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DFB-Pokalfinale Borussia Dortmund will das Double


Festtag für alle deutschen Fußball-Fans. Heute steht in Berlin das mit Spannung erwartete DFB-Pokal-Finale zwischen dem deutschen Meister Borussia Dortmund und Rekordchampion FC Bayern München an.

Als Leicester Citys Außenverteidiger Len Chalmers sich nach einer Viertelstunde des FA Cup-Finals von 1961 das Bein brach, war das für ihn eine schmerzhafte Tragödie. Für sein Team bedeutete es zudem faktisch schon die Niederlage gegen den großen Favoriten Tottenham Hotspur, denn damals sah das Reglement des Fußballs noch keine Auswechselspieler vor, so dass die Foxes 75 Minuten lang in Unterzahl spielen mussten.

Tore von Bobby Smith und Terry Dyson gegen Englands späteren Weltmeister-Keeper Gordon Banks bedeuteten am Ende einen 2:0-Sieg in Wembley für die Spurs, die damit das Double holten. Was das bedeutete, lässt sich aus heutiger Sicht kaum noch ermessen. Den Pokalsieg holten die Londoner eine Woche nach dem Ende der regulären Saison, in der das Team um Kapitän Danny Blanchflower sich den zweiten Meistertitel der Clubgeschichte (und den bis heute letzten für Tottenham) gesichert hatte.

So beeindruckt waren die Zeitgenossen von der Leistung, zwei Titel in einer Saison zu gewinnnen, dass die von Billy Nicholson trainierten Spurs als Mannschaft des Jahrhunderts gefeiert wurden, deren "beautiful game" bis heute das Image des Clubs als Gralshüter des attraktiven Angriffsfußballs prägt. Seit 1897 Aston Villa das Double aus Ligatitel und FA Cup gewonnen hatte, war es keinem englischen Club mehr gelungen, das zu wiederholen.

Vom Jahrhundertereignis zum Alltagsgeschehen

Die Leistungsdichte im Profifußball war über weite Strecken des 20. Jahrhunderts wesentlich größer als in unserer Zeit, in der wenige Clubs vor Beginn einer Saison überhaupt für den Gewinn der Premier League in Frage kommen. Allein in den letzten 18 Jahren gab es sechs Doubles in England, im Schnitt also jedes dritte Jahr, seit die Premier League gegründet wurde. Das sind mehr als in den 105 Jahren zuvor im englischen Ligafußball.

Diese Entzauberung des Doubles hat sich auch in anderen Fußballnationen vollzogen, nicht zuletzt in Deutschland. Als der FC Bayern 1969 seinen ersten Bundesligatitel gewann und eine Woche später in Frankfurt den DFB-Pokal gegen Schalke 04, war es erst das zweite Double in der deutschen Fußballgeschichte und das erste seit über 30 Jahren (Schalke hatte 1937 neben dem Tschammerpokal auch noch die Meisterschaft gefeiert). Gerd Müller, der beide Tore im Finale erzielte, traf 30 mal in der Liga für eine Mannschaft, in der Branko Zebec nur 13 Spieler in 34 Saisonspielen einsetzte.

Der defensiv orientierte Fußball der Bayern, deren 31 Gegentore in dieser Saison die damals drittbeste Marke der Bundesligageschichte bedeuteten, sollte tatsächlich eine neue Ära einläuten - die der Bayern-Dominanz, die danach noch 20 Meistertitel und (bis heute) elf Pokalsiege einsammelten. Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Müller und Georg Schwarzenbeck standen bereits in dieser Mannschaft der Münchner in einer wahren Wachablösungssaison, die zugleich mit dem Abstieg von Max Merkels Nürnberger Meisterteam des Vorjahres kulminierte.

Doubles nach Athen tragen

Wie stark die Verhältnisse im modernen Fußball sich verändert haben, zeigt auch in Deutschland ein Blick auf die Zahlen: Bis zum Jahr 2000 gab es vier Doubles in (West-) Deutschland - seither sieben, darunter sechs durch die Bayern.

In Italien könnte Juventus in dieser Saison das vierte Double aus Serie A und Coppa Italia seit 2000 feiern, wenn die Bianconeri am nächsten Wochenende ihr Pokalfinale gegen Napoli gewinnen. Dann hätte es in den letzten 12 Jahren genau so viele Doubles gegeben wie im gesamten 20. Jahrhundert in Italien. Alle vorherigen Clubs, die sowohl den Scudetto als auch den Pokal in der gleichen Saison gewonnen hatten, genießen bis heute mythischen Status in Italien, sei es "Il grande Torino" 1943, das bis heute als beste Mannschaft der italienischen Fußballgeschichte gilt, die Mannschaft, die 1949 beim tragischen Flugzeugunglück von Superga fast komplett getötet wurde. Oder Diego Maradonas Napoli von 1987, sowie Marcello Lippis große Juve-Mannschaft von 1995, die die folgenden drei Champions League-Finals in Serie erreichen sollte.

