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EM 2012: Taktikanalyse Deutschland - Portugal

Die Todesgruppe ist nach dem ersten Spieltag in zwei Täter und zwei Opfer gespalten. Wir sichern den Tatort nach dem deutschen Auftaktspiel und haben eine forensische Analyse erstellt. Deuten die Fingerabdrücke auf eine Rückkehr des hässlichen Deutschen hin? Finden wir nicht. Das 1:0 war das bisher beste EM-Spiel.

Erstaunlich wieder einmal, wie kritisch das Medienecho nach dem deutschen Auftaktspiel in der EM war. Der Sieg der Nationalmannschaft gegen Portugal war glücklich. Aber nicht, weil Deutschland schlecht, sondern weil Portugal gut gespielt hatte. Anders als das einhellige Urteil der internationalen Medien, die sich offenbar mehr Spektakel erhofft hatten, war es nach unserer Meinung das bisher beste Spiel des ohnehin schon interessanten Turniers, weil keine Mannschaft echte Schwächen offenbarte.

1) Warum es das bisher beste Turnierspiel war

Griechenland war zu elft gegen Polen überfordert, Polen dann in Überzahl nicht in der Lage, das Spiel nach Hause zu bringen. Der Tschechischen Republik fehlte die Klasse, um Russlands ultrapräzisen (und hochattraktiven) Konterfußball zu stoppen. Und Dänemark ließ gegen die Niederlande mehr als 30 Torabschlüsse zu.

Beim Spiel Deutschland - Portugal sahen wir zum ersten Mal zwei Klasseteams auf Augenhöhe. Vor allem sahen wir die besten Abwehrleistungen des bisherigen Turniers, insbesondere von Holger Badstuber und - bis auf das Gegentor - von Pepe.

Aber auch Jerome Boateng und Mats Hummels glänzten, wie auf der anderen Seite der bärenstarke Fabio Coentrao, den Marcus Krämer vor dem Spiel zu Recht als Schlüsselfaktor gesehen, den Linksverteidiger aber wohl nicht so stark eingeschätzt hatte.

2) War das das alte oder das neue Deutschland?

Wir kennen die alten Klischees: Deutschland spielt nie gut, ist aber immer zur Stelle, wenn die großen internationalen Titel verteilt werden. Eine Turniermannschaft, die über den Kampf und die Mentalität kommt und damit ihre fußballerischen Defizite wett zu machen weiß. Genau dieses (über die Jahrzehnte nicht ganz unzutreffende) Image war es, das durch den von Jürgen Klinsmann angestoßenen und von Joachim Löw fortentwickelten Umbruch nach und nach revidiert worden war.

Kritiker begannen jedoch zu mutmaßen, mit dem Mentalitätswandel sei den nunmehr auch fußballerisch begeisternden Deutschen der letzte Siegeswille abhanden gekommen. Ins gleiche Horn stieß während seines Live-Kommentars des Auftaktspiels in der ARD übrigens auch Kommentator Gerd Gottlob, der sich die seiner Meinung nach schlechte Leistung ("kein Zugriff aufs Tor") damit erklärte, vielleicht habe "der unbedingte Wille" gefehlt. Davon abgesehen, dass derlei Erklärungen immer so tun, als spiele der Gegner und seine Leistung gar keine Rolle, fragt man sich doch, warum die deutschen Spieler in einem EM-Spiel keine rechte Lust auf Offensive haben sollten.

Aber dessen ungeachtet lässt sich bei sieben internationalen Finals in Folge, die von deutschen Club- oder Auswahlteams in den letzten zehn Jahren verloren wurden, nicht bestreiten, dass Gary Linekers Verdikt "Fußball ist ein Spiel mit 22 Spielern und am Ende gewinnen die Deutschen" schon mal zutreffender war. Ohne die Öffentlichkeit so zu verzücken wie beim 4:0 gegen Australien vor zwei Jahren, gewann Deutschland aber nun wieder glücklich und startete gut ins Turnier. Alles wie früher?

Nein. Denn guten Fußball boten die Deutschen immer noch, die Abwehrleistungen waren stark, aber nicht stark in der Schublade "Hanspeter Briegel" oder der Kategorie "Christian Wörns", den Sport Bild-Redakteur Jochen Coenen noch 2006 ("Grinsmann droht bei der WM das Desaster") unbedingt ins WM-Team schreiben wollte, weil: "Zu 98 Prozent sollen Abwehrspieler erst einmal den Laden dicht halten!".

Mit dieser Auffassung hatte das Spiel von Mats Hummels und Holger Badstuber ebenso wenig zu tun wie das von Jerome Boateng, die alle die Übergänge nach Ballgewinnen spielerisch zu lösen wussten. Old School war schon eher das Siegtor durch Mario Gomez, der mit einem perfekten Kopfball seine Aufgabe als Mittelstürmer erledigte, als Passkombinationen keinen Erfolg hatten und der für genau diese besser geeignete Miroslav Klose schon an der Seitenlinie zur Einwechslung bereit stand.

Diese Maßnahme von Löw hatte auf Gomez offenbar die gleiche Wirkung wie Sylvester, der sich eine Serviette umbindet, auf Tweety. Aber heißt das, dass Deutschland jetzt Abstand vom attraktiven Fußball genommen hat und der Weg zum Titel wieder über die deutschen Tugenden führt? Wollte Hansi Flick sich zu Recht den Stahlhelm aufsetzen?

