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EM-Kommentatoren-Check: Drama, Béla, Drama!

28 Spiele wurden bei der EM bislang gespielt - und kommentiert. Béla Réthy macht immer Alarm und Steffen Simon verursacht Shitstorms im Netz. Doch wer ist wirklich gut? Die Kommentatoren im Check.

Von Mark Stöhr

Man sieht sie selten, aber hört sie 90 Minuten lang und manchmal noch länger. Sie sprechen, säuseln, stöhnen, schreien – und schweigen. Letzteres leider viel zu selten. Doch so sehr wir uns über die Kommentatoren aufregen: Eine Fußballübertragung ohne sie wäre wie ein Spielfeld ohne Linien. Die wichtigsten EM-Kommentatoren von ARD und ZDF im Check.

Die Drama-Queen

Wenn Béla Réthy seinen Bariton erhebt, denkt man: Es passiert gleich was, im Zweifel was ganz Schlimmes. Wie ein Fußballschuh mit Eisenstollen hängt seine Stimme über dem Spiel. Die Sätze selbst sind dabei eigentlich nie aufregend, es ist ihre Intonation, die den Herzinfarkt macht. "Die Abwehr der Griechen", bellte der gebürtige Wiener beim Deutschlandspiel, "steht so fest und vielbeinig wie die Akropolis." Ein ziemlich läppisches Bild, das bei Réthy jedoch zur großen Beunruhigung wird: Da kommen wir nie durch, Leute, wir werden zum Gespött Europas!

Der 55-Jährige trägt für das ZDF den Mantel der Geschichte. Er kommentierte die EM-Endspiele 1996 und 2004 und WM-Endspiele 2002 und 2010 und sitzt auch am Sonntag beim Finale vorm Mikro. Manchmal trägt er auch nur einen Regenmantel wie vor knapp einer Woche in Donezk, als ein Spiel wegen heftiger Gewitter für über eine Stunde unterbrochen werden musste. Réthy sagte: "Ich kann Ihnen noch erzählen, wie das Abendessen gestern war." Es klang wie: Holt uns hier raus, Leute, wir saufen ab!

Die Stimmgabel

Tom Bartels ist der Béla Réthy der ARD, nur ohne Bumms. Er bratscht eher durchs Programm. Hier mal ein Forte, dort mal ein Piano – ein Spiel kann gar nicht so aufregend sein, dass Bartels Streicher aus dem Takt geraten würden. Er würde auch einen gleichzeitigen Wolken-, Rohr- und Oderbruch melodisch wegkommentieren und notfalls noch mit einer kleinen Anekdote aufhübschen ("Mit 17 musste sich Holebas als Lagerarbeiter durchschlagen, weil seine Freundin schwanger wurde"). Ganz bei sich war der 46-Jährige, als die irischen Fans am Ende der Partie ihrer Elf gegen Spanien "The Fields of Athentry" sangen. Minutenlang sagte er nichts und ermöglichte so einen wirklich tollen Fernsehmoment. Manchmal würde man sich bei ihm eine Note dreckigen Kick and Rush wünschen. Aber steckenbleiben im Aufzug? Nur mit Bartels, nie mit Réthy!

Der Erbsenzähler

Eine Partie mit ARD-Mann Gerd Gottlob ist sehr entspannend: Man muss nicht hingucken. Selbst bei einem Totalausfall des Bildes wüsste man genau, was passiert. Gottlob ist ein unermüdlicher Chronist des Spiels. Bei ihm ist ein Einwurf ein Einwurf und ein Tor ein Tor. Warum sich auch auf der Metaebene herumtreiben, wenn es den Boden der Tatsachen gibt? Selbst wenn nichts passiert, zieht der NDR-Sportchef seine Linie konsequent durch: Er schweigt. Gottlob war die perfekte Besetzung für Vorrundenspiele ohne deutsche Beteiligung. Nur einmal riss er einen dabei aus dem wohligen Dämmer: Als er Julia Timoschenko auf dem Spielfeld entdeckte. Bitte wen?! Er meinte natürlich Anatolij Tymoshchuk. Das passiert schon mal. Weiterdösen!

Der Buhmann

Wenn sein Name auftaucht, gibt es nur zwei Reaktionen: Entweder a) Oh Gott, nein! oder b) Bitte nicht! Steffen Simon rangiert auf der Beliebtheitsskala noch hinter Philipp Rösler. Manchmal scheint es, Twitter sei nur erfunden worden, um dem Unmut über Steffen Simon eine Plattform zu geben. Kommentiert er für die ARD ein Spiel, braut sich im Netz sogleich ein mächtiger Shitstorm zusammen. Simon ist uncharmant, unlustig und unbescheiden. Wie ein Arzt ohne einen Funken Mitgefühl mit seinem Patienten stellt er seine Diagnosen. Nie vergessen wird man seine ätzenden Einlassungen bei der WM 2006, als das Spiel zwischen Deutschland und Polen auf des Messers Schneide stand und Simon am offenen Herzen operierte.

Der 47-Jährige wird das deutsche Halbfinale am Donnerstag im "Ersten" kommentieren, die Gemeinde wird wieder toben. Doch einer wie Steffen Simon lässt sich nicht von der Bühne buhen. Das Fernsehen ist doch kein Wunschkonzert!

Der Hospitant

Bei ZDF-Mann Oliver Schmidt "zeigt" der Schiedsrichter "auf den Punkt" und "zückt den gelben Karton". Wenn der Ball gegen den Pfosten prallt, "klingelt das Aluminium". Schmidt kann das ABC der Fußballplattitüden auswendig – doch muss er es auch zur besten Sendezeit aufsagen? Zugute halten sollte man dem Enddreißiger, dass er noch in der Ausbildung ist. Die EM ist sein erstes großes Turnier als Kommentator. Da spielt man schon mal den einen oder anderen Sicherheitspass. Doch bis zur WM gilt: mehrere Lektionen in Dramentheorie bei Béla Réthy und Gesangsunterricht bei Tom Bartels!

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