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EM-Start der Ukraine: Anpfiff für den Bonzen-Ball

Hoteliers zocken ab, Politiker bereichern sich, das Volk ist ausquartiert: EM-Co-Gastgeber Ukraine spielt nicht nur gegen Schweden, sondern auch gegen den schlechten Ruf des Landes.

Von Frank Hellmann, Kiew

Wenn nicht gerade wieder ein Gewitterschauer über der ukrainischen Hauptstadt niedergeht, wirft an manchen Tagen die Frühlingssonne ein feines Licht auf die überdimensionalen Plakate, die an den Stahlpfeilern der Hängekonstruktion des Kiewer Olympiastadions angebracht sind. Die Gesichter eines schwedischen, englischen und französischen Fußballfans lachen den Besucher von weitem an und animieren die Touristen zu Erinnerungsfotos vor der Spielstätte, in der nun endlich auch Co-Gastgeber Ukraine mit dem Spiel gegen Schweden ins EM-Turnier eingreift (20.45 Uhr/live im stern.de-Ticker). Erhaben sieht das vom deutschen Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner entworfene Membran-Dach aus, unter dem am 1. Juli auch das Endspiel dieser Europameisterschaft steigt. Kiew ist die Endstation Sehnsucht - auch für die deutsche Nationalmannschaft.

Wer das Terrain um die runderneuerte Metrostation "Respublikanskyj Stadion" im vergangenen November anlässlich des Freundschaftsspiels Ukraine gegen Deutschland besucht hat, erkennt es nun nicht wieder: Abends strahlen Lichterketten, die irgendwie an Weihnachten erinnern; tagsüber sind die fliegenden Händler mit ihren alten Gewändern verschwunden. Stattdessen hat ein Uefa-Sponsor über einer großen Sushi-Bar einen neuen Stoff im Fußball-Look gespannt. Direkt daneben – auch neu – lockt ein so genannter "Men's Club", die Frau in eindeutiger Pose wird nachts violett illuminiert.

Jeder will halt teilhaben, wenn dieses Turnier den Rubel rollen lässt. An vierspurigen, oft verstopften Straße zum Unabhängigkeitsplatz Majdan, dem Goldenen Tor oder dem Prachtboulevard Chreschtschatik zeigt die junge Generation gerne sagenhafte Stilettos vor, die auf den tückischen Gehwegen schon ein besonderes Balancegefühl verlangen. Aber ist dieses ganze Großereignis nicht ohnehin ein Drahtseilakt?

Platini: "Es war eine politische Wahl"

"Beim technischen Dossier war Italien am besten, aber es war eine politische Wahl", räumte kein Geringerer als Michel Platini ein, als die EM 2012 vor fünf Jahren in einem Aufsehen erregenden Entscheid im walisischen Cardiff in den östlichsten Zipfel von Europa vergeben wurde. Der Uefa-Boss drohte unverhohlen mit dem Entzug der EM, geißelte offen die Abzocke der Hoteliers in der Ukraine, macht aber mittlerweile gute Miene zum bösen Spiel – und nimmt die vielen Gegensätze hin, die sich überall offenbaren.

Es sind viele Versäumnisse, die beim EM-Touristen Unmut schüren. Eine Lachnummer ist das sogenannte "Schweden-Camp", das für Tausende skandinavischer Anhänger auf der Truchanow-Insel von Kiew entstehen sollte. Eigentlich ein idyllisches, gut von der berühmten Standseilbahn Funicular zu Fuß erreichbares Fleckchen der Metropole - direkt am Dnjepr-Ufer mit weißem Sandstrand. Eigentlich sollte die Errichtung eines Zeltplatzes hier kein Problem sein, doch wer erlebt hat, wie verzweifelt ukrainische Arbeiter in letzter Minute auf die Schnelle Behelfsheime, Toiletten oder Kioske errichten wollen, der konnte nur den Kopf schütteln. Oder sich schämen.

