HOME

EM 2012: Kann man ohne Stürmer Europameister werden?

Soll Spanien ohne Stürmer spielen oder mit einem Fernando in der Mitte? Sind Mittelstürmer "unverzichtbar" oder optional? Vor dem Viertelfinale des Welt- und Europameisters gegen Frankreich gehen wir der Geschichte des 4-6-0 nach, beraten unentgeltlich Vicente del Bosque und schlagen eine revolutionäre Taktik vor. Unter anderem.

Die Deutsche Presse-Agentur weiß zum Glück oft schon, wie Debatten, die gerade in der Fußballwelt geführt werden, ausgehen: "Von wegen bedrohte Spezies: Die Mittelstürmer sind bei dieser Fußball-EM unverzichtbar", begann ein Artikel der dpa vor den Viertelfinals der Euro 2012. Unwahrscheinlich, dass Vicente del Bosque das liest. Aber interessant wäre es, die Meinung des spanischen Nationaltrainers zu hören, der das Turnier ohne echten Mittelstürmer begann, als die Roja gegen Italien spielte.

Gegen die Azzurri startete Cesc Fabregas (und teilweise David Silva) als sogenannte "Falsche Neun", also als nomineller Mittelstürmer, dessen Rolle aber mehr darin besteht, aus dem Mittelfeld vorzustoßen. In der zweiten Halbzeit kam dann Fernando Torres von der Bank, vergab aber einige Torchancen. Gegen Irland spielte Torres von Beginn an und glänzte gegen den überforderten Außenseiter mit zwei erstklassig abgeschlossenen Toren.

Im letzten Gruppenspiel gegen Kroatien klappte das dann wieder nicht so gut, erst, als Torres nach einer Stunde ausgewechselt wurde und Spanien wieder ohne Mittelstürmer spielte, gelang der Siegtreffer. Warum spielt man ohne klassischen Angreifer, und was ist in dieser Hinsicht vor dem Spiel gegen Frankreich zu erwarten?

Fünf Stürmer bis null Stürmer - Evolution im Fußball

Klassischerweise wäre es im Fußball als absurd angesehen worden, ohne Stürmer zu spielen. In der Frühzeit des Sports gab es bis zu fünf Angreifer auf dem Feld, was im Laufe der Jahrzehnte immer weiter reduziert wurde, wie Jonathan Wilson in seinem Standardwerk "Inverting the Pyramid" beschrieben hat. In den letzten zehn Jahren waren Systeme mit nur einer echten Spitze vorherrschend, oder nominelle 4-3-3-Formationen, in denen aber ja meist auch nur ein Mittelstürmer operiert.

So weit, so gut, aber nicht automatisch so defensiv. Die simple Gleichung "Je mehr Stürmer, desto mehr Angriffsspiel" haben wir nicht zuletzt anhand von Berti Vogts beim deutschen WM-Aus gegen Kroatien 1998 schon diskutiert, als Deutschland trotz Unterzahl nach Christian Wörns' Platzverweis mit vier Stürmern spielte (Jürgen Klinsmann, Ulf Kirsten, Oliver Bierhoff und Olaf Marschall). Das Spiel endete 0:3.

Aber auch Russland warf gegen Griechenland in der Schlussphase des letzten EM-Vorrundenspiels (0:1) am Ende Pavel Pogrebnyak und Roman Pavlyuchenko als Stürmer Nummer drei und vier auf den Platz - mit ähnlich wenig Erfolg, gibt man doch so vor allem komplett die Mittelfelddominanz auf. Damit sind wir schon beim Argument dafür, warum man die Anzahl von Stürmern in einer Mannschaft reduzieren kann oder sollte: Um Überzahl im Mittelfeld zu schaffen.

Francesco Totti - von der Zehneinhalb zur falschen Neun

Aus diesem Grund spielte Luciano Spalletti mit Roma in der Saison 2006/07 eine Art 4-6-0-System, wie Michael Cox im Taktikblog Zonal Marking erinnert. Francesco Totti, ein klassischer Spielmacher, oder höchstens eine "Zehneinhalb", wie man in Italien sagt, fungierte in diesem aus der Personalnot verletzter Stürmer geborenen System als vorderster Spieler, der aber aus dem Mittelfeld kam.

Diese Roma-Mannschaft war auch ein gutes Beispiel dafür, warum 4-6-0-Formationen keineswegs "ultradefensiv" sein müssen, wie der erste Blick vielleicht glauben lässt, sondern im Gegensatz dazu eher für sehr variablen Angriffsfußball stehen können, wenn zahlreiche Spieler aus dem Mittelfeld vorstoßen können und die Verteidiger des Gegners keine Ahnung haben, was sie eigentlich machen sollen.

Das ist ja auch der Grund, warum Mannschaften wie Barcelona oder Spanien ohne echte Stürmer spielen, und nicht, dass sie hinten dicht machen wollen. Hinzu kommt, dass etwa Barcelonas traditioneller "Mittelstürmer" Lionel Messi eigentlich ein Flügelspieler ist, der sich gerne fallen lässt. Und wie sollte nun Del Bosque gegen Frankreich spielen? Mit Torres? Mit Fabregas? Oder noch einer anderen Variante?

Die Antimaterie des Fußballs

Spanien ist die Antimaterie des internationalen Fußballs. Da die Roja (und Barcelona) so überaus erfolgreich waren in den letzten Jahren, haben sich fast alle anderen Mannschaften Wege überlegt, wie man dagegen spielen sollte. Das hat zuletzt im Fall Barcelonas immer besser funktioniert, und Anzeichen dafür, dass es auch im Nationalelfbereich nicht lange so weiter gehen kann, waren sowohl gegen Italien als auch gegen Spanien zu beobachten.

