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Erster Jahrestag: Absturz des Fußballclubs Chapecoense: Das ist aus den Überlebenden geworden

Es war eine kaum fassbare Tragödie: Vor einem Jahr stürzte das brasilianische Fußballteam Chapecoense auf dem Weg zum Finale des Südamerika-Cups mit dem Flugzeug ab. Sechs Menschen überlebten. Sie wurden zum Symbol des Neuanfangs.

Absturzstelle kurz vor Medellín in Kolumbien: Kurz vor dem Crash medlet der Pilot dem Tower ein "Treibstoff-Problem"

Die Absturzstelle kurz vor Medellín in Kolumbien: Bei dem Unglück starben 71 Menschen, darunter nahezu die komplette Fußballmannschaft des brasilianischen Vereins Chapecoense

Rafael Henzel feiert in diesem Jahr erstmals zwei Geburtstage, den 44. und seinen ersten. Er führt in seinem Twitter-Profil zwei Geburtsdaten auf: "Nascido em 25/08/1973 e 29/11/2016". Der Radioreporter wurde am frühen Morgen des 29. November 2016 am Berg "El Gordo" lebend aus dem Trümmerfeld geborgen, nachdem Flug LaMia 2933 abgestürzt war. Um ihn herum fast nur Tote.

Es war ein Ereignis kaum zu überbietender Tragik, mit 71 Toten und nur sechs Überlebenden. Einer davon war Henzel, der für den Sender Rádio Oeste Capital über das Spiel der Spiele des brasilianischen Provinzclubs Chapecoense berichten wollte: das Hinspiel um die Copa Sudamericana gegen Atlético Nacional aus Medellín. Nie zuvor hatte der 1973 gegründete Fußballverein das Finale des Südamerika-Cups erreicht, dann kam es zur Tragödie in Kolumbien.

Chapecoense erfährt weltweite Solidarität

Allein 19 Fußballer starben bei dem Absturz, dazu Teambetreuer, Funktionäre und mitreisende Journalisten. Neben Henzel überlebten Mittelfeldspieler Alan Ruschel, Torwart Jackson Follmann, Abwehrspieler Neto und zwei Besatzungsmitglieder. Ende August empfing Papst Franziskus eine große Delegation des Vereins zur Audienz. Weltweit erfuhr "Chape" eine Welle der Solidarität, man gewann Zehntausende neue Clubmitglieder.

Aber Frauen haben ihre Männer verloren, Kinder ihre Väter. Die Bilder eines ganzen Stadions, das beim Anblick der Särge auf dem grünen Spielfeld weinte, gingen um die Welt. Die Stadt Chapecó im Süden Brasiliens rückte eng zusammen, aber die Wunden heilen nur langsam. Auch der sportliche Neubeginn ist schwer. Zwei Trainer mussten gehen, nach langem Abstiegskampf feierte "Chape" in Brasiliens Serie A erst kurz vor dem Jahrestag den Klassenerhalt.

Marc-André ter Stegen: "Wir sind alle Chape"

Eines der emotionalsten Ereignisse in diesem Jahr "null" war für den Club sicher das Freundschaftsspiel im August gegen den FC Barcelona: 252 Tage nachdem Alan Ruschel in den Trümmern des Flugzeugs in Kolumbien gelegen hatte, um ihn herum tote Mannschaftskameraden, stand Ruschel neben Weltstar Lionel Messi im Camp Nou und spielte wieder Fußball. Die Zeitung "O Globo" schrieb: "Sieg des Lebens".

Torwart Follmann musste dagegen der rechte Unterschenkel amputiert werden, er ging im Camp Nou mit einer Prothese auf den Rasen und durfte mit Neto einen symbolischen Anstoß ausführen. Neto hofft für 2018 auf ein Comeback. Messi posierte mit ihnen, der deutsche Barça-Torwart Marc-André ter Stegen schrieb: "Somos todo Chape" - "Wir sind alle Chape". Dass Chapecoense 0:5 verlor, war Nebensache.

Ruschel hatte riesiges Glück. Er sollte im Flugzeug auf einem anderen Platz sitzen, tauschte mit einem Kollegen, der starb, und setzte sich zu Follmann. Als er nach 35 Minuten in Barcelona nicht mehr konnte und ausgewechselt wurde, sank er auf den Rasen, streckte die Zeigefinger gen Himmel, ein Dank an Gott. Auf der Tribüne saß Rafael Henzel und kommentierte das Spiel für Rádio Oeste Capital.