"Ukraine to EU! Yanokovich to prison!"

Wer zur großen Fanzone auf dem Prachtboulevard Kretschatik gelangen will, passiert unweigerlich eine fast einen halben Kilometer lange Zeltstadt mit zahlreichen Spruchbändern. "Freedom for Yulia Tymoshenko – Freedom for Ukraine" steht auf einem. "Ukraine to EU! - Yanukovich to prison!" auf einem anderen. Die ersten Zelte an dieser Stelle sind am 5. August 2011 aufgebaut worden, als die Oppositionsführerin im Gerichtssaal inhaftiert wurde. Die Unterstützer haben sich von der umstrittenen Regierung Viktor Janukowitschs vom breiten Trottoir nicht vertreiben lassen. Protestler und Polizei pflegen nun eine friedliche Koexistenz - alles festgehalten von Überwachungskameras. Die inhaftierte Julia Timoschenko hat vor Monaten schon ihre Meinung kund getan: "Prestigeobjekte wie die EM 2012 dienen der Geldwäsche!" Gegen einen Boykott des Turniers hat sie sich dennoch ausgesprochen.

In der Ukraine sind zwar fast zehn Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte geflossen, doch in großem Stil eben auch Staatsgelder versickert. Direkt oder indirekt an den Baufirmen beteiligt: Vizepremier Boris Kolesnikow und seine Verwandten. Dass intransparente Auftragsvergaben der Veruntreuung Tür und Tor öffnen, beklagen ausländische Investoren bis heute vergeblich – die Staatsquote der EM-Projekte belief sich auf 80 Prozent. Die deutsche Stiftung für Wirtschaft und Politik schreibt: "Kolesnikow hat sich als Schlüsselfigur der Auftragsvergabe etabliert. In großem Stil versickern Staatsgelder in undurchsichtigen Scheinfirmen. Der Sport scheint den Oligarchen im Zuge der EM nun auch eine finanzielle Dividende gebracht zu haben." Rinat Achmetov, der Herrscher der Donbass-Region mit dem Zentrum Donezk, oder Alexandr Jaroslawski, der in Charkow das Sagen hat, heißen die Profiteure. Dass ihre Klubs Schachtjor Donezk und Metalist Charkow neue Stadien erhalten haben und Teil dieser EM sind, ist Verdienst dieser Netzwerker.

"Wir sollen uns auf die Datcha trollen"

Davon ausgespart bleibt natürlich die Bevölkerung: Studenten und Schüler haben ihre Quartiere räumen müssen, Kindergärten und Betreuungseinrichtungen sind geschlossen, viele Angestellte der Stadtverwaltung in Kiew, Lwiw, Charkow oder Donezk haben im Juni zusätzliche freie Tage erhalten. In Internetforen häufen sich wütende Einträge: "Nachdem die Bonzen unser Geld verbraten haben, laden sie nun die Welt zu sich ein und wir sollen uns auf unsere Datscha trollen und nicht weiter stören", postet ein User.

Doch viele Menschen wirken auch erstaunlich gleichgültig. Wer Englisch sprechende Studenten oder Passanten beispielsweise zum Fall Timoschenko befragt, erhält meist die kurze Replik, dass die smarte Oppositionspolitikerin einst als "Gasprinzessin" doch auch nicht besser gewesen sei. Nähere Informationen seien nicht nötig. Vielleicht liegt es daran, dass die Bevölkerung ohnehin meist willkürlich von der Wirklichkeit abgetrennt wird - selbst den Blick auf das Membran-Dach des Kiewer Olympiastadions verhinderte bis zuletzt ein grüner Bauzaun.

"Wir werden Europa und der ganzen Welt zeigen, dass Polen ein toller Platz ist Platz ist, wo große Dinge geschehen", hatte Donald Tusk, der Ministerpräsident des Co-Gastgeberlandes vor der EM vollmundig verkündet. In der Ukraine sind es vor allem die großen und kleinen Skandale, die geschehen.

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