Unter den großen Ligen war es einzig in Spanien, wo es historisch gesehen meist nur wenige Clubs gab, die um den Titel mitspielen konnten, schon vor den 1960er Jahren üblich, dass Doubles gefeiert wurden. Ein Jahr nach Tottenhams Triumph von 1961 feierte Real Madrid sein erstes Double - aber zuvor war das allein Athletic Bilbao schon viermal geglückt. Insgesamt holte Madrid bis heute vier Doubles aus Liga und Copa del Rey, Barcelona fünf und Athletic ebenfalls fünf. Atlético schaffte es 1996 unter Radomir Antic mit einer Mannschaft, die um den heutigen Coach Diego Simeone und Lubo Penev herum gegen Johan Cruyffs Barcelona das Pokalfinale gewann.

Der Club, der 23 Doubles holte

Noch viel häufiger und unspektakulärer waren Doubles logischerweise in den kleineren Fußballnationen, in denen die Titel meist unter zwei bis drei Großclubs ausgespielt werden. In Schottland holten allein die Rangers schon 18 Doubles, Celtic 13. In Portugal gab es schon 22 Doubles, in den Niederlanden 17. Ungekrönter Doublechampions des Weltfußballs dürfte übrigens Linfield aus Belfast sein, das bereits 23 Doubles in seinem Briefkopf stehen hat.

Soll das alles nun heißen, dass Borussia Dortmund sich des ersten Doubles seiner 103-jährigen Geschichte nicht mehr so richtig freuen sollte? Natürlich nicht. Nur hat diese Errungenschaft ein wenig ihres Glanzes eingebüsst. Woran liegt das denn eigentlich? Vereinfacht gesagt wohl an der Kommerzialisierung in Europas Fußball und den damit einhergehenden Verfestigungen des Status von Spitzenclubs. Früher gab es auch schon Dynastien und große Mannschaften, aber diese waren dann nach Abgang eines Trainers oder dem Karriereende einiger Schlüsselspieler auch wieder vorbei.

Anders seit den 1970er, spätestens aber seit den 1990er Jahren. Jetzt muss man als Club, der dauerhaften Erfolg hat, schon einiges falsch machen, um seinen Platz an der Sonne komplett wieder zu verlieren. Das liegt nicht zuletzt auch an der Champions League, deren gigantische Einnahmen es immer wahrscheinlicher machen, dass ihre Teilnehmer auch im nächsten Jahr wieder dabei sind. Und wenn ein europäischer Spitzenclub erst einmal ein paar Jahre in Folge in der Champions League gespielt hat, dann schwinden die Chancen, dass Konkurrenten ihm in den nationalen Wettbewerben das Wasser reichen können - was den Anwärterkreis auf ein Double radikal verringert.

Selbst das Treble ist nicht mehr einmalig

Kein Wunder also, dass der Heilige Gral des europäischen Topclubs von heute eher das Treble ist - also der Gewinn von Meisterschaft, Pokal und Champions League in einer Saison. Und selbst das ist zuletzt immer wahrscheinlicher geworden. Bis 1999 hatten dieses Kunststück nur Clubs geschafft, die dafür die nationalen Titel in kleineren und weniger umkämpften Ligen bzw. Pokalen holen mussten: Celtic 1967, Ajax 1972 und PSV Eindhoven 1988. Erst Manchester Uniteds Last-Minute-Sieg über den FC Bayern in Barcelona stellte den ersten Treble-Sieg eines Teams aus einer der großen fünf Ligen dar.

Seither haben Barcelona (2009) und Inter (2010) das gleiche geschafft. Wenn also der BVB in Berlin gegen die Bayern gewinnt, dann ist das für Hunderttausende von Fans ein Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Es wird aber nicht die weltweiten Erschütterungen hervorrufen wie Tottenhams Double von 1961, das zu einer Wiederholung des FA Cup Finals zwei Wochen später in voller Länge im amerikanischen Sender ABC führte. Aber selbst das Treble, das Bayern in diesem Jahr nicht vergönnt sein wird, ist ja kein Jahrhundertereignis mehr.

Zeit, sich neue Ziele zu setzen. In England reden Medien gerne ab ca. Mitte Januar vom möglichen Quadruple, wenn ein Club noch Meisterchancen hat und in der Champions League sowie beiden nationalen Pokalwettbewerben vertreten ist. Celtic schaffte genau das übrigens 1967. Aber aus den großen Fußballnationen noch niemand. Jetzt muss aus Dortmunder oder Bayern-Sicht nur noch jemand einen deutschen Ligapokal ins Leben rufen. Dann kann wirklich Geschichte geschrieben werden. Bis dahin: Viel Spaß beim Feiern.

Daniel Raecke, sportal.de sportal

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