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EM 2012: Taktikanalyse - Dänemark - Deutschland 1 -2

Mit einer sehr kontrollierten Leistung gewann Deutschland auch sein 14. Pflichtspiel in Serie und steht im Viertelfinale. Was dem einen "mangelndes Tempo" und "fehlende Ideen" sind, ist dem anderen ein perfekt auf die Anforderungen abgestimmter Spielplan. Sie ahnen wahrscheinlich, was unsere Analyse findet.

Deutschland, unser logischer Europameister, steht nach drei Siegen in der Vorrunde im Viertelfinale der EM und trifft dort auf Griechenland. Das Verb des Abends in den deutschen Medien, vor einigen Wochen noch "glanzlos", war heute "zittern", so zu lesen in Sport 1, Spox, und Kicker, unter anderen. Wie Espenlaub zitterte es landauf, landab, vielleicht bedingt durch das, was der Engländer spöttisch "German Angst" nennt.

Trotz des 14. Pflichtspielsieges in Folge herrscht nur in Teilen große Zuversicht in der deutschen Öffentlichkeit. Schade, dass solcher Pessimismus im anhaltenden Erfolgsfall dann auch gerne in Größenwahn umschlägt ("Außer Spanien kann uns niemand gefährlich werden", befand Stefan Kretzschmar in Waldis Club), aber das ist hier ja keine Psychoanalyse, sondern die Taktikanalyse, und als solche wollen wir sie auch mit den üblichen Fragen und Thesen zum Spiel beginnen.

1) Was Dänemark richtig machte

In gewisser Weise spielte Dänemark besser gegen Deutschland als die Niederlande es getan hatten. Gemessen an den begrenzten Möglichkeiten seiner Mannschaft traf Morten Olsen die richtigen Entscheidungen. Diese Perspektive erscheint uns taktisch noch interessanter als die Joachim Löws - denn erstens ist es die größere Herausforderung, als spielerisch und individuell unterlegenes Team in ein Spiel zu gehen - und zweitens musste Dänemark gewinnen, während die Deutschen schon mit einem Unentschieden zufrieden sein konnten, und das als bessere Mannschaft. Dänemark war also gefordert.

Die Elftal hatte am Mittwoch in Kharkiv immer wieder große Räume im Mittelfeld eröffnet, oft standen bei deutschem Ballbesitz vier Oranje-Spieler vor dem Ball - ein Problem, das Bert van Marwijk übrigens auch gegen Portugal nicht in den Griff bekam. Bastian Schweinsteiger bereitete aus den entstehenden Freiräumen beide Tore vor. Um das zu verhindern, stellte Olsen seine Taktik auf 4-1-4-1 um, also mit einem zusätzlichen zentralen Mittelfeldspieler. Dazu zogen sich die Dänen meist tief in die eigene Hälfte zurück, blieben so kompakt und eröffneten Deutschland keinen Raum zwischen den Reihen - in der Theorie hätte es zumindest so laufen sollen.

Praktisch gelang das aber in der ersten Spielhälfte nicht immer. Mit gefälligem Passspiel ließen die Deutschen den Ball laufen und kamen zu einigen guten Chancen, von denen Lukas Podolski aber nur eine verwandelte. Der Preis der dänischen Taktik war jedoch eine große Harmlosigkeit im Offensivspiel, dessen einzige Spitze Nicklas Bendtner durch die hoch postierte deutsche Viererkette seiner Gefährlichkeit mit dem Kopf beraubt war. Nicht umsonst bereitete er den Ausgleich nach einem Standard vor.

Die Ausführung dieser offensichtlich einstudierten Eckenvariante war eine weitere sehr gute Maßnahme Olsens, denn Bendtner hatte sich weit nach hinten orientiert, wo in der deutschen Verteidigung gegen Eckstöße keine kopfballstarken Spieler postiert waren (sondern Schweinsteiger). Bendtner legte mit dem Kopf vors Tor, wo drei andere dänische Spieler vorher mit ihren angetäuschten Laufwegen die scheinbare Raumdeckung irritiert hatten, und Michael Krohn-Dehli köpfte ein.

Nach der Pause stand die dänische Defensive dann immer stabiler, und William Kvist (meist gegen Mesut Özil), Daniel Agger und Simon Kjaer hatten starke Spiele. Das alles klingt gut - hatte aber ein Problem: Dänemark musste das Spiel gewinnen, und wusste das spätestens nach dem portugiesischen Ausgleich gegen die Niederlande Mitte der ersten Spielhälfte.

2) Was Deutschland richtig machte

Wie schon beschrieben, war Deutschland in einer taktisch noch komfortableren Position als gegen die Niederlande. Aus dieser heraus begann die DFB-Elf offensiver, als sie es gemusst hätte, und wurde dann nach dem Ausgleich vorsichtiger. Auffällig war auch hier der Kontrast mit dem Niederlande-Spiel, nur diesmal mit dem dänischen.

