Kroatien - Deutschland Die elf Lehren aus der Pleite

Ganz Deutschland diskutiert die Leistung des deutschen Nationalteams. Die 1:2-Niederlage gegen Kroatien hat die Fans und Jogi Löw völlig unerwartet getroffen. Vor dem Zitterspiel gegen Österreich sagt stern.de, was der Bundestrainer jetzt zu tun hat.
Von Volker Königkrämer

Es war ein ziemlich ratloser Joachim Löw, der bei der Rückkehr der deutschen Nationalmanschaft in die Schweiz aus dem Flieger stieg. Wie wohl jeder Fußballexperte hatte auch er mit einer so desolaten Vorstellung der deutschen Mannschaft bei der 1:2-Niederlage gegen Kroatien nicht gerechnet. "Das Warum müssen wir jetzt nochmal in Ruhe analysieren", sagte Löw, der in seinem 24. Spiel als Bundestrainer die dritte Niederlage einstecken musste.

Vor dem entscheidenden Spiel gegen Österreich gilt es jetzt für Löw die Lehren aus dem Debakel von Klagenfurt zu ziehen. Schweinsteiger wird gegen Österreich gesperrt fehlen, aber der Bundestrainer muss auch andere Personalfragen beantworten. Bringt er den zuletzt im Mittelfeld eingesetzten Podolski wieder im Sturm? Hält er in der Defensive an den unsicheren Christoph Metzelder und Marcell Jansen fest? Oder ändert er gar etwas an seinem System? stern.de analysiert, woran der Bundestrainer arbeiten muss.

Die Einstellung

Torwart Jens Lehmann brachte es selbstkritisch auf den Punkt: "Wir haben ohne Herz gespielt", resümierte der Schlussmann. In der Tat agierten die deutschen Spieler ohne die gewohnte Aggressivität und Leidenschaft. Sie kamen immer einen Schritt zu spät, auch in der Körpersprache war nie die gewohnte Dominanz zu erkennen. Es gab, gerade in der ersten Hälfte, kein Aufbäumen. Im Gegenteil, die Deutschen wirkten seltsam eingeschüchtert. Fazit: Die Mannschaft muss neues Selbstbewusstsein tanken, ohne dabei überheblich zu werden.

Die Taktik

Das Pärchen Jansen/Podolski auf links war gegen Kroatien sichtbar überfordert. Podolski wusste nie, wann er stürmen und wann er absichern sollte, sein Zug zum Tor verpuffte über weite Strecken wirkungslos. Jansen fand in Gegenspieler Darijo Srna seinen Meister. Erst mit dem Positionswechse von Philipp Lahm auf die linke Abwehrseite kam ein Hauch (und wirklich nur ein Hauch) von Stabilität zurück. Ein Pärchen Lahm/Hitzlsperger (da Schweinsteiger nach seiner Roten Karte ausfällt) steht zur Debatte. Fazit: Die Neubesetzung der linken Seite steht zur Disposition.

Die Auswechselungen

Die Einwechselung von David Odonkor zur zweiten Halbzeit ist unter den Experten zumindest umstritten. Wie schreibt die "Süddeutsche Zeitung": "Odonkor zu bringen, heißt ja zuweilen mit nur zehn Mann zu spielen – plus einem Turbo-Rasenmäher knapp neben der rechten Seitenauslinie." Bei der WM 2006 im Spiel gegen Polen machte Odonkors Einsatz noch Sinn: Die Polen waren müde damals, ein ums andere Mal kam der Sprinter auf rechts zum Flanken. Die Kroaten hingegen stellten Odonkor humorlos kalt, er kam erst gar nicht dazu, Tempo aufzunehmen. Zum Schluss musste er sogar rechter Verteidiger spielen, was sicher nicht seine Qualitäten ausreizt. Fazit: Odonkors Schnelligkeit ist kein Allheilmittel. Tim Borowski auf der rechten Seite ist eine Option.

Die Außenpositionen

Nicht nur die linke Seite machte gegen Kroatien Probleme. Auch auf rechts fiel Clemens Fritz, gegen Polen noch einer der Stärksten, rapide ab. Seine Vorstöße blieben aus, weil die Kroaten seine Laufwege zustellten. Auch der Wechsel auf die rechte Abwehrposition schaffte keine Stabilität. Mit Arne Friedrich steht ein Ersatzkandidat parat, der zuletzt vom Trainerstab in den höchsten Tönen gelobt wurde: Fazit: Eine Umbesetzung der Abwehr mit Lahm auf links und Friedrich auf rechts könnte für Stabilität sorgen. Dann wäre hinten die WM-Formation wieder komplett.

Das zentrale Mittelfeld

Normalerweise der Motor des deutschen Spiels. Die Leidenschaft kann man sicher sowohl Michael Ballack als auch Torsten Frings nicht absprechen. Doch gerade von ihnen hätte man frühzeitig ein Signal an die Mannschaft erwartet. Nach dem Motto: "Aufpassen, Männer. Das wird hier kein Spaziergang!" Zur Not muss man so etwas auch mal durch ein robustes Tackling deutlich machen. Stattdessen leistete sich Ballack gerade zu Beginn ein paar ungewohnte Abspielfehler und verzettelte sich in Diskussionen mit dem Schiedsrichter. In dem Bemühen, alles richtig zu machen, machte der Kapitän zu viel. Ballack und Frings gelang es nie, das Spiel zu beruhigen bzw. in den richtigen Momenten zu beschleunigen. Fazit: Ballack und Frings müssen zu alter Dominanz zurückfinden und ihr Selbstvertrauen auf die Mannschaft übertragen.

