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EM-Gastgeber Polen und Ukraine: Turnier in zwei Welten

Polen hat zum EM-Auftakt Party gemacht. Nun geht es in der Ukraine weiter. Dort herrscht vielerorts Tristesse. Die EM-Gastgeber mögen sich nicht. Von einem gemeinsamen Turnier kann keine Rede sein.

Von Frank Hellmann, Kiew

Zumindest im neuen Nationalstadion von Warschau haben Viktor Janukowitsch und sein Stellvertreter Boris Kolesnikow weder Pfiffe noch Proteste zu befürchten. Der umstrittene Präsident der Ukraine und sein Stellvertreter saßen natürlich am Freitag auf der Ehrentribüne, als diese EM mit der Partie Polen gegen Griechenland eröffnet wurde, und anders als im Olympiastadion von Kiew, wo sich die von Teilen der Bevölkerung gehassten Politiker bei Fußballspielen sicherheitshalber hinter einer verglasten Loge verstecken, konnten sie sich in Warschau weitgehend ungehindert bewegen. Hier ist die Furcht noch unbegründet, dass die Polit-Debatte die Fußball-Party überstrahlt.

Und doch hat die Anwesenheit der umstrittenen ukrainischen Oberhäupter nichts daran geändert, dass die Gastgeber in völlig unterschiedliche Richtungen gedriftet sind: Das um Gastfreundlichkeit bemühte Polen ist bereit für ein fröhliches Fest nach Muster der WM 2006; wenn allerdings in der Ukraine der für die EM als Tourismus- und Infrastrukturminister beauftragte Kolesnikow vom Volk verlangt, nach deutschem Vorbild Fahnen aus den Fenster zu hängen, dann klingt das lächerlich. In der Hauptstadt Kiew dominiert nur eines: die protzigen Plakate der Uefa-Sponsoren. Blau-gelbe Sympathiebekunden an Autospiegeln oder Hausfronten? Fehlanzeige!

Nur drei von 16 Teams gastieren in der Ukraine

Viele ukrainische Hotels sind nur an Spieltagen gebucht – weil etliche Fans direkt wieder in ihre polnischen Stammquartiere entschwinden. Und noch eine andere Niederlage im Vorfeld tat weh: Nur drei von 16 Teilnehmerländern schlagen ihr Camp in der Ukraine auf: neben dem eigenen Nationalteam, das zwischen den Trainingscamps von Dymano Kiew und Schachtjor Donezk wechselt, sind es nur Schweden (Kiew) und Frankreich (Donezk). Polens Organisationschef Adam Olkowicz hat das süffisant als "offene Wunde" tituliert. Wohl auch deshalb hat sein ukrainischer Kollegen Markijan Lubkiwski in seinem Kiewer Büro zwar ein großes Konterfei von Michel Platini hängen, aber es finden sich keinerlei Hinweise auf den Mitveranstalter.

Uefa-Präsident Platini hat die vom ukrainischen Verbandschef und Netzwerker Grigori Surkis entworfene Idee einer Doppelausrichtung auch deshalb bei der Vergabe 2007 vehement befürwortet, um sich selbst eine breite Unterstützung der osteuropäischen Nationen zu sichern. Heute muss der Franzose schon tricksen wie einst auf dem grünen Rasen, um den in eine bizarre Zweckehe gemündeten Entscheid von Cardiff zu rechtfertigen. "Als das Turnier 2007 vergeben wurde, war Julia Timoschenko gerade dabei, an die Regierungsspitze aufzusteigen. Es ist schwierig, wenn die politischen Verhältnisse instabil sind." Nun kommt halt ein Turnier in zwei Welten heraus. Der Uefa-Boss spielt den Diplomaten, um die vielen Versäumnisse zu beschreiben: "Beiden Ländern war anfangs wohl gar nicht bewusst, was die Organisation einer Euro bedeutet."