Die Elftal war gegen Dänemark auf eine ähnliche Elf getroffen: zunächst defensiv, aber konfus, dann - je länger das Spiel 0:0 stand - immer sicherer. Die Niederländer antworteten darauf mit Schüssen aus allen Lagen - egal, wie aussichtsreich die Schussposition war. Einige Großchancen hätten durchaus auch verwertet werden können, aber es springt ins Auge, dass die Niederlande mehr als 30 Abschlüsse hatten und mit 0:1 verloren. Die einzige andere Mannschaft, die bei diesem Turnier mehr als 30 Schüsse in einem Spiel verzeichnete, war übrigens Russland beim 0:1 gegen Griechenland. In der Champions League davor Bayern und Barcelona jeweils gegen Chelsea.

Deutschland hingegen kam vielleicht auf ein Drittel dieses Wertes. Denn wie gegen Portugal blieb die deutsche Mannschaft geduldig und nutzte ihre Ballsicherheit, um auf die sich bietenden Lücken zu warten. Die tiefe Positionierung der Dänen machte Konter unwahrscheinlich, und wenn einer von ihnen mal versuchte, nach Ballgewinnen schnell nach vorne zu gelangen, dann manchmal mit dem Ball am Fuß, anstatt mit Pässen den Raum zu überbrücken. Das war wiederum dem deutschen Gegenpressing zu verdanken. Wenn man den Ball schon mal in der gegnerischen Hälfte verliert, dann ist es das Beste, sich ihn gleich zurückzuholen - Barcelona Style.

Davon abgesehen kann Deutschland nicht wirklich wie Barcelona spielen, sondern kommt lieber über die Außenbahnen oder kontert, für schnelle Passkombinationen durch die Mitte fehlt ein Lionel Messi oder ein Cesc Fabregas als kongenialer Partner für Özil, das kann Mario Gomez bei all seinen Verdiensten nicht.

Doch zurück zum Spiel gegen Dänemark. Die Einschätzung, Deutschland habe es "an Tempo" oder "an Kreativität" gefehlt, ist wieder so eine Sichtweise, in der Fußball ohne Gegner gespielt wird. Grundsätzlich war das Spiel von der skurrilen Ausgangsbedingung geprägt, dass Dänemark gut spielte, um ein Unentschieden zu erreichen - aber dieses Unentschieden das Ergebnis war, das Deutschland brauchte. So entstand ein interessantes, asymmetrisches Patt, bei dem Deutschland mit geduldigem Spiel nur gewinnen konnte.

Und siehe da - als Dänemark in der Schlussphase aufmachen musste und das auch tat, führte ein Konter zu Lars Benders Siegtor. Wenn man da das Zittern bekommt, dann wird man bis zum Turnierende nicht mehr schlafen können, denn Situationen, in denen ein Gegentor das Aus bedeuten könnte, sind im Fußball an der Tagesordnung.

Zum Abschluss noch eine Sache, die Deutschland (wie schon gegen die Niederlande) sehr gut machte: Die Abwehr verschuldete fast keine Freistöße rund um den Strafraum - gegen eine Mannschaft, die nach Standards ihre Hauptgefahr ausstrahlt, sehr diszipliniert und vernünftig.

3) Alternativen im Kader und die Wechseldiskussion

Wir hatten nach dem zweiten Gruppenspiel diskutiert, ob Joachim Löw früher wechseln sollte, um alle Optionen seines Kaders zu nutzen, oder ob er zu Recht an seiner eingespielten Startelf festhält. Diese Fragen wurden gegen Dänemark erneut aufgeworfen. Allerdings greifen hier die Argumente des Kollegen Marcus Krämer nicht in gleicher Weise wie gegen die Niederlande, als er nachvollziehbarer Weise eine kontergeeignetere Ausrichtung eingefordert hatte.

Gegen Dänemark stand der Gegner defensiv viel besser, strahlte aber kaum Offensivgefahr aus. Quasi das Gegenteil zur Elftal. Die Spielkontrolle zugunsten von Experimenten mit Mario Götze oder Marco Reus aufzugeben, hätte nicht unbedingt Sinn gemacht. Löw ist dafür bekannt, in Testspielen ohne Rücksicht aufs Ergebnis auszuprobieren. In Pflichtspielen ist er sehr konservativ, was das angeht. Die Bilanz der letzten zwei Jahre gibt ihm bisher Recht.

4) Und Griechenland?

Gegen Griechenland wird Geduld wieder eine sehr große Rolle spielen. Wie die Niederlande gegen Dänemark haben wir nun mit Russland auch schon eine Mannschaft gesehen, die gezeigt hat, wie man nicht gegen die Hellenen spielen sollte.

Ist Griechenland eine Mannschaft, die Deutschland liegt? Na ja, wem liegt schon Griechenland? Aber eine große Qualität Deutschlands in den letzten Jahren besteht darin, nur gegen Teams auszuscheiden, die wirklich besser sind als das DFB-Team (Italien 2006, Spanien 2008, Spanien 2010). Mannschaften, die defensiv orientiert sind, stellen nicht per se ein Problem für Deutschland dar, das seine taktische Flexibilität nun einmal mehr demonstriert hat.

Eine Niederlage gegen Griechenland wäre demnach ein ziemliches Fußballwunder. Selbst, wenn der zu Unrecht gesperrte Giorgos Karagounis doch mitspielen sollte. Am Freitag wissen wir mehr.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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