Um so wichtiger, dass Spanien Alternativen zu seinem eingefahrenen Spielsystem besitzt, wie wir bereits nach dem Auftaktspiel würdigten. Diese bestehen einerseits darin, dass mit Flügelspielern wie Jesus Navas die sonst fehlende Breite ins spanische Spiel gebracht werden kann, was man nach den Einwechslungen des Sevillaners gegen Italien und Kroatien beobachten konnte. Aber eben auch in der Hereinnahme eines richtigen Stürmers, der - bei all seinen Schwächen in der Kaltblütigkeit - ganz anders verteidigt werden muss als Fabregas oder Silva.

Wäre David Villa fit, würden sich viele der Probleme gar nicht stellen, denn der Stürmer, der sich bei der Club-WM im Dezember das Bein gebrochen hatte und deshalb nicht mitspielen kann, kam bei der WM in Südafrika gerne von außen in die Mitte, vereinte also Flexibilität im Positionsspiel mit den Attributen eines Goalgetters. Ohne ihn hat Del Bosque drei Optionen für die zentrale Position im Sturm.

Die drei Stürmer der Wahl

Fernando Torres ist die naheliegendste. Seine Form ist zwar leicht verbessert, aber weit von seinen besten Zeiten entfernt - vor allem, was die Abschlussquote angeht. Dass er die technischen Voraussetzungen nicht verlernt hat, bewiesen beide Tore gegen Irland, wobei Richard Dunne und Sean St Ledger kein Maßstab sind.

Fernando Llorente würden viele Fans gerne mit einer Chance in der Startelf sehen, aber der athletische Stürmer von Athletic Bilbao leidet immer noch unter einer Marathonsaison mit den Basken, die erst zwei Wochen vor der EM mit dem Pokalfinale gegen Barcelona als 63. Pflichtspiel auf Clubebene zu Ende ging.

Und dann ist da noch Álvaro Negredo aus Sevilla, der zwar die großen Hoffnungen, die er einst in Almería geweckt hatte, noch nicht ganz erfüllen konnte, aber seine 26 Tore für Sevilla in der Saison 2010/11 waren nicht ohne. Problem: Negredo spielte noch nie in der Champions League und noch nie bei einem großen Turnier. Von seinen sechs Länderspielen bestritt er zwei gegen Liechtenstein und zwei gegen Bosnien-Herzegowina. Ihn als Startstürmer in einem Viertelfinale gegen Frankreich zu bringen, erscheint unnötig riskant.

Frankreichs Stärken und das richtige System dagegen

Frankreich wird, wenn man annehmen darf, dass das schwache Schweden-Spiel nicht die Schablone fürs Viertelfinale darstellt, mit Karim Benzema als einziger Spitze und Samir Nasri dahinter im 4-2-3-1 spielen. Interessanterweise funktionierte Torres wesentlich besser gegen das irische 4-4-2 als gegen die kompakten Mittelfeldsysteme Italiens und Kroatiens. Der Unterschied zwischen Italiens 3-5-1 und Frankreichs zu erwartendem System besteht nicht zuletzt darin, dass Frankreich nicht darauf angelegt ist, die zu verteidigende Zone so zu verengen wie Italien es vermochte.

Das spräche aus spanischer Sicht dafür, das Spiel über die Außen stärker als bisher zu forcieren, ohne aber die Mittelfelddominanz aufzugeben, ohne die das ganze Gebilde in sich zusammenfallen würde. Das wiederum wirft ein neues Dilemma auf: Wenn Jesus Navas rechts zum Einsatz kommt, aber trotzdem nicht auf Andres Iniesta und David Silva verzichtet werden soll, dann gibt es keinen Adressaten für die Flanken von der rechten Seite. Navas' Tor gegen Kroatien fiel, als er selbst von hinten in die Mitte zog und dann Iniestas Ablage verwertete.

Würde man aber Torres (oder Llorente) und Navas gleichzeitig starten lassen, dann müsste wohl neben Fabregas auch noch David Silva auf die Bank, was es leichter machte, gegen Spanien zu verteidigen. Xavi, Sergio Busquets und Xabi Alonso können kaum geopfert werden. Was tun?

el sistema sportal

Uns fallen zwei naheliegende Varianten ein: Entweder Del Bosque geht auf Nummer Sicher und startet wie gegen Italien mit Fabregas als "falscher Neun", Silva rechts, Iniesta links im üblichen System. Stürmer und Flügelstürmer könnte man immer noch im Laufe des Spiels einwechseln.

Oder... Del Bosque geht aufs Ganze und verblüfft mit einem neuen System: einem 3-4-3. So hat Barcelona unter Josep Guardiola in weniger wichtigen Spielen der vergangenen Saison erfolgreich agiert. In der Roja könnte das so aussehen: Sergio Busquets würde als dritter Innenverteidiger zwischen Gerard Piqué und Sergio Ramos rücken. Ramos als fast gelernter Rechtsverteidiger wäre ideal für eine solche Formation - Piqué zugegebenermaßen weniger.

Xavi und Xabi Alonso würden das zentrale Mittelfeld geben, Álvaro Arbeloa rechts und auf der linken, offensiveren Seite der Formation Andres Iniesta. So könnten die drei Angreifer Jesus Navas rechts, David Silva links und einer der beiden Fernandos, Torres oder Llorente sein. Silva zieht eigentlich gerne nach innen auf seinen starken linken Fuß, aber so könnte auch er das Spiel in die Breite ziehen. Eine wahrscheinlich für ein so wichtiges Spiel zu riskante Änderung - oder eine, die Spanien urplötzlich wieder zu einer Angriffsmaschine macht?

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

Wissenscommunity