Eiserner Vorhang jetzt zwischen Polen und Ukraine

Der Schulterschluss, den das gemeinsame Maskottchen "Slavek und Slavko", ein Zwillingspaar mit rot-weißer und blau-gelber Irokesenfrisur, vollzieht, wirkt trügerisch. Und anders als Niederlande und Belgien (Ausrichter der EM 2000) und Österreich und die Schweiz (2008) passen die Länder bei der dritten Doppelausrichtung der EM-Historie nicht mehr wirklich gut zusammen. Grund: Seit dem Beitritt Polen zur EU im Mai 2004 hat das Verhältnis der historisch eng verbandelten Nachbarländer sehr gelitten. Viele Ukrainer sind der Meinung, der Eiserne Vorhang hätte sich nur verschoben und würde jetzt zwischen Polen und der Ukraine hängen. Auch die Polen fühlen sich an der mehr als 500 Kilometer langen Grenze von einem Teil ihrer Wurzeln abgeschnitten.

Eigentlich wäre eine gemeinsame EM die große Chance, gegenseitiges Verständnis zu wecken, wieder besser zusammenzuarbeiten. Doch das Gegenteil ist der Fall, der Graben ist eher noch tiefer geworden. Das Deutsche Institut für Internationale Politik und Sicherheit kommt zu einem vernichtenden Urteil: "Vielmehr ist der Eindruck entstanden, dass Polen und die Ukraine die EM in einer Zwangspartnerschaft organisieren. Weder gibt es eine untereinander abgestimmte Vermarktung noch sichtbare gemeinsame Begleitveranstaltungen. Der EM-Slogan ‚Creating History Together‘ hat sich als bloße Floskel entpuppt."

Lieber weniger Korruption und Wilkür statt Fußball

Von Deutschland ist Polen - anders als die Ukraine - auch mit dem eigenen Auto oder der Bahn zu erreichen, ohne dafür tagelang abenteuerlich unterwegs zu sein. Und die Preispolitik der Pensionen, Gasthäuser und Hotels wirkt nicht ganz so dreist. Die polnische Vermarktungsagentur PL 2012 hat eine Website eingerichtet, mit der sich mit einigen Klicks eine gesamte Reise organisieren lässt. Mit Flügen, Hotels, Ausgehtipps und Auslandsversicherung. Aber ohne jeden Hinweis auf die vier ukrainischen Austragungsorte. Polens Sportministerin Joanna Mucha, die einst für ein Männermagazin posierte, drückt sich so aus: "Die Menschen sollen am Ende abreisen und Polen in guter Erinnerung behalten." Von der Ukraine spricht die Frau gar nicht.

Nach dem Eröffnungsspiel in Warschau, wo sich am Freitag in der Fanzone vor dem Plac Defilad am Kultur- und Wissenschaftspalast 100.000 Menschen versammelten, kann tatsächlich für ein Land mit 38 Millionen Einwohnern eine Art Aufbruchsstimmung ausgehen. Vom ersten Auftritt der Ukraine, die am Montag in Kiew gegen Schweden antritt, wird so eine Initialzündung für fast 50 Millionen Menschen kaum erwartet: Die auf die Flaniermeile Kretschatik gelegte Fanzone taugt wegen ihrer unzähligen Bierstände zum kurzfristigen Faszinosum der Massen, aber mittelfristig wirklich befreiende Wirkung hätten andere Tatsachen - etwa weniger Korruption und Willkür im gesellschaftlichen Alltag.

Kooperation nur in Sicherheitsfragen

Der Traum, dass sich das EM-Turnier als Katalysator der ukrainischen EU-Integrationsambitionen erweist, ist längst geplatzt. Die polnischen Ausrichter bereden mit den ukrainischen Organisatoren nur noch das Nötigste. Wenn kooperiert wird, geht es vor allem um Sicherheitsfragen. Gerechnet wird damit, dass bald täglich rund 25.000 Menschen allein die Grenze im ostpolnischen Przemyśl passieren wollen, um ins westukrainische Lwiw (Lemberg) zu kommen, wo die deutsche Mannschaft gegen Portugal und Dänemark antritt. Ein polnischer Grenzkommandant hat verkündet: "Während der EM dauert es eine Minute in die Ukraine und zwei Minuten zurück." Aber er kann eigentlich nicht für die ukrainischen Kollegen sprechen. Gemeinsame Kontrollen verbietet das Schengener Abkommen. Irgendwie passend.

Polen und Ukraine - passt das zusammen? Wird es doch eine tolle gemeinsame EM? Oder sollten solche Turniere generell nur noch von einem Land ausgerichtet werden? Diskutieren Sie mit in der stern.de-Fankurve auf Facebook.

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