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EM-Fehlentscheidungen: Der Torrichter ist (leider) ein Mensch

Nach dem Torklau von Donezk beim Spiel Ukraine gegen England kocht die Diskussion über die Torlinientechnologie wieder hoch. Eines steht fest: Der Torrichter ist nicht der Schuldige.

Von Klaus Bellstedt, Danzig

Als Michel Platini am Montag im Warschau seine EM-Zwischenbilanz zog, war er bester Laune. Der Präsident des Europäischen Fußballverbandes Uefa lobte die beiden Ausrichterländer Polen und die Ukraine in den höchsten Tönen. Nach all den Problemen und Zweifeln der Vergangenheit an der Turniertauglichkeit hätten beide Länder "geliefert", sagte Platini. Und er fügte hinzu: "Es ist schwer, es noch besser zu machen, als es im Moment ist." Das ist natürlich falsch. Der mächtige Fußball-Funktionär wird beispielswiese vom logistischen Chaos, das rund um das EM-Stadion in Danzig an Spieltagen herrscht, gar nichts mitbekommen haben. Wie auch? Platini wird bei seinen Stadienbesuchen ja standesgemäß mit dem Fahrservice und eskortiert von der Polizei vorgefahren: Access all areas gewissermaßen. Nach den schwerwiegenden Schiedsrichterfehlentscheidungen – übrigens nicht nur bei den beiden Spielen zwischen Kroatien und Spanien sowie der Ukraine und England - muss die Frage lauten: Bekommt Michel Platini eigentlich überhaupt noch etwas davon mit, was gerade im Fußball passiert?

Zurück zum Zwischenfazit: Platini trällerte sein Loblied auch auf die Männer mit der Pfeife – und ganz explizit auf die Torrichter, den sogenannten "additional assistant referees", die in Polen und der Ukraine erstmals bei einem großen Turnier im Einsatz sind. "Das ist das Turnier mit den besten Schiedsrichterleistungen bisher", sagte Platini. Und dann machte der Chef der Uefa das, was er am liebsten tut: Er kritisierte den Weltfußballverband. Nun muss man wissen, dass sich die Fifa seit Jahren für die Einführung der Torlinientechnologie stark macht. Platini lehnt diese strikt ab: "Man braucht solche Systeme nicht, Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball", betonte der Franzose und führte im Brustton tiefster Überzeugung fort, dass das legendäre nicht gegebene Tor von Frank Lampard im Spiel gegen Deutschland bei der WM 2010 in Südafrika mit einem Torrichter auf alle Fälle erkannt worden wäre. "Weil es sein Job ist, zu sehen, ob der Ball hinter der Linie ist", so Platini. Spätestens nach dem Torklau von Donezk im EM-Spiel zwischen England und der Ukraine steht fest: Platinis Torrichter machen bis zum jetzigen Zeitpunkt der EM einen schlechten Job. Aber könnten sie ihn überhaupt besser ausüben?

Das menschliche Auge sieht nicht so genau

Eugen Strigel ist ein erfahrener Schiedsrichter, der lange in der Bundesliga gepfiffen hat, heute ist er als oberster Schiedsrichter-Lehrwart für den DFB tätig. Strigel sagt zu stern.de: "Die Einführung der Torrichter ist nur ein Verschieben des Problems, weil man weiter auf menschliche Fähigkeiten setzt. Und der Mensch macht nun mal Fehler." Seit Jahren setzt sich das deutsche Schiedsrichterwesen für die Einführung des Chips im Ball ein. "Bei solchen Szenen wie in Donezk kann doch das bloße Auge nicht erkennen, ob der Ball vor, auf oder hinter der Linie war. Das ist eine 50:50-Entscheidung. Und derjenige, ob nun Schieds- oder Torrichter hofft danach, dass die TV-Bilder ihm im Nachhinein Recht geben", sagt Strigel. Beobachten, entscheiden – und dann hoffen: undankbarer geht es kaum. Dabei könnte alles so einfach sein. Immerhin: Besserung ist in Sicht.

Am 5. Juli, nur vier Tage nach dem EM-Finale, wird das International Football Association Board, die internationale Regelkommission mit Vertretern der Fifa und der Kontinentalverbände, bei einer Sitzung in Zürich eine Entscheidung treffen. Die Richtung ist nicht erst seit den vielen eklatanten Fehlentscheidungen im Turnier klar. Anfang März hatten sich die Regelhüter des Weltfußballs "im Prinzip" auf die Einführung der Torlinientechnik geeinigt. Die Technik könnte bereits bei der Club-WM in Japan im Dezember und beim Confederations Cup 2013 in Brasilien zum Einsatz kommen. "Wir wollen das System zur WM 2014 etabliert haben", sagte damals Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke. Es wäre das Aus für Platinis Torrichter. Und das Ende der Ungerechtigkeit.

Michel Platini muss seine Position revidieren

Noch ist es aber nicht soweit. Stattdessen rücken ausgerechnet jetzt, vor der heißen Phase der EM, die Torrichter noch ein Stückchen mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Platini und seiner Uefa kann das nicht Recht sein. Dafür spricht auch die Tatsache, dass sich die Mitglieder der europäischen Schiedsrichterkommission auf Anfrage derzeit nicht offiziell äußern wollen. Intern soll allerdings, so heißt es, erhebliches Unbehagen über die fehlerhafte Beurteilung von gleich mehreren entscheidenden Szenen durch Torrichter herrschen. Abgesehen vom elfmeterreifen Foul des Spaniers Sergio Ramos an Mario Mandzukic und dem klaren Tor der Ukrainer gegen England ließen die Unparteiischen auf der Grundlinie ihre Schiedsrichter nämlich noch öfter im Stich. Auch den Dänen gegen die Deutschen (Bendtner gegen Badstuber), den Iren gegen die Kroaten (Keane gegen Schildenfeld) oder den Griechen gegen die Russen (Karagounis gegen Ignaschewitsch) blieben klare Strafstöße versagt. Spanien hätte im Spiel gegen Kroatien nach einer Attacke von Mandzukic an Piqué in der 68. Minute ebenfalls einen Elfmeter zugesprochen bekommen müssen. Bei allen beschriebenen Szenen bewiesen das die TV-Bilder. Und das belegten auch die Foto-Aufnahmen. Wolfgang Stark, für den die Partie in Danzig seine letzte in diesem Turnier gewesen ist, entschied auf Weiterspielen. Auch weil die Unterstützung durch den "additional assistant referee" bei diesen kniffligen Situationen im Strafraum ausblieb.

Foul oder Schwalbe, Tor oder nicht Tor? Das sind die beiden Fragen, bei denen der Torrichter eingreifen soll. Laut Reglement dürfen sie aber merkwürdigerweise, anders als die Linienrichter, keine Zeichen geben, den Arm heben oder gestikulieren. "Sie sind über Funk mit dem Hauptschiedsrichter verbunden. Ein Piepsignal für die Kontaktaufnahme geht vom Stab aus, den er in der Hand hält", erklärt Eugen Strigel. Bei der Fehlentscheidung dieser EM in Donezk blieb das Piepen aus. Torrichter Istvan Vad reagierte nicht – kein Tor. Der Ungar stand nur drei Meter neben dem Torpfosten. Niemand im Stadion hatte vermutlich eine bessere Sicht auf das Geschehen. Die Kritik am "blinden" Vad ist groß. Was viele, besonders die ausgeschiedenen Ukrainer, in ihrer verständlichen Enttäuschung jetzt vergessen: Nicht der Torrichter ist der Schuldige, es ist Michel Platini.

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