Die Stärke des Gegners

Bei allen Schwachpunkten, die das deutsche Spiel gestern bot, muss man eines neidlos anerkennen: Die kroatische Mannschaft hat ein Klassespiel gemacht. Sie war von Trainer Slaven Bilic hervorragend eingestellt, zeigte sich laufbereit, willig und agressiv. Immer wieder gelang es den Kroaten auf den Flügel eine Überzahlsituation herzustellen, was zu gefährlichen Flanken in den deutschen Strafraum führte. Sie diktierten das Tempo des Spiels, die überfallartigen Attacken aus dem Mittelfeld stellte die deutsche Abwehr immer wieder vor Probleme: Fazit: Das DFB-Team kann es sich nicht leisten, einen Gegner zu unterschätzen. In der Euphorie nach dem Polen-Sieg offenbar geschehen. Deutschland wurde von den Kroaten förmlich überrumpelt.

Mentale Stärke

"Ganz klar: Wir wollen unser Spiel durchbringen." Wie ein Mantra predigt Löw immer wieder die Entschlossenheit der deutschen Mannschaft, die Auftritte bei der EM dominant zu gestalten. Davon war gegen Kroatien nie etwas zu sehen. Die deutschen Spieler reagierten nur, statt zu agieren. Die Elf wirkte phasenweise eingeschüchtert und war dem variablen Spiel der Kroaten hilflos ausgeliefert. Von wegen "ein Spiel dauert 90 Minuten – und am Ende gewinnt immer Deutschland." Von dieser Mentalität war in den 90 Minuten von Klagenfurt rein gar nichts zu spüren. Bei der WM wollten die Deutschen nach der aufpeitschenden Ansprache von Jürgen Klinsmann "die Polen durch die Wand hauen". Gegen Kroatien holte man sich bei dem Versuch eine blutige Nase: Fazit: Ein Stück Emotion aus der Klinsmann-Ära könnte nicht schaden.

Die Innenverteidigung

Sie ist und bleibt das Sorgenkind der deutschen Mannschaft. Christoph Metzelder zeigte sich zwar verbessert, hatte gerade auch im Spiel nach vorne seine Momente. Gleichwohl fehlte hinten die Abstimmung. Laut den allgegenwärtigen Spielanalysten beträgt der ideale Abstand zwischen zwei Spielern in der Abwehrkette etwa acht Meter. Weit genug auseinander, um die Räume zuzustellen, eng genug, um dem Nachbarn bei Bedarf zu Hilfe zu kommen. Im Falle der M&M's wurden die Abstände ein ums andere Mal zu groß, weil sich Metzelder oder Mertesacker aus dem Abwehrverbund herauslocken ließen. Gegen Österreich können solche Defizite vielleicht noch einmal kompensiert werden, im Viertelfinale gegen Portugal ist diese Innenverteidigung so nicht wettbewerbsfähig. Fazit: Stabilität in der Deckung lautet die vorrangige Aufgabe. Der Name Heiko Westermann steht im Raum.

Der Sturm

Vor der EM galten Klose und Gomez als Paar der Wahl. Doch die ersten beiden Auftritte verliefen enttäuschend. Gerade Gomez fand in beiden Partien überhaupt nicht ins Spiel, weder seine Schnelligkeit, noch seine Kopfballstärke kamen zur Geltung. Und Klose bleibt ein Rätsel. Wo er früher gezaubert hat, zaudert er jetzt nur noch. Einzig Lukas Podolski strahlt derzeit Torgefahr aus. Eine Rückkehr zum WM-Sturm Podolski/Klose ist für Löw mehr als nur eine Alternative. Er sollte seine Chance erhalten.

Die Fans

Okay, darauf hat der Bundestrainer nur mittelbaren Einfluss. Aber in Klagenfurt waren die deutschen Fans ihren Mitstreitern aus Kroatien an Zahl und Begeisterungsfähigkeit deutlich unterlegen. Die rot-weiß-karierten Anhänger sangen, brüllten und klatschten ihre Mannschaft voller Inbrunst zum Sieg. Wie ihr Team ergaben sich auch die deutschen Fans beinahe willenlos in ihr Schicksal: Fazit: Mit begeisterndem Fußball gewinnt man auch die Herzen der Anhänger wieder zurück.

Die Favoritenbürde

Bei der WM 2006 war alles ganz einfach: Das deutsche Team entfachte eine Welle der Begeisterung, auf der man bis zu Platz drei ritt. In Österreich hat sich die Mannschaft selbstbewusst zum Turnierfavoriten erklärt. Doch es scheint, als sei das neue Ziel eher eine Bürde, denn Motivation. Fazit: Von Spiel zu Spiel denken! Der Titel kommt dann ganz von selbst.

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