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EM 2016: Polen mauert sich zum Unentschieden

Es war das erwartet umkämpfte Spiel: Polen hat Deutschland bei der EM 2016 ein 0:0-Unentschieden abgerungen. Die DFB-Elf spielte überlegen. Doch vorne fehlte die Durchschlagskraft.

Kein Durchkommen auf beiden Seiten: Jerome Boateng im Zweikampf mit Polens Arkadiusz Milik

Kein Durchkommen auf beiden Seiten: Jerome Boateng im Zweikampf mit Polens Arkadiusz Milik

Kein Torjubel und wieder kein Sieg im zweiten Turnierspiel: Weltmeister Deutschland hat den vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale der EM 2016 verpasst. Sieben Monate nach der Terrornacht von Paris trennte sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Rückkehr ins Stade de France vom Dauerrivalen Polen 0:0. Den angepeilten Gruppensieg kann das Team von Bundestrainer Joachim Löw nun erst am Dienstag im Pariser Prinzenpark gegen Nordirland klarmachen. Mit Hilfe anderer Teams kann der Sprung in die K.o.-Phase aber schon vorher perfekt sein - der neue EM-Modus macht es möglich.

Für die deutsche Mannschaft, bei der Mats Hummels ein erfolgreiches Comeback gab, war es eine spezielle Rückkehr ins Stade de France. Dort hatte sie am 13. November vergangenen Jahres die schlimmen Terroranschläge von Paris hautnah miterlebt hatte. Entsprechend hoch war das Sicherheitsaufkommen im Risikospiel. 1200 Ordner und mehrere tausend Polizisten waren im Einsatz, die gefürchteten Ausschreitungen waren bis zum Anpfiff ausgeblieben.

Deutschland in der Einzelkritik
Manuel Neuer aus der Nationalmannschaft von Deutschland vor der EM 2016
Manuel Neuer

Erste Halbzeit ungeprüft. In Durchgang zwei hatten die Polen mehrere gute Chancen, die aber alle geblockt wurden, bevor Neuer eingreifen musste. Gewohnt sicher und solide im Spielaufbau und als Anspielstation. Note 2

© Foto:Arne Dedert/DPA
Benedikt Höwedes aus Deutschland vor der EM 2016
Benedikt Höwedes

Einen Schuss zu Beginn gut geblockt, ansonsten unauffällig. Hinten insgesamt solide, aber nach vorne quasi nicht vorhanden. Fungierte in Polens Hälfte maximal als Ballwand. Offenbarte mehrfach offensive Inkompetenzen. Löw wird wissen, was er sich dabei gedacht hat, ihn zum Außenverteidiger zu machen. Note 4.

© Foto:Christian Charisius/DPA
Jerome Boateng aus Deutschland vor der EM 2016
Jérôme Boateng

Hinten sicher, in Durchgang eins abgeräumt, was kam - auch wenn das nicht viel war. In zweiter Hälfte mit Sensationsgrätsche gegen Lewandowski. Danach durchweg eine Bank. Klärte mehrfach wichtig. Note 1

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Mats Hummels aus Deutschland vor der EM 2016
Mats Hummels

Ein paar Wackler zu Beginn. Ballverlust im Aufbau gegen Lewandowski. Wurde zunehmend sicherer, aber die leichte Unsicherheit weiter spürbar. Nach der Halbzeit dann direkt mit starker, wichtiger Grätsche. Danach wieder gewohnt sicher. Note 3

© Foto:Christian Charisius/DPA
Jonas Hector aus Deutschland vor der EM 2016
Jonas Hector

Munterer Beginn. Vorne mutig, hinten solide. Ein paar gute Hereingaben, stets anspielbar. Obwohl noch nicht lange Stammkraft, sehr gut eingebunden. Insgesamt entwickelte aber auch er zu wenig Gefährliches. Note 3

© Foto:Arne Dedert/DPA
Sami Khedira aus Deutschland vor der EM 2016
Sami Khedira

Holte sich nach drei Minuten semi-nötiges Gelb ab. Ansonsten spritzig, lauffreudig und um Einfluss auf das Spiel bemüht. Räumte viel ab, in Sachen Einsatz ganz groß, konnte die Offensiv-Bemühungen aber auch nicht richtig ordnen. Note 3

© Foto:Christian Charisius/DPA
Toni Kroos aus Deutschland vor der EM 2016
Toni Kroos

Gewohnt souverän und passsicher. Taktgeber im zentralen Mittelfeld, aber weniger auffällig als gegen die Ukraine und sogar mit ein paar Fehlpässen. Dennoch mit mehreren guten Torschussvorlagen. Versuchte es mehrmals aus der Distanz. Note 3

© Foto:Adidas/DPA
Thomas Müller aus Deutschland vor der EM 2016
Thomas Müller

Ähnlich unsichtbar wie im ersten Spiel. Eine gute Aktion zu Beginn: Vorlage für Kroos, der aus 12 Metern nicht traf. Ansonsten unglücklich. Mehrere Stockfehler, brauchte oft zu lange am Ball. Nach der Pause im Sturmzentrum nicht besser. Nach Gomez-Einwechslung wieder im Mittelfeld. Insgesamt erneut blass. Note 5

© Foto:Adidas/DPA
Mesut Özil aus Deutschland vor der EM 2016
Mesut Özil

Zu Beginn etwas bemühter als beim Auftakt. Insgesamt aber blass. Im letzten Drittel zu verspielt. Will immer nochmal durchstecken, statt mal zu schießen. Rund 20 Minuten vor Schluss dann guter Abschluss aus 14 Metern. In Durchgang zwei verbessert, riss aber nichts. Note 4

