-Coach von 2004 (FC Porto), was ihm mit Chelsea noch verwehrt geblieben war.

CL-Titel geholt, Zenit überschritten 

Mourinho holte den größten Vereinstitel Europas zum zweiten Mal in seiner Karriere. 2010 wurde im Endspiel Bayern München mit 2:0-besiegt. Zwar war das Team immer noch durchsetzt mit Spielern aus der Mancini-Ära, doch Mourinho hatte mit einigen Schlüsseltransfers seine Duftmarke gesetzt. Direkt nach dem Endspiel verkündete er seinen Abschied in Richtung Real Madrid. Doch er hinterließ ein Team, das nur zu einem geringen Teil erneuert war.

Im Grunde hatten die meisten Spieler ihren Zenit überschritten, oder waren saturiert. Mit Iván Córdoba (34 Jahre), Javier Zanetti (37), Lúcio (32), Wálter Samuel (33), Dejan Stankovic (32), Esteban Cambiasso (30) und Diego Milito (31) gab es vor der Saison 2010/11 zu viele alte Wölfe und zu wenig junges Blut. Vermutlich war Mourinho die Kaderstruktur und die Folgen nur allzu bewusst. Nach seinem Wechsel zu Madrid hinterließ er ein schwer zu bestellendes Feld.

Schalke-Pleite war bezeichnend 

Der Kader wurde mit vereinzelten jungen Spielern aufgestockt. Giampaolo Pazzini (25), Andrea Ranocchia (22), Yuto Nagatomo (23) und Jonathan Biabiany (22) kamen. In der Champions League offenbarte Inter bei der 2:5-Heimpleite gegen Schalke 04, wie überaltert vor allem die Abwehr war. Zudem setzte auch bei dieser Mourinho-Station das Trainerchaos nach seinem Abgang ein. Fünf Trainer in nur zwei Jahren, das kann kein Erfolgsrezept sein. Rafael Benítez, Leonardo, Gian Piero Gasperini und Claudio Ranieri taten sich allesamt schwer mit dem Mourinho-Erbe.

Nun soll es Andrea Stramaccioni richten. Doch die Probleme sind geblieben. Lúcio (33), Wálter Samuel (34), Cristian Chivu (31), Javier Zanetti (38), Esteban Cambiasso (31) Dejan Stankovic (33) gehören immer noch zum Stamm der Mannschaft. Dazu kommt die Formschwäche einiger Leistungsträger (z.B.: Wesley Sneijder) und Abgänge, die nicht man nicht gleichwertig ersetzen konnte (Samuel Eto'o, Thiago Motta).

Mourinho hinterließ überaltertes Team

Mourinho ist vor dem großen Schnitt geflohen. Er wusste wohl, dass eine solche Maßnahme viel Geld kostet und nicht in einer Transferperiode zu erledigen ist. Spielern, die noch lange Vertrag und schon ein gewisses Alter haben, sind kaum zu transferieren. Seine Nachfolger konnten in diese Richtung nur wenig Akzente setzen. An der Krise in Mailand hat Mourinho sicherlich sein Zutun. Er hätte früher den Verjüngungsprozess des Kaders einleiten müssen.

Sein Plan mit den alten Haudegen etwas zu erreichen, auch mit den neuen alten Spielern (Lucio, Milito), die es 2010 allen noch einmal beweisen wollten, ging auf. An dem Erbe haben die Trainer nach ihm zu tragen gehabt. Es liegt aber vielleicht auch in der speziellen Beziehung begründet, die Mourinho zu seinen Teams pflegt, dass es die Trainer nach ihm schwer haben.

Drogba weinte um Mourinho 

Didier Drogba soll nach der Entlassung Mourinhos in Tränen ausgebrochen sein. Über Drogba und Frank Lampard schrieb die Daily Mail damals: "Diese zwei Spieler sind wie Joses Blutsbrüder.“ Ist Mourinho in der Öffentlichkeit und beim Gegner aufgrund seiner Arroganz oft sehr unbeliebt, reden seine Spieler meist ganz anders von ihm. "Wir sollten uns über Menschen wie Mourinho freuen. Man kennt ihn eben nicht, wenn man nicht täglich mit ihm arbeitet“, sagte Wesley Sneijder einst laut goal.com.

"Für Jose Mourinho hätte ich rausgehen und töten können", äußerte sich Zlatan Ibrahimovic zu seinem ehemaligen Trainer. Auch der deutsche Mesut Özil hat eine hohe Meinung von seinem Coach. "Mourinho ist wie ein Vater für mich. Er ist ein toller Lehrer und ein sehr starker Charakter. Er kümmert sich um das Wohlergehen jedes einzelnen Spielers“, lobt ihn auch Mesut Özil gegenüber bild.de. Verlässt ein solcher Übervater sein Team, kann es zu verweigerter Gefolgschaft beim nächsten Trainer kommen.

Der Post-Mourinho-Hangover 

Die spezielle Art des Jose Mourinho und seine besondere Beziehung zu seinen Spielern ist sicherlich ein Grund, warum die Mannschaften nach seinem Abgang mitunter an einem Saison übergreifenden "Hangover" leiden. Die Beispiele zeigen, dass die Hauptursachen bei der Clubführung liegen. In London wurde der Neuaufbau nicht radikal genug betrieben, dem jeweiligen Trainer zudem nicht genug Vertrauen und Zeit entgegen gebracht.

Bei Inter Mailand verließ Mourinho selbst ein überaltertes und sattes Team. Eine trainerübergreifende sportliche Planung wurden in Chelsea und Mailand verpasst. Zudem wollte man oft kurzfristig und mit Gewalt von Mourinhos Spielstil weg. Der Portugiese pflegte bei Chelsea und auch in Mailand eine defensive Grundausrichtung.

Mourinhos Erfolg: Nicht immer schön anzusehen 

Seine Teams boten oft nicht den attraktivsten Fußball. Die Mannschaft und der Kader waren auf dieses Spiel eingestellt. Der jeweilige Coach tat sich dann schwer, mit einem neuen offensiven Stil auf Anhieb erfolgreich zu spielen. Mit John Terry und Frank Lampard hochzustehen, Pressing zu spielen, wie es AVB wollte, das konnte nur schief gehen. Ebenso die Versuche von Gian Piero Gasperini mit einem 3-4-3-System erfolgreich zu sein. Eine Taktik, für die der Kader gar nicht ausgelegt war. Doch man wollte attraktiven Offensivfußball sehen.

Den Clubs fehlt oft eine langfristige sportliche Vision, wie eine langfristige Kaderplanung. Aktuelle Erfolge (Chleseas Meisterschafts-Ära/Inters Treble-Gewinn) versperren die Sicht für die Leistungsfähigkeit des Kaders. Die Reißleine wurde zu spät, bzw. noch gar nicht gezogen. Für Jose Mourinho wird der Siegeszug unterdessen wohl weitergehen. Er wird in diesem Jahr sehr wahrscheinlich spanischer Meister und hat noch alle Chancen, auf den Champions League-Titel. Es wäre sein dritter, das hat noch niemand vor ihm geschafft. Damit wäre er nicht nur "The Special One", sondern "The Only One"!

Michel Massing

sportal.de / sportal

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