3) Warum Deutschland Titelfavorit Nummer eins ist

Genau die angesprochenen Umstände des deutschen Sieges sind es, die Löws Team so stark machen und gerade im direkten Vergleich mit Spanien besser gerüstet erscheinen lassen als in den letzten Turnieren. Deutschland hat Alternativen im Kader, etwas, was man nach dem desolaten Test in Basel vor zwei Wochen nicht gedacht hätte.

Der eingespielte Bayern-Block ist die Grundlage für die Stärke der Mannschaft, gegen Portugal standen sieben Münchner in der Startelf, dazu noch zwei Profis aus Madrid. WIe wichtig so ein Verständnis für ein Turnier mit geringer Vorbereitungszeit ist, demonstrierten Polens Dortmunder streckenweise im Eröffnungsspiel, vor allem aber Russlands Zenit-Spieler, von denen sechs gegen die Tschechische Republik starteten und sich blendend verstanden.

Anders als der FC Bayern aber hat Löw die Möglichkeit eines Plans B. Wenn das ballbesitzorientierte deutsche Spiel, das 2012 so anders funktioniert als der Konterfußball von Südafrika, nicht klappt, dann können mit André Schürrle, Marco Reus und Mario Götze Spieler von der Bank kommen, die ganz andere Spielsituationen gewohnt sind. Und im Angriff gibt es die Wahl zwischen einem klassischen, in seiner Varianz limitierten, aber treffsicheren Mittelstürmer wie Gomez und einem mitspielenden Stürmer wie Klose.

Genau diese Optionen für Spiele, in denen der defensive Gegner sich auf die eigene Spielweise eingestellt hat, besitzt Spanien nur in Ansätzen. Das, und nicht etwa fehlender Hunger beim Titelverteidiger, ist es, was Deutschlands Chancen besser aussehen lässt. Und der andere Mitfavorit, die Niederlande? Die Elftal spielt nun attraktiver als bei der WM. Damals war Bert van Marwijk für seine defensive, "unholländische" Ausrichtung kritisiert worden.

Jetzt sieht das Oranje-Spiel besser aus. Aber statt zäher Zu-null-Siege verliert die Niederlande jetzt Spiele mit über 30 Torabschlüssen. Kein Fortschritt, zumindest in Sachen Titelaussichten. Mit dieser Einschätzung wollen wir das Fell des Bären keineswegs verteilen, bevor er erlegt ist. Zu behaupten, Deutschland werde nun, da wir die Hälfte der EM-Teilnehmer noch gar nicht gesehen haben, auf jeden Fall Europameister, wäre absurd. Alles, was man sagen kann, ist, dass die Voraussetzungen sehr gut sind.

4) "Dein Weg ist am Mittwoch zu Ende"

Wagen wir zum Abschluss noch einen Ausblick auf den Klassiker am kommenden Mittwoch in Kharkiv. Die taktische Ausgangssituation könnte für die Niederlande kaum schlechter sein. Eine offene Ausrichtung wurde von Deutschland in Hamburg im November brutal bestraft, und Portugal hat gerade gezeigt, wie man gegen Deutschland spielen sollte (das Gegentor fiel in einer Phase, in der Portugal gerade aufmachte).

Das, und der aktuelle Trend im europäischen Fußball, der defensiv sauberes Spiel zu belohnen scheint, nützt Bert van Marwijk aber wenig, da ein Unentschieden schon zu wenig sein könnte, um sich selbst bei einem folgenden Sieg gegen Portugal fürs Viertelfinale zu qualifizieren. Immerhin weiß die Elftal bei Anpfiff schon, wie Dänemark gegen Portugal gespielt hat. Alles andere als ein Unentschieden in diesem anderen Gruppenspiel würde die Niederlande mehr oder minder zu einem Sieg gegen Deutschland verpflichten, um ihr Schicksal selbst in der Hand zu behalten.

Unwahrscheinlich also, dass Deutschland so viel Ballbesitz bekommen wird wie in Lviv. Angesichts der Probleme der Elftal in der Defensivordnung gegen Dänemark jedoch erscheint es kaum denkbar, dass die DFB-Elf keine Konterchancen nutzen kann. Damit ist es natürlich nicht ausgeschlossen, dass die Niederlande gewinnen können. Schließlich spielten sie insgesamt nicht schlecht und Wesley Sneijders Form lässt Optimismus zu.

Aber es wäre zumindest ein Bruch der aktuellen taktischen Entwicklungen im Fußball, wenn man gegen einen mindestens gleichwertigen Gegner wie Deutschland mit bedingungslosem Offensivfußball gewinnen sollte. Wenn es doch klappen sollte, lesen Sie hier als erstes von unserem Gang nach Canossa. Inzwischen freuen wir uns aber erstmal auf Spanien - Italien. Und am Montag, wenn wir alle Teams einmal gesehen haben, gibt es dann auch die Prognose, wer "der logische Europameister" ist.

2010 haben wir (ähem) Brasilien dieses Etikett bei der WM verliehen. Also nicht als Europameister ("Brazil: Nil Points"), sondern als Weltmeister. Hat nicht geklappt. Aber vielleicht sind ja auch wir, wie die DFB-Elf, in den letzten zwei Jahren noch besser geworden.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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