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Julia Draxler aus Deutschland vor der EM 2016
Julian Draxler

Solider Beginn. Versuchte immer mal wieder ins 1-gegen-1 zu gehen. Konnte aber keine Ausrufezeichen setzen. Wich nach 70 Minuten Gomez. Insgesamt eher enttäuschend. Note 4

© Foto:Christian Charisius/DPA
Mario Götze aus Deutschland vor der EM 2016
Mario Götze

Erste Halbzeit im Sturmzentrum abgesehen von einem Kopfball nach vier Minuten nicht zu sehen. Oft unglücklich. Zur Pause in die Dreierreihe zurückbeordert, sofort eine Großchance nach gutem Kroos-Zuspiel, scheiterte aus 15 Metern. Nach 65 Minuten raus - kann so viel mehr, blieb insgesamt blass. Note: 5

© Foto:Uwe Anspach/DPA
André Schürrle aus Deutschland vor der EM 2016
André Schürrle

Kam in Minute 65 für Götze. Sofort gute Vorlage für Özil, der aus 12 Metern am polnischen Keeper scheiterte. Machte vom Start weg Dampf und sorgte für Wirbel. Kreierte mehrfach gefährliche Situationen. Note 2

© Foto:Arne Dedert/DPA
Mario Gomez aus Deutschland vor der EM 2016
Mario Gomez

Kam in der 70. Minute für Draxler. Hatte in den 20 Minuten keine nennenswerte Szene. Note 4

© Foto:Christian Charisius/DPA


Defensiv stark, Offensiv unter den Möglichkeiten

Auf dem Rasen spielte das vor 73.648 Zuschauern keine Rolle. "Polen ist die stärkste Kontermannschaft, die ich in den letzten zwei Jahren gesehen habe. Wir müssen besser strukturiert sein als gegen die Ukraine", hatte Löw gefordert. Und seine Mannschaft setzte die Marschroute um. Druckvoll und dominant agierte die mit zehn Weltmeistern angetretene DFB-Auswahl, durch schnelle Balleroberungen wurden die Polen in die eigene Hälfte zurückgedrängt. Allerdings fehlte oftmals der geniale Moment, um das polnische Bollwerk auszuhebeln. So gab es bereits zum achten Mal in den letzten zehn großen Turnieren kein Sieg im zweiten Spiel.

Die Defensive präsentierte sich unterdessen deutlich gefestigter im Vergleich zum vor allem in der ersten Halbzeit orientierungslosen Auftritt gegen die Ukraine (2:0). Hummels kehrte dabei erwartungsgemäß für Shkodran Mustafi 26 Tage nach seinem Muskelfaserriss in der Wade zurück ins Team. Der 27-Jährige benötigte einige Minuten, um wieder in den Wettkampfrhythmus zu kommen. Erst verlor er einen Zweikampf gegen seinen zukünftigen Bayern-Kollegen Robert Lewandowski. Dann foulte er den polnischen Superstar. Später kämpfte sich der Weltmeister aber in die Partie, stand gut und blockte mehrmals erfolgreich die Konterversuche des extrem tiefstehenden Kontrahenten ab.

Götze blass im Sturm

In der ersten Halbzeit erarbeitete sich die deutsche Mannschaft ein deutliches Übergewicht. Der Unterhaltungswert des Spiels war aber gering. Ein Kopfball von Mario Götze (4.), der als sogenannte "falsche Neun" wieder den Vorzug vor Mario Gomez erhielt, und ein Schuss von Hector (6.) waren die ersten Annäherungsversuche. Gefährlicher wurde es in der 16. Minute bei einer Großchance des omnipräsenten Toni Kroos, nachdem sich Thomas Müller stark gegen den Dortmunder Lukasz Piszczek durchgesetzt hatte. Nur knapp verfehlte der Mittelfeldchef das Tor. 

Es fehlte allerdings die nötige Konsequenz und auch mitunter die Ideen gegen eine dicht gestaffelte polnische Mannschaft. Auch weil Mesut Özil, der zum 75. Mal für Deutschland auflief, und Götze wieder einen schweren Stand hatten. Auf der Gegenseite geriet das Tor von Manuel Neuer, der erneut Bastian Schweinsteiger als Kapitän vertrat, nicht einmal in der ersten Halbzeit in Gefahr.

Zweite Halbzeit: Große Chancen auf beiden Seiten

Das änderte sich schon nach 22 Sekunden in der zweiten Halbzeit. Nach einer Hereingabe von Kamil Grosicki musste Arkadiusz Milik den Ball nur noch über die Linie drücken, doch der Ex-Bundesligaprofi verfehlte den Ball nur knapp mit dem Kopf. Der Angreifer hatte Deutschland schon beim 2:0 der Polen in der EM-Qualifikation im Oktober 2014 mit seinem Führungstor geärgert.

Die deutsche Mannschaft antwortete auf die Schrecksekunde mit einer eigen Chance. Nach feinem Zuspiel von Kroos schießt Götze aber genau auf Torhüter Lukasz Fabianski, der den verletzten Wojciech Szczesny vertrat (47.). Löw hatte im zweiten Durchgang seine Offensive umgestellt und Müller nach vorne beordert. Es entwickelte sich ein offeneres Spiel, in dem die Polen gefährlich blieben. So musste Abwehrchef Jérôme Boateng gegen Lewandowski in höchster Not klären (59.), auch Milik ließ eine weitere Gelegenheit liegen (68.). Für Deutschland vergab Özil eine Großchance von der Strafraumgrenze (69.).


feh / DPA
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