Zufall rettete auch Reporter Henzel das Leben

Dass Henzel heute wieder am Mikrofon sitzen kann, ist ein Wunder. Er redet viel über die Tragödie - und hat ein Buch geschrieben. Für ihn ist es die "größte Tragödie im Weltsport" in jüngerer Zeit. Und der Schuldige ist für ihn klar: der Pilot von Unglücksflug LaMia 2933, Miguel Quiroga. Er starb auch, Quiroga hatte nach Einschätzung der Ermittler - womöglich aus Spargründen - auf einen Tankstopp in Bogotá verzichtet. Wegen Spritmangels stürzte das Charterflugzeug der bolivianischen Gesellschaft LaMia wenige Kilometer vom Flughafen entfernt bei Medellín ab. Im Flugzeug hatte es keine Panik gegeben - denn dort bekam man gar nicht mit, wie dramatisch die Lage war. Weil kein Sprit mehr an Bord war, explodierte der Flieger auch nicht. 

Henzel sagte jüngst im brasilianischen Fernsehsender Rede TV der Journalistin Marinana Godoy erstmals, durch was für einen Zufall auch er überlebt hat. Denn wenige Wochen vor der Tragödie war Superstar Lionel Messi mit Argentiniens Nationalelf mit genau dem gleichen Charterflieger geflogen. Der Kollege Renan Agnolin von seinem Sender Radio Oeste wollte gerne auf dem Platz sitzen, auf dem zuvor auch Messi saß. Henzel setzte sich woanders hin, Agnolin starb mit 27 Jahren. "Renan Agnolin hat mein Leben gerettet", sagt Henzel.

Angehörige kämpfen noch immer um Entschädigung

Leid und Schmerzen bleiben; vieles ist ungeklärt. Mehrere Witwen baten zuletzt den früheren brasilianischen Fußballstar und heutigen Senator Romario um politische Unterstützung, da die Verfahren um Entschädigungen und die Bestrafung der Verantwortlichen wegen der drei beteiligten Länder Kolumbien (Unfallort), Bolivien (Sitz der Airline) und Brasilien (Land der Opfer) nur schleppend vorankommen. So gibt es Zweifel, ob die auf dem Papier angegebenen Besitzer von LaMia die Eigner sind - und wer nun zur Rechenschaft zu ziehen ist.

Flugzeugfenster

Ein besonderes Ereignis auf dem Weg zurück zur Normalität war sicher die Reise des mit mehr als 20 Spielern neuformierten Teams im Mai nach Medellín, dorthin, wo das Flugzeug am 28. November 2016 um 22.15 Uhr Ortszeit abgestürzt war. Erneut sollte es gegen Atlético Nacional gehen, dieses Mal kam "Chape" an, spielte und wurde von den Fans in Kolumbien gefeiert. "Chape" verlor 1:4, das war aber vollkommen egal.

Rührende Gesten von Atlético und Medellíner Bürgern 

Beide Vereine verbindet seit der Tragödie eine tiefe Freundschaft. Medellín überließ "Chape" den Titel der Copa Sudaméricana 2016. Der Absturzberg wurde in "Cerro Chapecoense" umbenannt. Damals raubten Plünderer im Trümmerfeld Uhren, Computer, Trikots und Schuhe, nach und nach tauchten die Gegenstände auf Märkten auf. Es bildete sich eine Bürgervereinigung, die die Dinge wiederbeschaffte - rund 200 Gegenstände wurden im Mai zurückgegeben. "Aus einer großen Traurigkeit und Tragödie erwächst die Möglichkeit zu einer großen Freundschaft", sagte Medellíns Bürgermeister Federico Gutiérrez.

An Bord des zweiten Medellín-Fluges war neben Torwart Follmann auch wieder Radioreporter Henzel. "Wir sind so glücklich, zum ersten Mal hier anzukommen", sagte er. Es war ein großes Stück Traumabewältigung.

Am Montag psotete Henzel auf Twitter ein Bild, auf dem Atlético Nacional zu einer Gedenkveranstaltung in Medellín am Jahrestag der Katastrophe einlädt. Dazu schrieb der Reporter: "Mein ewiger Respekt für die Kolumbianer, die für unsere Kollegen gebetet und uns umarmt haben. Danke."

mad/Georg Ismar, DPA

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